Der Lohn

Land: Schweiz
Kategorie: Schwank

Ein Bursche, der Arbeit suchte, begegnete einmal unterwegs einem Mann, dem kurz zuvor ein Ohr abgeschnitten worden war. Das Blut floss ihm noch übers Gesicht, so dass der Mann einen traurigen Anblick bot. Mitleidig fragte der Bursche den Unglücklichen, wie und wo er sein Ohr verloren habe. Der sagte: «Ach! Ich war bei einem Bauern als Knecht eingestellt, und zwar unter der Bedingung, wer zuerst zornig werde, müsse sich ein Ohr abschneiden lassen. Da ich aber schlecht behandelt worden bin, habe ich meine Wut nicht zurückhalten können und deshalb den Lohn dafür gekriegt.» Da sagte der Bursche: «Schon gut! Nun will ich sehen, ob ich nicht im Stand bin, den Kerl in Wut zu versetzen!» Er ging hin und liess sich vom Bauern einstellen.

Am ersten Tag liess der Bauer ihn nach einem miserablen Morgenessen ganz allein dreschen. Aber als es Mittag wurde und niemand mit dem Essen auftauchte, füllte der Bursche einen Sack mit Korn, ging in das Wirtshaus nebenan und bezahlte damit sein Mittagessen. Der Bauer, der dies schon beobachtet hatte, dachte bei sich: «Oha, vor dem Kerl da muss ich mich in Acht nehmen! Was soll ich dem zum Arbeiten geben? Dreschen kann ich ihn nicht mehr lassen, sonst schaut für mich wenig heraus. Ich will ihn in den Wald zum Holzen schicken, da kann er nichts verderben!»

Der Knecht nahm also vier Pferde und ging in den Wald. Als er dort aufgeladen hatte, machte er sich heimzu. Unterwegs begegnete er einem Fuhrmann mit vier jämmerlichen Eseln. Genau das Richtige! Er fragte den Fuhrmann, ob er ihm nicht seine Esel gegen diese Pferde tausche. Der Fuhrmann antwortete: «Jawohl, sehr gern!» Darauf wechselten sie die Tiere aus, und er ging langsam nach Hause. Als der Bauer die vier mickerigen Esel anstatt seiner vier prächtigen Pferde sah, fragte er den Knecht: «Aber wo hast du die Pferde?» Der Knecht sagte: «Die hab ich verkauft, werdet Ihr etwa wütend?» Der Bauer antwortete: «Nein, nein!» Jetzt wusste er nichts mehr, was er seinem Knecht auftragen könnte, und gleichzeitig stieg der Zorn in ihm auf.

Vor seinem Haus stand ein riesiger Baum, den hätte er gerne gefällt gehabt. Deshalb befahl er eines Tages dem Knecht, eine Axt zu nehmen und den Baum zu fällen. Der Knecht gehorchte sogleich. Die Axt aber haute ihm zuwenig gut, und er sagte: «Ich muss die Axt ein wenig schleifen», und er schlug mit der Schneide mehrmals auf einen Stein, so dass die Axt kaputt war. Als der Bauer das sah, rannte er hin und schrie: «Was machst du da? So schleift man keine Axt!» Der Knecht fragte: «Werdet Ihr etwa zornig?» Der Bauer musste wohl oder übel sagen: «Nein!» Jetzt merkte der Bauer, dass es nichts anderes gab, als mit einer neuen Axt herauszurücken, und er sagte zum Knecht: «Geh dort hinauf, unter dem Bett hat’s noch zwei Äxte.» Da ging er hinauf.

In der Stube oben rief der Knecht: «Beide?» Der Bauer antwortete: «Ja, ja!» Da nahm der Knecht die Äxte und prügelte damit die Meisterin und die Magd schier zu Tode. Schliesslich kam er herunter und haute mit den Äxten noch stärker als vorher auf den Stein. Als der Bauer dies sah, wurde er fuchsteufelswild. Der Knecht merkte das und fragte sofort: «Werdet Ihr etwa zornig?» «Ja! Warum sollte ich nicht fuchsteufelswild werden wegen so einem Schuft wie du!» war die Antwort. Aber da sagte der Knecht schnell: «Her mit dem Ohr!» Und er nahm die Axt und schnitt dem Bauern das Ohr ab.

 

Aus: Die drei Winde, Rätoromanische Märchen aus der Surselva, Caspar Decurtins/Ursula Brunold-Bigler, Desertina Verlag, Chur 2002. © Ursula Brunold-Bigler.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch

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