Märchen aus Eritrea | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Märchen aus Eritrea

In Eritrea, dem Land im nordöstlichen Afrika, sind Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung. Jahrelange Zwangsrekrutierung, grundlose Inhaftierung und die Unterdrückung von Minderheiten bringen Zehntausende von Menschen jedes Jahr dazu, den gefährlichen Weg der Flucht zu wagen.

Märchen /ጽውጽዋይ:
Der Rat der Mäuseዛንታ ኣንበሳን ዝብእን ውኻርያን
Zwei Männer und zwei Eselዛንታ ሰብ ክልተ የእዱግ 
Die Geschichte vom Elefanten, vom Leoparden und seinem Sohn / ዛንታ ሓርማዝን ነብሪን ወዲ ነብሪን

Der Rat der Mäuse

Der älteste Feind der Maus ist die Katze. Einmal trafen sich deshalb die Mäuse, um sich gemeinsam zu beraten. Als sie alle beisammen waren, rief die erste Maus: „Die Katze tötet uns Mäuse. Was können wir dagegen tun?“ Gemeinsam überlegten sie, wie sie sich wohl am besten vor der Katze schützen könnten. Endlich hatte eine Maus eine Idee: „Lasst uns der Katze eine Glocke umbinden. Wenn sie kommt und uns fressen möchte, dann hören wir sie. So bleibt uns genug Zeit, um zu fliehen.“ Alle Mäuse waren mit diesem Plan einverstanden: „Ja! So machen wir es.“Nachdem sie den Rat beendet hatten, gingen sie nach Hause.
Dort sass der Grossvater der Mäuse. Er war zuhause geblieben und wartete gespannt auf die Entscheidung des Mäuserates. „Meine Kinder, was habt ihr beschlossen?“
Sie erzählten von ihrer Idee: „Wir wollen der Katze eine Glocke anziehen. Wenn sie in unsere Nähe kommt, so hören wir das Klingeln der Glocke und können rechtzeitig fliehen.“  Der Grossvater nickte nachdenklich. „Das habt ihr gut geplant, meine Kinder. Aber wer von Euch fängt die Katze? Und wer zieht ihr die Glocke an?“ Nun wurden die Mäuse ganz still vor Angst und flüsterten einander zu: „Das ist wahr. Wer soll sie für uns fangen?“ Niemand traute sich. Keine einzige Maus. So war der Rat der Mäuse am Ende vergebens.
Und bis heute gibt es in Eritrea eine Redewendung für einen Rat, der vergebens tagt und keine Lösung findet. Man sagt: „Es ist wie beim Rat der Mäuse.“

Märchen aus EritreaFassung Anina Meile, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

 

Zwei Männer und zwei Esel

Es trafen sich einmal zwei Männer auf der Strasse, die beide einen Esel mit sich führten. Die Männer begrüssten sich und plauderten miteinander. Auch die Esel begrüssten sich und schienen miteinander zu plaudern, indem sie ihre Nasen zusammensteckten. Das entging den beiden Männern nicht und der eine fragte: «Sag mal, was haben sich die beiden Esel eigentlich zu sagen?»
«Weisst du das denn nicht?», fragte der andere. «Die Esel haben den stärksten von allen Eseln als Boten zum Herrn geschickt, um zu fragen, wann er sie endlich von der Tyrannei der Menschen befreit. Immer, wenn sich zwei Esel treffen, fragen sie einander, ob der Bote schon mit einer Antwort zurückgekehrt sei.» Da die Esel bis heute die Köpfe zusammenstecken, wenn sie sich treffen, warten sie wohl noch immer auf den Boten, der ihnen die Freiheit bringt.

Märchen aus Eritrea, Fassung Djamila Jaenike, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die Geschichte vom Elefanten, vom Leoparden und seinem Sohn

In Eritrea gibt es ein Sprichwort, das heisst: „Die Ziegen sind schuld, sagt der Leopard.» Wie es zu diesem Sprichwort kam, erzählt die folgende Geschichte: Ein Leopard war einmal auf der Jagd. Seinen kleinen Sohn musste er allein zurücklassen. Kaum war der Leopard fort, kam der Elefant, trat mit seinen grossen schweren Füssen auf das Leopardenjunge, so dass es starb. Dies alles hatte ein Mann gesehen. Er wartete bei dem toten Tier und als der Leopard nach Hause kam, rief er: «Es ist etwas Schreckliches geschehen, dein Sohn wurde getötet». Der Leopard erschrak und fragte: «Wer hat ihn getötet?»
«Es war der Elefant.»
Da erschrak der Leopard noch mehr, denn der Elefant war viel grösser und stärker als er. Deshalb sagte er: «Ich denke, es waren die Ziegen. Ich werde mich an ihnen rächen!»
«Aber nein!», sprach der Mann, «es war der Elefant ich habe es genau gesehen!»»
Doch der Leopard wollte nicht hören. Er sprang davon, um sich an den Ziegen zu rächen.
Bis heute jagen die Leoparden die Ziegen, weil man sie leichter fangen kann als die Elefanten. Und wenn sich einer, dem von einem Stärkeren unrecht getan wurde, gegen jemanden stellt, der schwächer ist als er, sagen die Eritreer: «Die Ziegen sind schuld, sagt der Leopard».

Märchen aus Eritrea, Fassung Djamila Jaenike, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

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