Mutabor Märchenstiftung

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Die unerschöpflichen Quellen von Grandfontaine

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Region: Ajoie
Kategorie: Legende

Vor langer, langer Zeit wanderte an einem heissen Sommertag ein kränklicher alter Mann über die steinigen Wege an den Berghängen und durch die Täler der Ajoie. Er war in Lumpen gekleidet, trug schwere Schuhe und stütze sich auf seinen Wanderstock.

Es gab Leute, die sagten, er sei aus dem Königreich Austrasien gekommen, andere behaupteten, dass er im Kloster von Lathenans gewohnt habe, und wiederum andere waren sich sicher, dass er entlang der Lomont-Kette gekommen sei, da er sich in der Burg von Roche d'Or aufgehalten habe. So ist es ungewiss, woher er gekommen und wohin er gegangen war.

Der alte Mann schien bereits eine lange Reise hinter sich zu haben, denn seine schweren Schuhe waren weiss vom Staub. Nur unter Mühen gelangte er zu einem Bauernhaus. Er liess sich unter einem Holunderstrauch auf einem Stein nieder. Die glühende Sonne und die erstickende Hitze machten es ihm unmöglich, weiterzugehen. Da trat der Bauer unter die Türschwelle. „Herr“, sagte der alte Mann, „ich sterbe vor Durst, erbarmt euch, bitte gebt mir ein wenig Wasser.“

„Hörst du denn nicht den Brunnen dort rauschen?“, antwortete der Bauer. „Wenn du Durst hast, warum gehst du nicht hin und trinkst?“

„Ich bin so erschöpft. Ich kann mich nicht mehr bis dorthin schleppen.“

„Du Faulpelz, steh auf, lass mir meinen Platz. Ich will mich nun unter dem Holunderstrauch ausruhen.“

„Im Namen Christi, der am Kreuz unter brennendem Durst litt, weise mich nicht ab.“

 „Weg hier, sage ich dir.“

Der Fremde stand mühsam auf und schüttelte etwas Staub von seinen Schuhen ab. Dann setzte er seinen Weg fort.

Kaum war er verschwunden, bekam der Bauer einen furchtbaren Durst. Er rannte ins Haus, um zu trinken, aber es war kein Tropfen Wasser mehr da. Da sprang er zu der sprudelnden Quelle vor seinem Haus. Leer und trocken, selbst das Moss, das einstmals am überquellenden Becken hing, war ausgetrocknet.

In der Zwischenzeit kam der alte Mann zum nächsten Bauernhof. Er bat die Frau des Bauern um Wasser.

„Guter Mann, ich habe keine Zeit, mich um dich zu kümmern. Wenn du Durst hast, geh doch selbst zum Brunnen. Der ist nur ein paar Schritte von hier entfernt, gleich gegenüber bei der grossen Eiche.“

„Im Namen Christi, der die Samariterin um einen Trunk bat...“

„Lass gut sein mit deinem Geleier und lass mich in Ruhe. Ich habe Besseres zu tun, als mir dein Gejammer anzuhören.»

Der Alte entfernte sich, ohne zu murren, schüttelte den Staub von seinen Schuhen und ging zurück auf den Weg.

Kaum waren seine Schritte verhallt, bekam die Frau einen brennenden Durst. Sie rannte in die Küche, um sich Wasser aus dem Eimer zu schöpfen. Der Eimer war leer. Sie eilte zur Quelle. Diese war versiegt. Das Quellbecken nur noch ein ausgehöhlter Holzklotz. Die Frau begann zu jammern: „Wie sollen wir ohne Wasser leben? Unsere Herden werden verdursten. Was ist passiert?“

Inzwischen stieg der Alte langsam den Hang hinauf bis vor das Bauernhaus auf der Waldschneise. Dort bat er den ältesten Sohn des Bauernhofs, ihm etwas zu trinken zu geben.

„Der Brunnen ist ganz in der Nähe. Geh dort hin und trink aus deinem Hut.“

Der Bauernsohn lachte über diesen Scherz, denn die Kappe des Alten war durchlöchert wie ein Sieb. „Im Namen Christi, der die kleinen Kinder segnete, erbarme dich meiner und gib mir ein wenig Wasser, denn ich leide sehr.“

„Geh selber zum Brunnen, sag ich. Ich habe keine Zeit für dich.“

Der Alte entfernte sich wortlos und langsam, aber nicht ohne etwas von dem Staub, der seine Schuhe bedeckte, auf den Boden zu schütteln.

Die Quelle war versiegt und ein grausamer Durst ergriff den jungen Mann.

Auf halbem Weg zum Berg traf der Alte ein Mädchen mit einem Krug voller Wasser. Er bat sie um etwas zu trinken.

