Der höchste Hanfstängel
In dem Weiler Chevières lebte einst ein Bauer. Er hiess Jean und hatte eine Frau und achtzehn Kinder. Zu jener Zeit wurde in der Gegend von Muriaux vor allem Hanf angebaut. Doch das Leben der Bauern war schwer, denn sie hatten unter den strengen Vögten zu leiden und schliesslich folgte ein Jahr, in dem der Schnee acht Monate lang liegen blieb. Als er endlich schmolz, regnete und stürmte es und schliesslich gab es Wochen, in denen es nicht einen Tropfen regnete. Das Korn war noch nicht reif, als es schon wieder schneite. Jeans Vorratskammer war schon fast leer, die Kinder litten Hunger und bald musste er die Abgaben an den Vogt zahlen. Mehrere Scheffel Weizen, Hafer und Gerste. Jean war verzweifelt, fürchtete, nicht nur Frau und Kinder, sondern auch den Hof zu verlieren.
Als seine Frau ihn jammern hörte, beschloss sie, den Vogt persönlich um einen Aufschub zu bitten.
«Dein Mann muss die Abgaben zahlen», sagte der Vogt, «aber ich bin kein Unmensch. Er soll zu mir kommen und sich hier die Pacht verdienen.»
Am nächsten Tag erschien Jean beim Vogt, verbeugte sich und fragte mit welcher Arbeit er sich die Pacht verdienen könne.
«Du sollst nicht arbeiten, sondern mit mir wetten. Derjenige, der eine Geschichte erzählen kann, die der andere nicht glaubt, gewinnt.»
Der Vogt war sich seines Sieges sicher und er begann sogleich: «Ich habe einen Likör erfunden und einen Becher davon getrunken. Da wurde ich so leicht, dass ich bis zur Sonne geflogen bin, so nah wie noch niemand zuvor.»
«Was nur bis zur Sonne?», fragte Jean. «Da habe ich aber etwas ganz anderes erlebt. Aber ich erzähle es lieber nicht.»
«Erzähl, erzähl!», sagte der Vogt neugierig.
«Nun, lieber nicht», meinte Jean.
«Jetzt erzähl!», befahl der Vogt.
«Ja, also, auf meinem Feld wuchs ein Hanfstängel. Er war so hoch, dass er bis in den Himmel wuchs. Ich bin daran hochgeklettert und kam direkt ins Paradies. Dort habe ich meinen verstorbenen Vater gesehen. Er wurde in einer Sänfte herumgetragen und trug die feinsten Kleider. Aber dann sah ich …»
«Was hast du gesehen?», wollte der Vogt wissen.
«Ach, es schmerzt mich, es zu erzählen. Ich habe ihren Vater gesehen, verehrter Vogt. Aber er war ganz mager, nur in Lumpen gekleidet und hütete die Schweine.»
«Das ist nicht wahr! Das glaube ich nicht!», rief der Vogt.
Da lächelte Jean und sagte: «Nun, dann habe ich die Wette gewonnen.»
Der Vogt hielt sein Versprechen und erliess ihm die Pacht. Zufrieden kehrte Jean nach Hause zurück. Im folgenden Jahr wurde die Ernte wieder besser und es heisst, dass er noch viele Jahre glücklich auf seinem Hof lebte.
Fassung Djamila Jaenike, nach "La plus haute tige de chanvre" aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch