Das Fröschlein mit dem roten Collier
Erzählt in jurassischem Französisch von der Erzählerin Raymonde Froidevaux. Zu hören im Freilichtmuseum Ballenberg im Bauernhaus aus La Recorne.
Es lebte einmal eine Frau mit ihrem Sohn in einer armen Hütte, nah an einem Bach. Die Mutter war oft krank, und so musste der Junge Holz sammeln und Fische fangen und es verkaufen, damit sie genug zum Überleben hatten. Viel lieber aber wäre er in die Schule gegangen. Immer wenn er zum Bach kam, sah er dort ein Fröschlein sitzen, das trug eine rote Kette um den Hals schaute ihn mit freundlichen Augen an und blieb immer in seiner Nähe. Einmal aber sah er, wie ein grosser Vogel kam und das Fröschlein mit seinem langen Schnabel packen wollte. Schnell sprang er hin, nahm das Fröschlein in seine Hand, scheuchte den Vogel davon und trug das Fröschlein nach Hause.
«Was sollen wir mit einem Frosch im Haus?», fragte die Mutter.
«Das ist kein normaler Frosch, glaub mir Mutter!», antwortete der Junge.
«Nun gut, setze ihn in den Garten und kümmere dich gut darum», sagte die Mutter.
Der Junge setzte das Fröschlein in den Garten und ging dann fort, um Holz und Fische zu verkaufen wie jeden Tag.
Die Mutter fühlte sich heute etwas besser und wollte in ihrer alten Truhe nach einem schönen Tuch suchen. Doch was fand sie unter den Stoffen? Einen Beutel mit Geld! Als der Sohn nach Hause kam, zeigte sie ihm den Beutel und sagte: «Schau, was ich gefunden habe, jetzt kannst du endlich zur Schule gehen.» Der Sohn freute sich sehr und schon am nächsten Tag machte er sich auf nach Frankreich, um zur Schule zu gehen. Die Mutter kümmerte sich zu Hause um das Fröschlein. Sie freute sich über die Briefe ihres Sohnes, und noch mehr, als er endlich wieder nach Hause kam. Das Fröschlein hüpfte vor Freude auf und ab, als es ihn wiedersah.
Kurz darauf bekamen sie die Nachricht einer grossen Erbschaft. «Das Fröschlein hat uns Glück gebracht», rief die Mutter und der Sohn rief freudig: «Nun kann ich auch noch Deutsch lernen»! Schon bald zog er wieder los und die Mutter blieb mit dem Fröschlein zurück, das nun auf einem eigenen Stühlchen bei ihr am Tisch sass. Immer wenn ein Brief eintraf, hüpfte das Fröschlein vor Freude.
Als der Sohn ausgelernt hatte, kehrte er nach Hause zurück. Die Mutter umarmte ihn und kochte ein feines Essen, um seine Rückkehr zu feiern. Sie deckte den Tisch, stellte Weingläser auf und vergass auch nicht das Stühlchen für das Fröschlein. In dem Moment, als sich alle an den Tisch setzten, verwandelte sich das Fröschlein in eine wunderschöne Frau. Sie trug das rote Collier um den Hals und sprach: «Ich war die Königin der Frösche, du aber hast mich mit deinem guten Herzen erlöst. Von nun an will ich für dich sorgen, denn ich habe viele Schätze. Willst du mich heiraten?»
Der junge Mann schaute in ihre schönen Augen und wie hätte er da nein sagen können? So wurde die Hochzeit vorbereitet. Am Hochzeitstag kamen Kutschen und brachten die Hochzeitsgäste zur Kirche. Als sie jedoch zurückkehrten, stand da keine Hütte mehr, sondern ein schönes Schloss. Sie feierten drei Tage lang und lebten glücklich und zufrieden.
Neu erzählt von D. Jaenike, nach: A. Rossat, Les fôles, Basel 1914. © Mutabor
Interessant zu wissen
Bevor die Flüsse kanalisiert wurden, waren Frösche in den zahlreichen feuchten Randgebieten überall verbreitet und, neben den Fischen, eine willkommene Erweiterung auf dem Speiseplan. Vielleicht bestand das Collier des Fröschleins aus Amethyst-Chalcedon, der im Jura gefunden wird und einen violett-rosa Farbton hat. Die alte Schneiderin, die das Märchen um 1900 noch erzählt hat, liess den jungen Helden sowohl im nahen Frankreich wie auch in der Deutschschweiz lernen und wurde so auch den wenigen deutschsprachigen Dorfbewohnern gerecht.