Der Adler

Land: Schweiz
Kategorie: Zaubermärchen

In einer grossen und schönen Stadt, weit weg von hier, lebte ein Ehepaar, das lange Zeit keine Kinder hatte. Als der Herrgott ihnen einen Sohn schenkte, sagte ihnen die Hebamme, die mehr wusste als andere Leute, sie müssten als Paten den Ritter nehmen, dem der Vater zuerst auf der Landstrasse begegne. Da machten die Eltern, was die Hebamme ihnen geraten hatte.

Auf der Landstrasse begegnete dem Vater bald einmal ein prächtiger Ritter auf einem Pferd, so weiss wie Schnee. Der Vater bat den Ritter, Pate zu sein, und der fremde Herr kam zur Taufe. Danach sagte der Ritter, er sei König auf einer grossen Insel im Meer, und es würde ihn sehr freuen, seinen Patensohn bei sich zu haben. Er lasse eine Rolle Goldstücke hier, die Eltern sollten den Knaben aufziehen, und wenn er siebzehn Jahre alt sei, sollten sie ihren Sohn zu ihm schicken, er werde seine Tochter bekommen. Als er ihnen eine Rolle Geld gegeben hatte, ritt er davon.

Vater und Mutter taten, was der Pate befohlen hatte, und der Sohn wuchs zu einem grossen und schönen Burschen heran. Mit siebzehn Jahren schickten sie ihn zu seinem Paten. Unterwegs wollte der Bursche einen Schluck Wasser aus einer Quelle trinken und ging auf die Knie. Aber da zog ein abscheulicher Zwerg ihm sein Schwert heraus und sagte: «Wenn du machst, was ich will, lass ich dich leben, sonst haue ich dir grad den Kopf ab!» Der Bursche bekam so fürchterlich Angst, dass er kein Wort mehr sagen konnte. Dann zwang ihn der Zwerg, sein Diener zu sein, und als sie auf die Insel des Königs kamen, gab er sich als dessen Patensohn aus und verlangte die Tochter zur Frau. Der König wunderte sich sehr, einen Patensohn mit Beinen so dünn wie Stöcke und einem Kopf wie ein Pfannkuchen zu haben. Er liess, weil er sein königliches Wort nicht brechen wollte, seine Tochter kommen und sagte: «Hier ist dein Bräutigam!» Aber die Prinzessin machte weitaus mehr dem Diener schöne Augen als seinem Herrn. Jetzt wurde der Zwerg fuchsteufelswild, und er zauberte die Königstochter auf eine Insel fort, wo es immer dunkel war. Voller Bosheit sagte er dem König noch dazu, dies habe sein Diener getan, der sei ein Zauberer. Da liess der König den Burschen ins Gefängnis werfen und befahl, ihm den Kopf abzuschlagen.

In der Nacht, bevor er hingerichtet werden sollte, erschien dem Burschen ein altes Männlein mit grauen Haaren und einem grossen Mantel. Und das gab ihm den Rat, er solle als letzten Wunsch drei mit Fleisch beladene Schiffe verlangen, und damit solle er die Königstochter suchen gehen. Am andern Tag gewährte ihm der König nach altem Brauch diese Gnade und beschwor ihn, mit diesen Schiffen die Prinzessin zurückzubringen.

Lange Zeit segelte der Bursche auf dem Meer herum, bis er endlich zur Insel der Bären gelangte. Denen gab er eine Ladung Fleisch zum Fressen und fragte dann den König der Bären, ob er mehr wisse, wo die Insel der Nacht sei. «Nein, das nicht», antwortete der König der Bären, «wenn du uns aber sonst einmal brauchst, so pfeif nur, und wir sind da!» Nach einigen Tagen kam der Bursche zur Insel der Leoparden. Auch die wussten nicht, wo die Insel der Nacht sei, versprachen ihm aber ihre Hilfe, als er ihnen eine Ladung Fleisch gab.

Besser ging es ihm bei den Adlern. Auf ihrer Insel gab er ihnen gleich die Ladung Fleisch, die auf dem letzten Schiff war. Zum Dank verlieh der König der Adler ihm die Macht, sich in einen Adler zu verwandeln, wenn er wolle. Auch liess der König alle Adler zusammenrufen und fragte, wer den Weg zur Insel ohne Licht kenne. Alle schwiegen, endlich trat der älteste Adler näher und antwortete auf die Frage des Königs: «Ich will ihm den Weg zur Insel schon zeigen!» und der Bursche ging mit ihm.

Sie flogen übers Meer und landeten nach einer langen Reise auf der Insel der Dunkelheit. Dort herrschte eine schreckliche Finsternis, und kein einziger Stern schien. Der Adler führte den Burschen zu einer alten Frau, die hatte gegen zehntausend weisse Mäuse, und er fragte das Weiblein, wo das verwunschene Schloss sei. «O, wenn Ihr dahin wollt, will ich Euch zwei weisse Mäuse geben, die werden Euch das Schloss zeigen.»

Der Bursche nahm die weissen Mäuse und machte sich auf den Weg. Der Adler fühlte sich in der Dunkelheit nicht wohl und flog zurück, aber er ermahnte den Burschen, in der Gefahr den Pfiff nicht zu vergessen. Die Mäuslein führten den Burschen durch die ganze Insel bis an den Fuss eines steilen Berges. Darauf stand ein Schloss, und durch eine Luke schaute die Königstochter mit ganz roten Augen vom Weinen.

Ohne Zeit zu verlieren, verwandelte der Bursche sich in einen Adler und flog zur Prinzessin hinauf. Im Zimmer nebenan legte er sein Adlerkleid wieder ab. Weinend umarmte ihn die Prinzessin und sagte: «O, wenn du den Drachen töten könntest, der zuunterst im Keller ist, dann wäre ich befreit!»

Ohne die geringste Angst nahm der Bursche sein Schwert und stieg viele Stufen bis zum Drachen in den Keller hinunter. Der Drache fing an, Feuer zu speien und zeigte dem Ritter seine schrecklichen Zähne. Der Patensohn des Königs begann, ihn mit dem Schwert anzugreifen; es war ein heftiger Kampf. Rechtzeitig kamen ihm die Pfiffe in den Sinn. Er pfiff, und im gleichen Augenblick waren die Bären, Leoparden und Adler im Schloss. Mit Hilfe dieser starken Tiere tötete der Patensohn den Drachen.

Dann schleifte er die Leiche des Ungeheuers aus dem Schloss. Er errichtete einen Scheiterhaufen, legte die Drachenleiche darauf und zündete alles an. Die Asche des Drachen warf er ins Meer. In dem Augenblick, als die Wellen die Asche verschlangen, wurden alle Bären, Leoparden und Adler in schöne Ritter und die weissen Mäuse in liebliche, reine Jungfrauen verwandelt. Mit einem riesigen Geleit kamen der Patensohn und seine Braut beim König an. Der Zwerg verlor trotz seiner Schliche und Zauberkünste seinen dicken Kopf unter dem Schwert.

 

 

Aus: Die drei Winde, Rätoromanische Märchen aus der Surselva, Caspar Decurtins/Ursula Brunold-Bigler, Desertina Verlag, Chur 2002. © Ursula Brunold-Bigler.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch

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