Der Teufelsschuh
Zur Zeit der Kreuzzüge musste sich auch der Ritter der Spiegelburg auf dem Mont Mirail auf den Weg in das Heilige Land machen. So blieb die Herrin allein auf der Burg. Die Zeit wurde ihr lang und so waren ihr die wenigen Reisenden, die bei der Burg um Gastfreundschaft baten, sehr willkommen.
An einem Tag kam ein vornehmer Reisender zur Burg und bat darum, den Winter auf der Burg hier oben verbringen zu dürfen. Die junge Frau freute sich über den weitgereisten Gast, der viel zu erzählen hatte. Mit seinen Geschichten verging die Zeit wie im Nu und bald vergass sie auch die Sehnsucht nach ihrem Mann, der schon so lange im Krieg war. Doch als der Frühling kam, wollte der fremde Mann nicht mehr weiterziehen, ja er sprach sogar von Liebe. Diese Schmeicheleien gefielen der jungen Frau und sie schwankte, ob sie ihrem Mann treu bleiben oder den Avancen des Gastes nachgeben sollte. Dieser wurde immer ungeduldiger, doch die Burgherrin bat Tag um Tag um Aufschub, bis man eines Abends Pferdehufe hörte und am Schlosstor der Ruf erklang: «Der Herr ist zurück!»
Freudig sprang die junge Frau auf, ihrem Mann entgegen. Der Gast jedoch zeigte nun sein wahres Gesicht: Seine Miene wurde zu einer hässlichen Fratze, seine Arme überzogen sich mit Fell, als er in der Gestalt eines Teufels davonsprang, flogen ihm die Schuhe von den Ziegenfüssen. Einer blieb auf dem Felsen neben der Burg hängen – man kann die Felskuppe heute noch sehen, wo der Schuh zu Stein geworden ist.
Von der Spiegelburg ist nur noch eine Ruine übrig, aber überall in den Freibergen erzählt man sich die Legenden der Frauen, die viele Jahre treu auf die Rückkehr ihrer Männer gewartet haben.
Fassung D. Jaenike, nach: "La roche au sabot", aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch