Die Tochter der Lilie und des Wermuts

Land: Frankreich
Kategorie: Zaubermärchen

Im roten Kaiserreich lebte der Rote Kaiser, und weil er ein Kaiser war, war seine Frau eine Kaiserin, und kaiserlich lebten sie lange Jahre. Ihre Freude wurde nur dadurch getrübt, dass sie keine Kinder hatten. Und sie hätten auch niemals eins bekommen, wären nicht eines Tages zwei Greise am Schlosstor vorübergegangen. Der eine fragte: «Weisst du wohl, Bruder, wer in diesem Schloss wohnt?»
«Ich weiss es, Bruder», antwortete der andere. «Hier lebt ein Kaiser mit seiner Kaiserin, und sie haben keine Kinder.»
«Aber sie könnten ein Kind haben», sprach der erste Greis.
«Wenn die Kaiserin ein Glas von dem Tau trinkt, der frühmorgens auf den Lilien und dem Wermut liegt, so bringt sie übers Jahr eine wunderschöne Tochter zur Welt. Dann wären die beiden glücklich.»
«Ja, aber das Glück wäre nicht von langer Dauer», entgegnete der zweite. «Was aus einer Pflanze entsteht, kehrt zu den Pflanzen zurück. Wenn ihre Zeit kommt, verwandelt sich das Töchterchen wieder in eine Blume.»
«Deshalb ist es besser, wenn niemand etwas davon weiss, wenn niemand es der Kaiserin sagt», sprach der erste Greis. «Es brächte ihr Kummer.»
«Du hast recht», nickte der andere, und sie gingen ihrer Wege.
Aber am Tor sass eine alte Bettlerin, die zögerte nicht lange und lief ins Schloss, um der Kaiserin zu berichten, was sie gehört hatte.
«Wenn du ein Glas von dem Tau trinkst, der frühmorgens auf den Lilien und auf dem Wermut liegt, bringst du übers Jahr ein Töchterchen zur Welt.»
Davon, was die Prinzessin im Leben erwarten würde, sagte die Alte kein Wort. Doch auch wenn sie es erzählt hätte, genützt hätte es nichts. Die Kaiserin wollte nichts weiter wissen. Sie beschenkte die Bettlerin reich und befahl, am nächsten Morgen den Tau von Lilien und Wermut zu sammeln.
Übers Jahr gebar die Kaiserin ein wunderschönes Mädchen, das weiss wie eine Lilie war und dessen Haar nach Wermut duftete. Ein so schönes Mädchen hatte es auf der Welt noch nicht gegeben. Mit der Zeit nahm seine Schönheit noch zu. Aber die Prinzessin wurde deshalb nicht hochmütig, im Gegenteil. Sie hielt sich am liebsten im Garten auf, spazierte zwischen den Blumen umher und sprach mit ihnen. Und die Blumen gaben ihr Antwort.
Die Jahre vergingen. Der Kaiser und die Kaiserin begannen, einen Bräutigam für die Prinzessin zu suchen. Das war nicht leicht. Es gab Bewerber wie Sand am Meer. Aus aller Herren Länder strömten sie herbei, denn die Kunde von der Schönheit der Königstochter hatte sich über die ganze Welt verbreitet. Aber die Prinzessin wollte nichts von einer Heirat wissen. Sie empfing die fremden Prinzen freundlich und unterhielt sich mit ihnen, sprachen sie aber von der Hochzeit, so sagte sie: «Ich kann dich nicht heiraten, denn du wärst nicht glücklich mit mir.»
Und das sagte sie so traurig, dass ihr jeder glaubte. So kamen immer weniger Freier, und bald zeigte sich im Schloss kein einziger mehr. Die Königstochter wurde wieder fröhlicher, der Kaiser und die Kaiserin aber grämten sich.
«Was soll nur aus dir werden, wenn wir einmal nicht mehr leben?»
Eines Tages aber kam noch ein Königssohn aus einem fernen Land. Auch er hatte von der schönen Prinzessin gehört und wollte sein Glück versuchen. Die Prinzessin empfing ihn wie alle anderen, und als er von der Hochzeit sprach, sagte sie traurig: «Nein, ich kann dich nicht heiraten, denn du wärst nicht glücklich mit mir.»
Doch der Prinz wollte ihr nicht glauben. «Warum sollten wir miteinander nicht glücklich werden?», fragte er.
«Die Lilie im Garten hat mir erzählt», entgegnete die Prinzessin, «dass meine Zeit gekommen sei, wenn ich das Hochzeitskleid anziehe. Und der Wermut hat hinzugefügt: ‹Wenn man dir den Brautkranz aufsetzt, wirst du zu uns zurückkehren.›»
Aber der Prinz lachte nur und rief: «Wie soll ich das glauben, schöne Prinzessin?»
Da senkte die Königstochter den Kopf und sprach: «So magst du es denn versuchen, doch beklage dich später nicht. Soll geschehen, was geschehen muss!»
Zur Freude des alten Kaisers und der alten Kaiserin begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Schneiderinnen nähten das Hochzeitskleid, die Gärtner wanden den Kranz für die Braut, aus allen Ländern der Welt kamen Könige und Kaiser gefahren. Wie nun alle Gäste eingetroffen waren, das Kleid fertig war und das Kränzchen bereit lag, wurde die Prinzessin für die Hochzeit geschmückt. Als man ihr aber das Hochzeitskleid anzog, wurde sie blass und begann zu weinen, und als man ihr den Brautkranz aufsetzte, schloss sie die Augen, als berühre sie der Tod. Der Prinz umarmte und küsste sie, doch die Prinzessin verwandelte sich in seinen Armen in eine Feldblume.
Der Bräutigam beweinte sein verlorenes Glück. Statt der schönen Prinzessin brachte er Kummer und eine weisse, duftende Blüte nach Hause. Die weisse duftende Blume blüht heute auf vielen Feldern und Wiesen. Die Menschen nennen sie «Kamille».

Aus: Djamila Jaenike, Blumenmärchen aus aller Welt, Mutabor Verlag, ©Dausien Verlag

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