Verspotte nicht die Tiere der Nacht
Es war einmal ein Hirte, der sass vor seiner Hütte und ass Polenta mit Milch. Gestört durch den Waldkauz, der unablässig rufend hin und her flatterte, schrie der Hirte auf gleiche Art zurück. Plötzlich aber besann er sich und rief:
«Kauz bist du,
Kauz bin ich,
willst du essen,
so komm zu Tisch!»
Kaum aber waren ihm diese Worte über die Lippen gekommen, da stand ein grosser Mann mit dem Kopf eines Kauzes vor ihm. Mit mächtiger Stimme, die den Tapfersten hätte erzittern lassen, sagte er: «Du hast mich gerufen. Was gibst du mir zu essen?»
Verblüfft reichte ihm der Hirte eine Schale Polenta mit Milch. Im nächsten Augenblick schon war sie leer. «Ich habe Hunger, was gibst du mir?», brüllte das Ungeheuer.
Der Hirte musste nun alles herbeischaffen, was er hatte, und alles wurde mit wilder Gier vom Kauz verschlungen: Mascarpone, Käse, Butter, Brot, Mehl, Salz, Zucker, Kaffee, Reis. Je mehr in seinen Backen verschwand, desto rasender wurde sein Hunger. Als nichts Essbares mehr zu finden war, wies der verzweifelte Hirte auf den Stall. «Essen Sie das Schwein, die Ziegen und die Kühe!»
Alle Tiere wurden verschlungen, bis auf eine Kuh. Sie konnte das Ungeheuer nicht fressen, denn auf ihrer Glocke war ein Bild der Madonna. Da wandte sich der Kauz zu ihm und brüllte: «Hunger! Hunger! Dann fresse ich eben dich!»
In seiner fürchterlichen Angst riss der Hirte ein Kreuz von der Wand und schrie: «Gesummaria helft!»
Ein markerschütternder Schrei ertönte, Blitze zuckten aus dem Körper des Ungeheuers und im nächsten Moment war der Kauz verschwunden. Der Hirte stürzte besinnungslos zu Boden. Als er erwachte, stand alles wieder auf seinem Platz, auch die Tiere waren zurück im Stall. Seit jener Nacht aber, da hütete sich der Hirte davor, je wieder ein Nachttier zu verspotten.
Fassung Carmela Saputelli, © Mutabor Märchenstiftung
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.