Wie die Bürger von Gotham Haferbrei kochten

Land: England
Kategorie: Schwank

Seit vielen Generationen gehört in England der Porridge, der Haferbrei, zum traditionellen Frühstück. Bei armen Leuten gab es den Haferbrei allerdings nicht nur zum Frühstück, sondern auch gleich zum Mittag- und Abendessen. Im ganzen Land wurde im Frühling Hafer gesät, im späten Sommer geerntet und gedroschen und schliesslich zu feinem Mehl gemahlen. In jedem Haus stand ein Kessel über dem Herdfeuer und darin kochte der Porridge vor sich hin. Damit er gut schmeckt, muss der Porridge lange genug köcheln und nur die Engländer wissen genau, wie oft man darin rühren darf, damit er am besten schmeckt. Auch bei den Bürgen von Gotham gehörte der Haferbrei zum täglichen Essen, und die Menschen waren damit beschäftigt, das Feuer unter dem Herd am Brennen zu halten. So ging einmal der Bürgermeister von Gotham am Fluss entlang spazieren und kam zu einer Stelle, wo das Wasser hoch schäumte, als würde es kochen. «Schaut nur, wie das Wasser kocht», rief er den anderen zu, die auf der Brücke standen und ins Wasser schauten. «Wir könnten unser Hafermehl im Fluss kochen, dann bräuchten wir den Herd nicht zu heizen und hätten eine grosse Menge Porridge!». Der Bürgermeister liess diese Neuigkeit in der ganzen Stadt verkünden und bald wussten alle Bürger in Gotham, dass am nächsten Tag auf Gemeindekosten Haferbrei gekocht wurde. Dieser Vorschlag gefiel den Gothamer Bürgern. Sie eilten nach Hause und holten aus ihren Speisekammern Hafermehl. 

«Wir haben einen klugen Bürgermeister», sagten sie erfreut. Gleich am frühen Morgen liefen Scharen von Bürgern zum Fluss. Jeder trug einen Sack Hafermehl auf den Schultern, um Brei auf Vorrat zu kochen. Der Bürgermeister stand stolz auf der Brücke und schaute zufrieden zu, wie die Leute, einer nach dem andern, ihre vollen Säcke Mehl in den sprudelnden Fluss schütteten. «Drängt doch nicht so, es kommen alle an die Reihe!», rief er. Er freute sichdarauf, dass die Kunde von seiner Weisheit möglicherweise bis zu den Ohren des Königs kam. 

Währenddessen zog das wirbelnde Wasser das Hafermehl in die Tiefe und brodelte und sprudelte weiter, als wäre nichts geschehen. Die Bürger von Gotharn standen da und bestaunten das Wunder. «Ob der Porridge wohl schon fertig ist?», fragte einer den andern. «Wir müssen nachsehen», sagte ein besonders kluger Bürger und bot sich gleich an, diese Aufgabe zu übernehmen.Ohne zu zögern sprang er von der Brücke ins Wasser und war bald im brodelnden Wasser untergetaucht. «Jetzt isst er uns den Porridge weg!», riefen alle angstvoll. Da tauchte auf einmal der Kopf des Unglücklichen aus dem Wasser auf und schnappte nach Luft. «Ist der Haferbrei fertig?» riefen die Gothamer auf der Brücke ungeduldig. Der arme Mann im Wasser konnte aber kein Wort sagen, nur husten und prusten, denn das Wasser war viel tiefer, als er gedacht hatte. Schon tauchte er wieder unter.

«Seht, er will alles allein aufessen!», schrien die Bürger von Gotham und dann stürzte sich einer nach dem andern von der Brücke in den Fluss. Ob sie wohl gestorben sind? Aber nein, der Fluss trug sie ins Meer, das Meer in alle Länder der Welt. Und seit diesem Tag begegnet man den Dummköpfen auf Schritt und Tritt. 

Aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag

 

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