Die Türkenbund-Lilie
Viele Burgen und Schlösser aus dem Mittelalter sind verschwunden und nur noch Ruinen erzählen noch von ihrer Geschichte. Nur das Château Raymond Pierre, steht noch in den stillen Tannenwäldern des Juras, dort, wo im Frühsommer die Türkenbundlilien blühen. In diesem Schloss wurde vor vielen Jahren die Verlobung des Schlossherrn mit dem tapferen Ritter Pierre de Nant bekannt gegeben. Aus diesem frohen Anlass wurden die Abgaben der Bauern an den Burgherrn nicht so strenggenommen, Strafen erlassen und Gefangene begnadigt.
Der Jubel war gross, als das Brautpaar vor das versammelte Volk trat, und der Bräutigam seine Liebste in die Schlosskapelle führte. Nach der Trauung fand ein rauschendes Fest statt. Der Wein floss in Strömen, die Minnesänger sangen Lobeslieder und die Damen und Herren tanzten in herrlichen Roben zur Musik der Kapelle.
Doch mitten in den Feierlichkeiten erschien auf einmal ein Bote des Königs. Er verlangte nach dem Bräutigam und rief: «Der Ritter Pierre de Nant muss für den König in den Türkenkrieg ziehen.»
Ein Raunen ging durch den Saal, als das junge Paar Abschied nahm. Der Ritter küsste seine Braut und sprach: «Bete für mich, meine Liebste, dass ich heil zu dir zurückkehre.»
Als er sein Pferd bestieg, übergab ihm die Braut eine Brieftaube mit den Worten: «Nimm sie mit und schicke sie zu mir, damit ich weiss, dass es dir gut geht.»
Noch lange schaute die Braut dem Zug der Ritter nach, und unendlich erschien ihr das Warten, als sie viele Wochen nichts von ihrem Liebsten hörte.
Endlich aber erschien die Taube mit einem Liebesbrief für die junge Frau. Bald schickte sie die Botin mit einer weissen Lilie als Zeichen ihrer Zuneigung zurück.
Die Taube erreichte den Ritter auf dem Schlachtfeld. Er drückte die Lilie an sich, doch im Laufe des Tages, durchbohrte ein Speer seine Brust. Mit letzter Kraft gab er die Lilie seinem Knappen und sagte: «Schick sie an meine Frau zurück und schreib ihr, dass ich in Gedanken an sie gestorben bin.»
So erreichte die Taube das Château Raymond Pierre. Die junge Frau nahm die Lilie mit dem Blut ihres Liebsten in die Hand und erkannte sogleich die Botschaft des Todes und sank im Garten des Schlosses zu Boden. Ihre Seele, so heisst es, eilte zu ihrem Liebsten, so dass sie im Tod wieder vereint waren.
Seitdem erinnert die Türkenbund-Lilie mit ihren rot gefleckten an die Geschichte der beiden Liebenden.
Fassung D. Jaenike., nach : LE LIS MARTAGON aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch