Mutabor Märchenstiftung

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Der Soldat und der Geizhals

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Region: Ajoie
Kategorie: Sage

Hinter dem Mont Terri im Jura hatte ein Bauer seinen Hof, umgeben von fruchtbaren Feldern. Mitten auf seinem Land gab es einen Brunnen mit frischem, klarem Wasser. Eines Tages stand der Bauer am Brunnen, als zwei Wanderer vorbeikamen, ein Soldat und ein Mönch. Es war ein heisser Tag, die Wanderer waren durstig und so fragte der Soldat den Bauern: «Wir haben Durst, dürfen wir aus deinem Brunnen schöpfen?»

Der Bauer schaute die beiden grimmig an und schüttelte den Kopf.

Da flüsterte der Mönch dem Soldaten zu: «Lass deine wenigen Münzen klimpern, das hilft bestimmt.»

Kaum hatte der Bauer das Klimpern in der Tasche des Soldaten gehört, sagte er: «Oh, ich gebe euch gerne Wasser aus meinem Brunnen, ihr seid ja sicher auch müde nach dem langen Weg. Ihr sollt es billig bekommen, nur ein Silberstück will ich haben.»

«Das ist zu viel!», sagte der Soldat.

«Für weniger gibt es keinen Tropfen!», beharrte der Bauer.

Da gab der Mönch dem Bauern eine Münze und sagte zum Soldaten: «Nimm so viel Wasser, wie du willst.»

Der Soldat füllte seinen Helm mit Wasser und ging, ohne einen Schluck davon zu trinken, zusammen mit dem Mönch davon.

Der Bauer rief ihnen verwundert hinterher: «Warum trinkt ihr denn nicht, ihr habt doch bezahlt?»

Der Mönch drehte sich um und antwortete: «Wir teilen das Wasser mit denen, die noch mehr Durst haben als wir».

Nach diesen Worten waren die beiden verschwunden.

Da wusste der Bauer, dass es keine gewöhnlichen Wanderer gewesen waren, sondern Gott persönlich mit einem seiner Apostel. Doch die Erkenntnis kam zu spät. Der Brunnen versiegte noch im gleichen Augenblick für immer. Die fruchtbaren Felder verdorrten und nur steinige Erde blieb zurück.

In seiner Verzweiflung wollte der geizige Bauer die Münze des Mönchs einem vorbeiziehenden Bettler geben, aber als er in seine Tasche griff, war da kein Silberstück mehr, sondern nur glühende Kohle.

Die Leute aber nennen den steinigen Acker heute noch: «Das Feld des geizigen Bauern.»

Nach "Le soldat et l'avare", aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch