Mutabor Märchenstiftung

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Der Drache mit den fünf Köpfen

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Kategorie: Sage

Vor langer Zeit lebte in den Sümpfen zwischen Miécourt und Fregiécourt ein Drache. Die Menschen zwischen Cornol und Asuel lebten in Angst und Schrecken, denn das Ungeheuer brachte Krankheit und Tod über das Land. Es liess sich nur besänftigen, wenn man ihm jedes Jahr eine junge Frau opferte. Viele Mädchen hatten schon ihr Leben gelassen und die Sorge, wessen Tochter das Los treffen würde, war gross. 

In einem Jahr traf das Los die Tochter des Grafen von Asuel. Der Schrecken war gross, denn die junge Frau war nicht nur schön, sondern hatte ein gutes Herz. Ihr Vater jedoch wollte sie nicht hergeben. Deshalb liess er ausrufen: «Wer den Drachen mit den fünf Köpfen besiegen kann, bekommt meine Tochter zur Frau!»

Aber kein junger Mann wollte sein Leben opfern und den Kampf gegen dieses Ungeheuer aufnehmen. So kam der Tag, an dem die junge Frau das Schloss verliess und machte sich ganz allein zur Höhle des Drachens begab.

Gerade zu dieser Zeit war ein junger Mann auf der Jagd. Pierra lebte schon lange mit seiner Familie im Wald verborgen vor einem bösen Lehnsherrn, der seinen Vater getötet und sie alle von ihrem Land verjagt hatte. Pierra hatte ein mutiges Herz, scharfe Augen und gute Ohren. Sein einziger Begleiter war sein treuer Hund Brisefer.  Als er Schritte auf dem raschelnden Laub hörte, erblickte er die junge Frau und fragte sie: «Was machst du ganz allein hier im Wald?»

«Ich bin auf dem Weg zum Drachen mit den fünf Köpfen. Das Los ist auf mich gefallen, und so werde ich heute mein Leben lassen, um das der anderen zu schützen.»

Erschrocken rief Pierra: «Niemals lasse ich zu, dass der Drache dich verschlingt! Warte hier, denn ich werde mich dem Ungeheuer stellen. Ich bitte nur um eines: Heirate mich, wenn es mir gelingt, den Drachen zu töten!»

Da lächelte die junge Frau über den Mut des jungen Mannes und sagte: «Wenn es dir gelingt, so komm zum Schloss Asuel. Ich werde auf dich warten.»

So machte sich Pierra auf den langen Weg zur Höhle des Drachens. Schon hörte er ihn schnaufen wie ein Sturm, und aus seinen fünf Köpfen stieg zischender Dampf auf. Pierra war ein guter Bogenschütze, und so traf er vier der fünf Köpfe. Doch dann brach sein letzter Pfeil. Da zog er sein Messer hervor und schlug dem Drachen den fünften Kopf ab. Mit letzter Kraft schnitt er die Zungen aus den Drachenköpfen, nahm sie mit sich und machte sich auf den Heimweg.

Währenddessen kam die junge Frau auf ihrem Heimweg am Kloster Lucelle vorbei. Dort traf sie einen Pilger und erzählte ihm ihre ganze Geschichte. «Geh du nur ruhig zurück zum Schloss. Ich werde nach dem jungen Mann sehen und ihm helfen.»

Bald schon kam der Pilger zum Sumpf, wo der Drache tot am Boden lag. Er zog einen Dolch hervor, schnitt dem Drachen die Köpfe ab und brachte sie zum Schloss, wo grosser Jubel losbrach. Der Graf ordnete eine grosse Feier an und versprach dem Pilger seine Tochter zur Frau.

Verzweifelt sass die junge Frau im Schloss. Wie oft sie auch beteuerte, dass dieser nicht ihr Retter sei, sondern ein Betrüger, es wollte ihr niemand glauben.

Am nächsten Tag machte sich der junge Pierra ebenfalls auf den Weg zum Schloss.  Man wollte ihn nicht einlassen, doch sein Hund Brisefer überwand alle Hindernisse und gelangte zur Tochter des Grafen. Sie erkannte ihn sogleich wieder und liess den jungen Mann holen. Nun standen sie beide vor dem Grafen.

«Ich habe den Drachen getötet», sagte der Pilger. «Hier sind die Köpfe als Beweis.» 
Da holte Piera die Drachenzungen hervor und sagte: «Schaut nach, denn ich besitze die fehlenden Zungen.»

So kam der Betrug ans Licht. Der Pilger wurde davongejagt und der junge Piera heiratete bald darauf die junge Tochter des Grafen von Asuel. Nun konnte er auch seine Familie auf das Schloss holen und sie lebten noch lange glücklich und ohne Sorgen.

Fassung Djamila Jaenike, nach: «Le Monstre à cinqe Têtes»  aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutaborwww.maerchenstiftung.ch