Der Wald der Tränen
Nicht weit von Pleigne gibt es einen Wald, den Wald der Tränen. Dort ,bei der Quelle von Bourrignon, so erzählt man sich, kann man manchmal die Jungfrau Maria mit den verstorbenen Kindern durch die Nacht ziehen sehen. So erzählen es die alten Frauen und diese haben es von ihren Grossmüttern gehört. Denn einmal, es ist schon lange her, hatte eine Frau ihr Kind verloren. Der Verlust quälte sie so sehr, dass sie es zu Hause nicht mehr aushielt und in ihrem Schmerz in den Wald ging, um zu weinen. Sie weinte so lange, dass sie am Abend vor Erschöpfung auf den Waldboden sank und einschlief.
Als sie wieder erwachte, war es dunkle Nacht dunkel. Nur die Mondstrahlen erhellten die Nacht. doch Auf einmal hörte sie Schritte und feinen Gesang. Bald sah sie, wie die Jungfrau Maria mit einer Schar kleiner Kinder durch den Wald ging. Die Kinder waren in weisse Leinenkleidchen gehüllt und trugen Krüge, die mit Wasser gefüllt waren. Als sie zu der nahen Quelle kamen, leerten die Kinder die Krüge mit dem Wasser aus.
Die Frau fragte wie im Traum «Wer seid ihr und warum schüttet ihr das Wasser in die Quelle?»
«Wir sind die Kinder, die dieses Jahr gestorben sind und wir tragen die Tränen unserer Mütter.»
Erschrocken trocknete die Frau ihre Träne und da sah sie ihr Kind, wie es ebenfalls einen Krug trug und das Wasser in die Quelle schüttete.
Die Sehnsucht nach ihrem Kind ergriff sie, sie stand auf und wollte sich dem Zug der Kinder anschliessen. Da trat die Jungfrau Maria zu ihr und sagte: «Wenn du dich den Kindern anschliesst, wird die Welt der Lebenden dir für immer verschlossen bleiben. Kehre um und trockne deine Tränen, damit die Seele deines Kindes nicht so schwer daran tragen muss.»
Die Frau senkte den Kopf und als sie ihn wieder hob, war es dunkel und still im Wald. Von Ferne hörte man sie ein leises Singen, aber vielleicht war es auch das Murmeln der Quelle. Sie kehrte zurück auf den Hof, wo der Mann und die anderen Kinder auf sie warteten. Wann immer aber eine Frau ein Kind verlor, erzählte sie von ihrem Erlebnis im Wald und bald nannte man ihn nur noch den Wald der Tränen.
So erzählen es die Alten und sie haben es von ihren Grossmüttern gehört. Wer weiss, vielleicht erzählst es auch du weiter.
Fassung Djamila Jaenike, nach " Les Pleurs de la Forêt" aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch