Die Gräfin und der Wirt

Land: Schweiz
Kategorie: Novelle

Es waren einmal alte Eltern, die hatten als einziges Kind ein Mädchen. Sie waren arm, aber gut und fromm, und sie schickten ihre Tochter jeden Tag in die Messe. Sie ging als Taglöhnerin in die Stadt und verdiente so viel, dass sie für ihre Eltern, die nicht mehr viel arbeiten konnten, aufkam. Bald starben die Eltern nacheinander, und die Tochter verdiente weiterhin in der Stadt ihr Brot.

Eines Tages ging sie sehr früh an einer Kirche vorbei zur Arbeit in die Stadt, als es gerade zur Messe läutete. Sie sagte zu sich: «Meine Eltern haben mich geheissen, wenn immer möglich, in die Kirche zu gehen und ich habe noch genug Zeit, um Arbeit zu finden!» Sie ging zur heiligen Messe, und dann rannte sie, so schnell sie konnte, in die Stadt. Aber sie kam zu spät. Alle Arbeiter waren schon verdingt. Da weinte und klagte sie, weil sie weder Arbeit und noch Brot hatte. Sie stand vor einem grossen Wirtshaus und weinte laut. Da kam der Wirt heraus und fragte, weshalb sie weine. Sie antwortete: «Ich bin in die Messe gegangen und zu spät gekommen, und jetzt habe ich keine Arbeit und nichts zu essen.» Weil das Mädchen dem Wirt sehr gut gefiel, sagte er zu ihr, sie solle ein wenig warten. Er ging hinein und sagte zu seiner Frau: «Da draussen steht ein armes Mädchen, das weder Arbeit noch Brot hat. Sie scheint aber ordentlich zu sein. Wir haben keine Kinder und könnten sie als unser Kind annehmen, wir haben ja genug Geld!» Seiner Frau war dies recht, und sie nahmen das Mädchen auf.

Sie liessen einen Vertrag aufsetzen, worin das Mädchen versprach, für immer bei ihnen zu bleiben, dafür solle es die Erbin ihres grossen Vermögens werden. Sie schickten das Mädchen mit dem Namen Maria zur Schule, und sie wuchs zu einer grossen, schönen und sehr gescheiten jungen Frau heran, zu ihrer Freude und ihrem Trost.

Eine Viertelstunde von dieser Stadt entfernt stand ein grosses und schönes Schloss. Da wohnte eine Gräfin mit ihrem einzigen Sohn, einem jungen und rechtschaffenen Grafen. Die Gräfin hatte schon viele Male ihren Sohn ermahnt zu heiraten doch der hatte es damit nicht eilig. Jeden Tag besuchte der junge Graf das Wirtshaus, wo Maria war. Allmählich fing er für die junge Maria Feuer, und er beschloss, sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Eines Tages ging er in die Küche zu Maria und fragte sie, ob sie ihn heiraten wolle. Sie aber antwortete: «Warum machen Sie sich lustig über mich? Ich weiss doch, dass ich, ein armes Mädchen, nicht die Frau eines Grafen werden kann!» Aber er erwiderte, es sei ihm ernst, und er habe sich entschlossen, sie zur Frau zu nehmen. Da erklärte sie dem Grafen, sie sei zwar nicht abgeneigt, seine Frau zu werden; das könne aber nicht gleich geschehen, da sie dem Wirt und seiner Frau schriftlich versprochen habe, bis zu deren Tod zu bleiben. Seien die aber einverstanden, so wolle sie herzlich gern seine Frau werden. Sie ging zum Wirt und seiner Frau und erzählte, was geschehen war. Die waren damit ganz einverstanden und sagten: «Du hast zwar versprochen, für immer bei uns zu bleiben, aber solch einem Glück wollen wir nicht im Wege stehen, und wir geben unser Einverständnis.» Voller Freude überbrachte Maria dem jungen Grafen die Antwort des Wirts. Darauf übergab ihr der Graf zur Hochzeit seine eigene Goldkette und den Ring, den er am Finger trug, und sagte: «Von diesen beiden Dingen darfst du dich nie trennen, bewahr sie immer als deinen grössten Schatz auf!»

Bald darauf wurde eine prächtige Hochzeit gefeiert. Maria zog sich ins Schloss ihres Mannes zurück und lebte mit ihm völlig glücklich. Der Graf besuchte weiterhin täglich das Wirtshaus von Marias Wohltätern. Die fragten oft wie es gehe, und der Graf gab immer die gleiche tröstliche Antwort: Es gehe blendend, und Maria sei eine ausgezeichnete Frau.

Das Glück der Eheleute entfachte schliesslich im Herzen des Wirts Wut und Neid, und er fing an zum Grafen zu sagen: «Täusche dich nicht, Graf, denn Maria ist nicht so aufrichtig, wie du meinst! Sie ist falsch und betrügt dich.» Der Graf aber wollte das nicht glauben und beteuerte, niemand habe eine rechtschaffenere und treuere Frau als er, und dafür wette er seinen Kopf. Die Verleumdung des Wirts weckte dennoch im Herzen des Grafen Misstrauen gegen seine junge Frau. Oft stritten der Graf und der Wirt sich darüber, und letztlich kam es so weit, dass sie eine Wette auf die Treue der Gräfin um jeweils das ganze Vermögen abschlossen. Der Wirt sagte zum Grafen: «Du musst für einen Monat wegbleiben! In dieser Zeit werde ich die Goldkette und den Ring, den du ihr zur Hochzeit geschenkt hast, bekommen.» Wenn der Wirt Kette und Ring erhalte, so wäre das ganze Vermögen des Grafen sein, würde es ihm nicht gelingen, so wäre der Wirt ein armer Mann. Dieser Vertrag wurde aufgesetzt und unterschrieben.

Gutwillig wie immer kam der junge Graf zu seiner Frau nach Hause und sagte zu ihr: «Morgen früh gehe ich weg, ich muss wegen Geschäften einen ganzen Monat in der Fremde bleiben. Pass während meiner Abwesenheit gut auf, dass du niemanden ins Schloss lässt, und schau früh am Abend, dass alle Tore geschlossen sind, im übrigen sei rechtschaffen wie immer!»

Am andern Tag reiste der Graf ab. Der Wirt versuchte jetzt mit allen möglichen Schlichen, in den Besitz der beiden Schmuckstücke zu gelangen; doch vergeblich, es waren schon drei Wochen vorbei. Er bekam grosse Angst, sein Vermögen zu verlieren.

Endlich flüsterte der Teufel dem Wirt einen fiesen Gedanken ein. Er ging zu den beiden Mägden Marias und versprach ihnen einen grossen Geldbetrag und jeder ein schönes seidenes Kleid, wenn sie ihn heimlich ins Schloss liessen und ihn in einem Kasten im Zimmer der Gräfin versteckten. Die Mägde waren sofort dafür zu haben, und er versteckte sich im Kasten, ohne dass die Gräfin etwas merkte. Zur üblichen Stunde legte sie sich schlafen, in ihrem Zimmer betete sie innig, nahm die Kette vom Hals und den Ring vom Finger, legte sie auf den Tisch und ging gleich zu Bett. In wenigen Minuten schlief sie tief und fest. Da schlich der Wirt sich aus dem Kasten, nahm die Kette und den Ring und ging, ohne dass die Gräfin etwas merkte, aus dem Zimmer und nach Hause.

Am Morgen stand die Gräfin wie gewohnt auf. Nachdem sie sich angezogen hatte, wollte sie den Ring und die Kette nehmen, aber die waren verschwunden. Da erschrak sie fürchterlich. Alle Leute vom Schloss mussten bei der Suche der beiden Schmuckstücke helfen. Doch niemand fand sie oder wusste etwas davon, und die Gräfin war traurig und erwartete voller Angst die Ankunft ihres Mannes. 

Als der Monat vorbei war, kam der Mann nach Hause. Er begab sich als erstes zum Wirt und sagte: «Nicht wahr du hast die Wette verloren, weil du von meiner Frau die Kette und den Ring nicht erhalten hast?» «Freue dich nicht zu früh!», entgegnete der Wirt, «Schau hier die Kette und den Ring; die habe ich von deiner Frau bekommen!« Der Graf wurde totenbleich und konnte kein Wort herausbringen. Er hatte alles verloren.

Wortlos begab er sich auf sein Schloss und sagte zu seiner Frau mit fürchterlicher Stimme: «Zieh dein schönstes Kleid an, das du hast, und komm mit!» Die Gräfin wunderte sich, als sie ihren Mann so sprechen hörte, denn mit ihr hatte er immer sanft und lieb wie ein Lamm geredet. Sie gehorchte und folgte ihm. Sie gingen stundenlang zusammen, ohne ein Wort zu reden, er voraus und sie ihm weinend hintennach. Weit weg, mitten in einem Wald, drehte sich der Graf um und brüllte mit schrecklicher Stimme: «Du untreues Weib! Du bist der Grund meines Unglücks! Komm mir nicht mehr vor die Augen! Ins Schloss kannst du nie mehr zurück, denn wir sind daraus vertrieben worden.» Er nahm einen Geldbeutel mit einigen Münzen drin aus dem Sack, warf ihn seiner Frau vor die Füsse und sagte: «Das ist alles, was ich habe; das will ich dir noch geben.» Die Gräfin fiel ohnmächtig zu Boden, und der Graf ging weg und überliess seine Frau ihrem Schicksal.

Langsam kam sie zu sich und hob das Geld auf. Sie machte sich ganz traurig auf den Weg und kam in eine Stadt. Sie hatte gerade noch so viel Geld, dass sie sich Männerkleider kaufen konnte. Dann liess sie sich die Haare schneiden und verdingte sich als Soldat. Dank ihrer Schönheit und Milde war sie bald bei der ganzen Mannschaft beliebt. Sie kam vorwärts, wurde Korporal, Wachtmeister, Fourier und bald Hauptmann. Da sie sich dank ihrer Tapferkeit in einer Schlacht auszeichnete, wurde sie Major und bald darauf Oberst.

Eines Tages sass sie mit mehreren Offizieren in einem Wirtshaus bei einem Schoppen. Da schaute sie aus dem Fenster und sah ihren Mann, den Grafen, als einfachen Soldaten Wache stehen. Sie befahl einem andern Soldaten, diesen Wachmann abzulösen und zu ihr kommen zu lassen. Der kam voller Angst zum Oberst und dachte, er habe vielleicht im Dienst etwas falsch gemacht. Der Oberst aber zeigte sich mild und gnädig und fragte, ob er nicht sein Diener sein wolle. Der antwortete: «Aber ja! Wenn ich Euch erwünscht bin!» Denn er merkte nicht, dass der Oberst seine Frau war. Er diente ein paar Jahre lang beim Oberst, ass an seinem Tisch und wurde nicht wie ein Diener behandelt, wohl aber wie ein Bruder und Freund.

Eines Tages sagte der Oberst zu seinem Diener: «Ich beabsichtige, eine Reise in die und die Stadt zu tun, wo das Schloss des Grafen steht. Willst du nicht auch mitkommen?» Der Diener wurde totenbleich und antwortete: «Ich gehe, wohin Ihr befehlt!» Sie kamen in diese Stadt und richteten sich in der Herberge jenes Wirts ein, der sie betrogen hatte, und liessen sich ein rechtes Mittagessen auftischen. Während des Essens sagte der Oberst zum Wirt: «Ihr habt da ein schönes Wirtshaus.» Der erwiderte: «Ja, mein Verdienst ist ausgezeichnet.» Als er aus dem Fenster schaute, fragte der Oberst: «Wem gehört dieses Schloss da drüben?» Der Wirt antwortete: «Dieses Schloss hat dem und dem Grafen gehört, jetzt ist es mir.» Der Oberst fragte: «Habt Ihr es wohl gekauft?» «Nein», antwortete der Wirt und erzählte dem Oberst, wie er in Besitz des Schlosses gekommen sei. Der Oberst tat so, als sei er mit dieser Geschichte gänzlich einverstanden und sagte: «Ihr seid ein schlauer Fuchs, so einen gerissenen Kerl findet man nirgends! Richtet für morgen ein rechtes Mittagessen! Ich komme mit anderen Offizieren, dann müsst Ihr Eure schlauen Machenschaften zum Besten geben; auch sie werden ihren Spass daran haben.»

Am Abend begab sich der Oberst zum Gericht und erzählte den Fall. Am andern Tag kam das ganze Gericht, etwa 40 Personen, in Offizierskleidung ins Wirtshaus zum Mittagessen. Der Wirt tischte recht auf. Alle waren bester Laune, ausgenommen der Diener des Obersts. Nach dem Essen sagte der Oberst zum Wirt: «Jetzt musst du den Herren deine schlauen Machenschaften zum Besten geben, erzähl, wie du so reich geworden bist!» Mit Vergnügen erzählte der Wirt alles: wie er zuerst Maria bei sich aufgenommen habe, wie sie die Frau des jungen Grafen dieses Schlosses geworden sei, wie er Misstrauen in das Herz des jungen Mannes gesät habe und wie er schliesslich durch Lug und Trug in den Besitz des prächtigen Schlosses gekommen sei. Alle Anwesenden klatschten ihm zu. Der Diener stand totenbleich da, denn erst jetzt kam er drauf, wie die Sache gelaufen war. Auch der Oberst wusste erst jetzt alles.

Auf sein Zeichen hin füllte sich der Saal mit Soldaten; die verhafteten den Wirt und legten ihn in Ketten. Da stand der Oberst auf und sagte: «Mein Diener hier ist der Graf; ich bin die Gräfin, seine Frau». Und sie bewies auch, dass sie eine Frau und zugleich die Ehefrau ihres Dieners war; der war darob sehr erstaunt. Alle Anwesenden waren verblüfft. Als der König die Geschichte erfuhr, staunte er ebenfalls darüber, dass eine Frau es so weit hatte bringen können und so grosse Taten vollbracht hatte. Er schickte der Frau, dem angeblichen Oberst, grosse Geldbeträge und kostbare Geschenke. Der Wirt und seine Frau kamen an den Galgen. Der Graf und die Gräfin erhielten ihr Schloss und ihr ganzes Vermögen zurück. Von nun an lebten sie glücklich und hatten zahlreiche und schöne Kinder.

 

Aus: Die drei Winde, Rätoromanische Märchen aus der Surselva, Caspar Decurtins/Ursula Brunold-Bigler, Desertina Verlag, Chur 2002. © Ursula Brunold-Bigler.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch

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