„Sieh den Kavalier“, sagte sie. „Anstatt mir anzubieten, meinen Krug zu tragen, bittet er mich, ihm Wasser zu geben.“

 „Aber ich kann nicht mehr, mein Kind!“

„Geh zum Brunnen dort. Das sind doch nur ein paar Schritte.“

„Im Namen Christi, der die Tochter des Zöllners auferweckt hat ...“

„Ja, ja, komm wieder, wenn du sechzig Jahre jünger bist. Dann gebe ich dir alles, was du willst.“ Leichtfüssig hüpfte sie davon und lachte lauthals, während der alte Mann den Staub von seinen Schuhen schüttelte.

Was war das für ein seltsamer Unbekannter, der nicht bereit war, selbst Wasser aus den Brunnen zu holen. Er säte auf Schritt und Tritt ein Wunder als Zeichen seines Weges und die Menschen waren blind dafür.

Das Mädchen hatte aufgehört zu lachen, ihre Kehle brannte, und das schlechte Gewissen plagte sie. Sie war unhöflich gewesen zu dem Alten. Während sie darüber nachdachte, bekam sie Durst. Sie führte den Krug zum Mund. Er war leer. Sie kehrte zur Quelle zurück. Doch diese war versiegt. Kein Tropfen, kein Zeichen, dass dieser Ort je Wasser geführt hatte.

Mühsam auf seinen Stab gestützt, schleppte sich der Alte auf nach Roche d'Or hinauf, hin zur wehrhaften Burg. Er näherte sich den Waffenknechten am Burgtor. „Ich bin so müde“, sagte er, „dass ich darum bitte, die Güte der Schlossherren in Anspruch nehmen zu dürfen.“

Der Wächter hob dreimal den Türklopfer und die Zugbrücke senkte sich, um den alten Mann passieren zu lassen. Als er im Burghof ankam, sah er einen kunstvoll behauenen Steinbrunnen. Reines kühles Wasser sprudelt und verströmte eine sanfte Kühle. Die Schlossherrin kam durch den Hof, trug einen Krug, den sie gerade am Brunnen gefüllt hatte, und ging auf den Neuankömmling zu.

 „Bitte, lasst mich ein paar Tropfen Wasser trinken, ich bin so erschöpft, ich schwanke. Habt Mitleid mit mir, edle Dame.“

Ohne den Armen anzusehen, antwortete die Schlossherrin mit hochmütiger Stimme: „Seht dort, das Wasser fliesst unaufhörlich, geht hin und trinkt aus eurer hohlen Hand!“

„Mir fehlt die Kraft, um das Wasser zu schöpfen.“

„Ja dann: verzichtet!“ – „Im Namen Christi, vor dem wir alle Brüder sind...“

„Wer bist du, dass du dich dem Ritter von Roche d'Or gleichstellst?“, herrschte ihn der Burgherr an, der durch das Tor trat.

„Weg da, und zwar schnell, sonst führen dich meine Hunde dorthin zurück, wo du hergekommen bist. Geh und schleppe dein Elend woanders hin!“ Er rief den Wächter, der den Alten vor das Burgtor führte.

Der Alte schwieg und macht sich auf den Weg, nicht ohne davor den Staub von seinen Schuhen zu schüttelten. Im Weggehen murmelte der Alte vor sich hin: „Möge die Hand Gottes nicht das Haus des Reichen treffen, der den Armen abweist.»

Die Schlossherrin wollte gerade in ihre Gemächer zurückkehren, als ihre Kehle vor Durst schmerzhaft brannte. Sie wollte sich aus dem Krug etwas Wasser schöpfen. Der Krug war leer! In dem Moment rief der Burgherr: „Der Burgbrunnen ist versiegt und die Steine zerbersten.“

Die Beide sahen sich ängstlich an und dachten an den Unbekannten, den sie so hart vertrieben und dem sie das Almosen eines Bechers Wasser verweigert hatten.

Der Alte kam, schwer auf seinen Stock gestützt, in das Dorf hinter dem Eichenwald am Fusse des Berges. Auch hier fragte er von Hof zu Hof um Wasser. Es wurde ihm verweigert. Und eine um die andere Quelle versiegte. Panik brach aus. Nirgends mehr Wasser!

So kam es, dass in kürzerer Zeit, als man erzählen und schreiben kann, die Quellen einer ganzen Region auf Geheiss dessen versiegten, der gesagt hat: „Ein einziges Glas kaltes Wasser, das in meinem Namen einem Armen gegeben, soll nicht unbelohnt bleiben.“

Die betroffenen Bauern taten sich zusammen: „Der alte Bettler ist schuld, er ist ein Zauberer. Wir müssen ihn finden und zwingen, das Unrecht wieder gut zu machen, sonst verbrennen wir ihn!"

Aber wohin der alte Mann gegangen war, wusste niemand. Am nächsten Tag wollten sie sich auf die Suche nach ihm machen.

