Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der Kobold vom Mont-Soleil

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Kategorie: Sage

Der schönste Berg im Jura ist der Mont-Soleil. Die Suze umfliesst ihn mit ihrem blauen Band und trägt das Wasser der Bäche, Flüsschen und Wasserfälle in den Bielersee. In dieser wunderschönen Gegend, über der die Sonne einen goldenen Glanz legt, lebte einst der Kobold Soutré. Er fühlte sich dort oben wie der König der Berge. Er kannte alle Tiere des Waldes, jeden Bergbach, jeden Baum und jede Blume, die auf den hellen Wiesen wuchsen. So lebte er viele Jahre wie im Paradies.

An einem Morgen sah er wunderschöne Feen durch den Wald tanzen. Sie umkreisten Soutré lachend, streckten ihre Hände nach ihm aus, doch wenn er sie fassen wollte, sprangen sie fröhlich davon.

Von diesem Tag an konnte Soutré an nichts anderes mehr denken als an die Feen. Er sah den goldenen Glanz des Mont-Soleil nicht mehr, hörte den Gesang der Vögel auf den Tannen nicht, und war blind für die Freundlichkeit der Tiere am Berg.

Jeden Morgen wartete er auf die Feen, schaute ihrem Tanz zu, versuchte sie zu erhaschen und blieb traurig zurück, wenn sie verschwanden.

An einem Tag tanzten die Feen Richtung Tal hinunter und riefen: «Komm mit uns, König Soutré!»

Sie flatterten und tanzten,und Soutré stolperte hinter ihnen her ins Tal. Doch je höher die Sonne stieg, umso schneller tanzten auch die Feen, bis sie schliesslich in der Mittagssonne verblassten.

Soutré schaute ihnen nach, erschöpft vom langen Weg und erkannte zu spät, dass er sein Paradies, das Königreich auf dem Mont-Soleil, wegen eines Windhauchs verlassen hatte.  Er begann zu weinen und seine Tränen fielen auf das Gras, auf die Blätter und Blumen. Man kann sie heute noch sehen, es sind die Tautropfen, die jeden Morgen auf den Blättern, Blumen und Bäumen liegen, bis die Sonne kommt und sie wie ein Windhauch verschwinden.

Von diesem Tag an hat man Soutré nie mehr gesehen, aber auf dem Mont-Soleil kann man noch den Glanz sehen, den die Sonne über den Berg legt.

Fassung D. Jaenike, nach: «Le lutin du Mont-Soleil», aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch