Hans Öfeli-Chächeli - Zaubermärchen, Deutschschweiz

Hans Öfeli-Chächeli

Deutschschweiz
Kategorie: Zaubermärchen / ATU-Nr: 500
 

In einem Dorfe lebten einmal zwei Bauern, die waren gute Freunde und hielten treue Nachbarschaft und halfen einander in allen Nöten. Der eine Bauer aber hatte eine Tochter, der andere einen Sohn, und die beiden waren schon als Kinder unzertrennlich, und je größer sie wurden, je lieber hatten sie sich; und als sie groß waren, wurden sie einander versprochen.

Nun aber hauste in einem Erdloch oben am Berg ein Herdmannli, das stellte der schönen Tochter drunten im Tale nach und kam mehr in den Hof auf Besuch, als ihr und ihren Eltern lieb war, und allemal brachte er kostbare Geschenke mit für die Frauen im Hause. Das Mädchen wollte von dem Zwerg nichts wissen, er war ihr gar zu hässlich und des Nachbars Joggeli gar zu lieb; aber die Geschenke des Wichtes gefielen ihr über die Maßen. Und als er eines Tages wieder viele kostbare Sachen gebracht hatte, da stach ihr unter dem Kram ein blankes Ringlein in die Augen mit einem funkelnden Stein. Da konnte sie nicht länger widerstehen und steckte ihn an ihren Finger. Da sprach der Zwerg mit krächzender Stimme:

"Jetz bisch mys Brütli fyn,
I wird dys Mannli syn!"

Erschrocken zog das Mädchen den Ring ab, legte ihn wieder zu den ändern Sachen und rief: »Nein, ich will deine Geschenke nicht, und dich schon gar nicht!«

Das ergrimmte das Männchen und es warf im Zorn die Kostbarkeiten auf die Diele, stampfte und schüttelte sich und schrie: »So schnell sind wir nicht geschieden, du und ich; heute in drei Tagen komm ich wieder. Wenn du bis dahin meinen Namen weißt, dann bist du frei. Errätst du ihn aber nicht, dann folgst du mir als meine Frau; dawider hilft dir nichts mehr in der Welt!« Damit war der Zwerg verschwunden.

Bei den Leuten aber war große Not im Hause. Das Mädchen zerbrach sich den Kopf, und vor lauter Nachsinnen wurde es schier hinterfür. Aber es wollte ihm nichts in den Sinn kommen. Die Frist war fast gar schon verstrichen, nur noch ein Tag, und sie musste die Frau des ungestalten Zwerges werden, denn die Zwerge haben die Füße nicht wie andre Leute, sondern nach rückwärts. An diesem Tag aber hütete ihr Liebster oben am Berg. Er saß am Rain bei seinen Geißen und sann darüber nach, was mit seiner Liebsten und dem Zwerge sich begeben, und wie er da saß und sann, da sah er aufsmal das Erdloch, das der Eingang war zur Höhle des Männchens, und eh er sich's versah, da trat der Zwerg selber hervor und hub an, gar närrisch sich zu gebärden, hüpfte und tanzte und sprang wie toll hoch in die Luft und sang dazu:

„He he, ho ho, hu hu:
hinecht choch ich es Chrütli;
more hol i mys Brütli;
Hoi, Rädli spinn!
Hoi, Haspeli winn!
Ei, Gott sygs dankt,
mys Schätzli nit weiß,
daß i Hans Öfeli-Chächeli heiß!“

Wer zuletzt lacht, lacht am besten! dachte der Bursche und merkte sich den Namen, und abends eilte er geradeswegs zu seiner Liebsten.

Andern Tags kam das Männlein zur Mittagszeit in die Küche, um die Braut heimzuführen. Er trat vor das Mädchen und fragte spöttisch:

»Nun, Herzeli, weißt du meinen Namen schon?« Das Mädchen aber tat, als wisse es den Namen nicht: »Heißest du etwa Gragörli?« fragte sie und verzog das Gesicht, als ob der Rauch vom Herd ihr die Nase beize. »Oder Strubeli-Chutzli oder Gixi-Gäxi oder Chussi-Mussi oder Muggi-Stutz?«

»Lätz, Lätz!« rief der Zwerg bei jedem Namen und hüpfte vor Freude von einem Bein aufs andere. »Dann heißest du am End gar Hans Öfeli-Chächeli?« Das Männlein erschrak, stampfte vor Zorn, fluchte und schrie:

»Das hat dir der Teufel gesagt, du wüste Hex!«, fuhr zum Rauchloch aus und ist nie wieder ins Tal gekommen.

 

Quelle: Götz E. Hübner und Sigrid Früh, Von Gletscherjungfrauen und Erdmännlein, Frankfurt 1988

 

    

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.