Der Löwe von Löwenburg
Vor langer Zeit wohnte auf Schloss Löwenburg ein Ritter mit seiner Frau. Der Burgherr musste lange auf den einzigen Erben warten. Als dieser endlich zur Welt kam, lud er alle zu einem großen Fest ein. Man feierte drei Tage lang, und alle waren willkommen. Jeder erhielt einen Schlafplatz und Verpflegung. Am dritten Tag sollten die Gäste dem Kind ein Geschenk überreichen. Manche sangen ein Lied, andere sprachen ein Gebet. Unter den Gästen war auch eine junge Frau. Sie trat vor die Wiege des Kindes und sprach: „Zum Dank für Speise und Trank will ich dem Kind die Zukunft voraussagen: Glück und Gesundheit warten auf euren einzigen Sohn, doch es droht ihm Gefahr von einem Löwen.” »
Die Gäste verließen die Burg, doch dem Schlossherrn ließen die Worte der Frau keine Ruhe. Im Wald gab es Bären und Wildschweine, aber keine Löwen. Der einzige Löwe weit und breit war jener im Familienwappen. Seine Sorge um den einzigen Sohn und Erben war so groß, dass er beschloss, ihn vor jeder Gefahr zu beschützen. So wuchs der Junge in der Löwenburg auf, ohne sie jemals zu verlassen.
Als er alt genug war, bildete man ihn in der Kunst der Jagd aus. Doch die wilden Tiere des Waldes hatte er noch nie gesehen. Der junge Mann konnte es kaum erwarten, das Schloss zu verlassen, doch sein Vater erlaubte es nicht.
„Denk an die Prophezeiung”, mahnte er seinen Sohn und zeigte auf das Familienwappen an der Wand. „Dir droht Gefahr von einem Löwen.” »
Da wurde der junge Ritter schliesslich so wütend, dass er mit voller Kraft auf das hölzerne Wappen mit dem Löwen einschlug. Dabei drang ein Splitter in seine Hand. Bald entzündete sich die Wunde und er erlag schon nach wenigen Tagen seiner Verletzung.
So erfüllte sich die Prophezeiung der jungen Frau, und der Ritter der Löwenburg starb bald darauf an gebrochenem Herzen.
Auch die Löwenburg zerfiel, und heute sind nur noch Ruinen von ihr übrig.“
Fassung Djamila Jaenike, nach: " Le Lion de Loewenbourg" aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch