Gargantuas Badewanne
Erzählt in Genfer Mundart vom Erzähler Steve Barrot. Zu hören im Freilichtmuseum Ballenberg im Bauernhaus aus Lancy.
Gargantua war gut gewachsen, ein Riese war er geworden, mit einer Kraft, die Berge versetzen konnte. Wo er hinkam, nahm er Steine und warf sie nach Lust und Laune in die Landschaft, fast wie früher die griechischen Götter beim Puckspiel. Einmal wollte er nach Genf spazieren. Unterwegs bekam er Zahnschmerzen. Er riss sich die Eckzähne aus und warf sie in das Sassenage-Gebirge in Isère, man kann sie heute noch dort sehen. Dann schmerzte ihn auch noch ein Backenzahn. Diesen warf er zu Boden, so dass das Chartreuse-Massiv entstand.
Gargantua ritt auf einer riesigen Stute, die hatte ihm der König von Numidien geschenkt. Sie war so gross wie vier Elefanten. Als er mit ihr durch die Wälder der Beauce ritt, wollte sie mit ihrem Schweif die Wespen und Hornissen verjagen. Da sie aber so gross war, fegte sie gleich auch alle Wälder fort und übrig blieb eine Landschaft, so flach wie ein Pfannkuchen.
Es war Sommer, die Sonne brannte heiss vom Himmel, und die Bauern ernteten das Heu. Gargantua wurde es zu heiss, er hatte Lust ein Bad zu nehmen, aber nirgendwo war genug Platz, damit er sich in das Wasser legen konnte. Der Riese begann sich eine Badewanne zu graben, und so entstand das Bett der Rhône. Er grub und grub, warf die Erde weit hinter sich und dort liegt sie noch heute hoch aufgetürmt zwischen Annemasse und St. Julien.
Die Bauern, die gegenüber auf dem Hügel von Saint-Gervais das Gras mähten, beobachten das Schauspiel und staunten nicht schlecht, als die Hügel aus Erde und Steinen immer höher wurden. „Hola!, die Berge wachsen!“, riefen sie. Gargantua hatte das Bett der Rhône bereits bis nach Hermance verbreitert.
„Es wird grösser und grösser!“, riefen die Bauern. Der Riese aber grub weiter, bald war er in Yvoire, in Nyon, dann in Lausanne... „Grösser und grösser!“, staunten die Bauern. Als der Riese im Bouveret ankam, da klatschen sie in die Hände und applaudierten.
„Jetzt ist die Badewanne gross genug“, sagte sich Gargantua, denn nun war ein grosser See entstanden, der Genfersee, und am Ufer türmten sich auf der Salève die Steine über tausend Meter hoch! Gargantua badete und wusch sich in dem neuen See, dann wurde er müde. Er setzte sich auf den riesigen Erdhaufen und drückte den Berg mit seinem Hintern so ein, dass eine Kluft zwischen dem kleinen und dem großen Salève entstand.
Jetzt hatte Gargantua Lust, ein paar Steine auf dem Wasser hüpfen zu lassen. Er nahm ein paar runde Steine und sie fielen mitten in den Hafen von Genf. Man kann sie heute noch sehen, es sind die Steine von Niton. Ein Stein aber ging ganz daneben. Er landete in der Nähe von Thonex, es ist der Pierre à Bochet. „Ich glaube, jetzt gehe ich besser …“, dachte Gargantua und ging davon. Zurück blieb die Landschaft rund um Genf und jetzt wisst ihr, weshalb sie so aussieht.
Fassung: Djamila Jaenike, nach: C. Vellas, Légendes de Genève et du genevois, Genève 2007, ins Deutsche übersetzt von Doris und Steve Barrot.
Interessant zu wissen
Die Rhone hat ihren Ursprung im Rhonegletscher im Oberwallis. In Genf stösst sie mit der Arve zusammen, so dass das Wasser eine Zeitlang zwei verschiedene Farben aufweist. Der Riese Gargantua spielt im Romanzyklus von François Rabelais (16. Jhd.) eine wichtige Rolle und einige Menhire wurden nach ihm benannt.