Der Alte kam entlang einer dichten Haselnusshecke zu einem Dorf. Er ruhte sich auf einer Gartenmauer aus. Aus dem Garten hinter der Mauer hörte er eine Frauenstimme sagen: „Wie schlimm, dass wir kein Wasser haben. Alle Pflanzen gehen ein, der Tagesvorrat ist aufgebraucht, und die Tiere werden heute Abend nicht satt.“

„Das ist das Schicksal aller in unserem Dorf“, antwortete ein Mann. „Wir werden alle sparen müssen. Wenn wir doch nur so gut versorgt wären, wie die Bauern dort drüben, bei denen wir unser Wasser holen müssen.“

 „Vater“, sagte eine junge Stimme, „es ist noch ein Glas Wasser übrig. Weil es so heiss ist, sollst du es haben. Wir trinken erst, wenn wir von der Quelle zurück sind.“

Da stand der Alte auf, um wegzugehen. Was sollte er diese unglücklichen Menschen um Wasser bitten, wenn diese selbst an Durst litten. Da fiel ein Stein aus der Mauer. Das hörte der Vater, der in den Garten eilte: „Guter Mann, was möchtet ihr?“ ­

„Trinken, ich flehe euch an, ich kann nicht mehr“, antwortete der Alte.

 „Schnell, Tochter, hol das Glas Wasser. Eher verdurste ich selber, als dass ich einen verdursten lasse, der um Hilfe bittet.“

Das Mädchen reichte dem Alten das Glas. Was für eine Freude zu sehen, wie das Wasser den armen Wanderer wie zu neuem Leben erweckte.

„Danke, meine Freunde, danke, ihr habt mich gerettet. Möge Gott euch mit seinen Gaben beschenken. Glaubt mir, er wird euch eines Tages hundertfach vergelten, was ihr heute für mich getan habt.“

„So soll es sein“, antworteten Vater und Tochter im Chor. Der Alte wandte sich ab, tat ein paar Schritte bis auf die Wiese und pflückte ein paar Blumen. „Wo möchtet Ihr Wasser haben?“, fragte er den Vater.

„Wir sind alle Bauern und leiden alle unter dem Wassermangel. Für uns alle wäre es gut, wenn wir Mitten im Dorf eine Quelle hätten. Das würde allen nützen.

„Nichts ist unmöglich“, antwortete der Fremde, „für den, der den Regen fallen lässt und die Gestirne lenkt. Wenn ihr einen guten Brunnen mit stets frischem Wasser für alle Einwohner hättet, einen für euch und weitere in der Umgebung, wäre das gut?“

„Das wäre zu schön. So viel wollen wir nicht verlangen.“

„Hör zu: Ich werde diese Blumen an Stellen hinlegen, wo ich denke, dass Ihr Wasser gebrauchen könnt. Morgen, bei Sonnenaufgang, mach dich auf den Weg. Überall dort, wo die Blumen noch frisch sind, wirst du in der Erde graben und in geringer Tiefe auf Wasser stossen. Wo die Blumen vertrocknet sind, gibt es nur Felsen. Jede Quelle, die entspringt, wird nie versiegen.“

Der Alte legte Blumen in der Nähe dieses Bauernhauses hin, und als er durchs Dorf wanderte, liess er auf dem Dorfplatz und im ganzen Dorf da und dort Blumen fallen.

Am nächsten Tag bei Sonnenaufgang, oh Wunder, waren die Blumen an der Stelle, an die man ihm das Glas Wasser gebracht hatte, ganz frisch. Auch in der Nähe vieler Häuser lagen frische Blumen.

Als sich die Nachricht verbreitete, begann jeder an den so markierten Stellen zu graben und das Wasser sprudelte ans Tageslicht. Die Quelle auf dem Dorfplatz war besonders ergiebig. Die Dorfbewohner waren glücklich und segneten den unbekannten Alten.

Inzwischen kamen die Männer, deren Brunnen versiegt waren. Sie hatten sich zusammengerottet, um nach dem Alten zu suchen. Sie waren mit Mistgabeln und Stöcken bewaffnet und hatten sich Rache geschworen. Da hörten sie, wie das Dorf zu so vielen Quellen gekommen war. Sie schämten sich, kehrten reumütig nach Hause zurück und baten Gott um Vergebung.

Die Bewohner des Dorfes, die für die wohltätige Geste eines Einzelnen so sehr belohnt worden waren, errichteten auf dem Dorfplatz einen riesigen Brunnen, um das Wasser aus der grossen Quelle zu verteilen, und beschlossen, dass ihre Stadt in Erinnerung an dieses Wunder von nun an den Namen Grandfontaine tragen sollte.

Als der alte Mann sah, dass die Lektion, die er den herzlosen Menschen erteilt hatte, ihre Wirkung getan hatte, liess er in einer freundlichen Geste die versiegten Quellen in den Dörfern wieder fliessen. Seitdem bleiben im ganzen Land die Tür für vorbeiziehende Bettler offen, damit sie sich nicht bei Gott beschweren. Der seltsame Wanderer jedoch wurde in dieser Gegend nie mehr gesehen.

Nach: «Les sources intarissables de Grandfontaine», aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch