Mutabor Märchenstiftung

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Die drei goldenen Schlüssel

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Zaubermärchen
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Erzählt in Bündner Mundart und auf Romanisch von der Erzählerin Sandra Greta Blum. Zu hören im Freilichtmuseum Ballenberg in der Sennhütte von Val Müstair.

Drei arme Brüder gingen in die Welt hinaus, um zu verdienen. Vor den Toren der Stadt trennten sie sich. Der Älteste gelangte in ein Gebirge. Dort hatte eine Fee ein schönes Marmorschloss auf einem Felsen. Diese Fee, eine gütige Frau, nahm ihn in ihren Dienst, und er hatte es gut und bekam, was er wollte. Nach einem Jahr sagte die Fee, sie müsse verreisen und gebe ihm die goldenen Schlüssel zu drei Zimmern. «Öffne nur die Zimmer auf der rechten und linken Seite, doch das in der Mitte, wo sich die ganze Pracht der Welt befindet, darfst du nicht öffnen, wenn dir dein Leben lieb ist!», sagte sie noch zuletzt, und dann verschwand sie. Verdutzt stand der Bursche da. Er dachte lang darüber nach, was die Fee gesagt hatte, und dann öffnete er langsam die rechte Türe. War das ein Glanz, alles war aus Gold oder Silber! Später ging er ins Zimmer auf der linken Seite, dort gab es nur Smaragde und Rubine. Lange stand er vor der Türe in der Mitte, bald wollte er öffnen, bald der Fee gehorchen. Während er hin und her schwankte, packte ihn plötzlich die Gier, und er hatte die Frechheit, die Tür zu öffnen. Auf einmal sah er alles, was schön ist, aber in dem Augenblick wurde er in einen Marmorblock verwandelt.
Nach vielen Tagen und Jahren kam der andere Bruder zur Fee und trat in ihren Dienst. Auch ihm gab sie die drei Schlüssel und sagte das Gleiche wie seinem älteren Bruder. Aber auch er wurde wegen seiner Neugier in einen Marmorblock verwandelt. Zuletzt kam der Jüngste zum Schloss der Fee, und sie stellte ihn ein. Dieser Bursche aber wusste, was sich gehört, und er gehorchte der Fee, nachdem er die Schlüssel erhalten hatte. Als die Fee erschien, öffnete sie selber das Zimmer in der Mitte. Mit einer Rute schlug sie auf die Marmorblöcke, und in dem Augenblick wurden die Brüder wieder lebendig. Die Fee gab allen dreien als Lohn so viele Kostbarkeiten mit, wie sie tragen konnten. Die drei Glücklichen segneten die Fee und verliessen dankbar das Schloss. Aber als sie zurückschauten, da sahen sie nur einen grossen wüsten Felsen. Das Schloss samt den riesigen Reichtümern war verschwunden.

Quelle: Die drei Winde, Rätoromanische Märchen aus der Surselva, gesammelt von Caspar Decurtins, Ursula Brunold-Bigler (Übers. und Hrsg), Desertina Verlag, erzählt in Surrein bei Sumvig

Interessant zu wissen
Die Armut führte auch in Graubünden oft dazu, dass die Kinder bereits im Jugendalter in die Welt hinaus zogen, weil sie in den kinderreichen Familien nicht mehr alle ernähren werden konnten. Dieses Märchen wurde in der Surselva erzählt, gesammelt von Caspar Decurtins, der sich mit der Herausgabe der 13-bändigen «Rätoromanischen Chrestomathie», für die Erzählkultur und Sprache Graubündens einsetzte. Seit 1938 gilt romanisch als vierte Landessprache der Schweiz. Das Motiv der verbotenen Kammer kommt in Märchen relativ häufig vor. Nur selten schafft es einer der Helden, wie in dieser Geschichte, der Versuchung sie zu öffnen, zu widerstehen.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.