Ricciolino - Zaubermärchen

Ricciolino

Land: Schweiz
Region: Lago Maggiore
Kategorie: Zaubermärchen

In einem schönen Garten stand ein prächtiger Palast. In diesem lebte glücklich und zufrieden eine Familie, die aus einem Mann, einer Frau und ihrem Kindchen bestand. Bei ihnen lebte noch die alte Grossmutter, die ganz verliebt in ihr Enkelchen war.

Ein böser Zauberer, der ein wenig mit dem Teufel verwandt sein musste und dem er auch ähnlich war, ging eines Morgens da vorbei. Er sah die Mutter von Ricciolino, die gerade ihrem Kindchen rief. Kaum hatte er die schöne junge Frau gesehen, als er sich in sie verliebte. Welch eine schreckliche Sache, die Liebe eines Drachen!

Als erstes liess er aus Hass gegen den Ehemann diesen sterben, zum grossen Entsetzen aller im Hause. Dann versuchte er auf jede Weise sich der Frau zu nähern, die aber niemals das Haus verliess, nachdem sie seine Umtriebe erkannt hatte. Sie hielt die Haustüre und die Gartentüre wohl verschlossen.

Dem armen Ricciolino wurde nur manchmal erlaubt, im Garten zu spielen. Eines Tages, als Ricciolino auch gerade wieder draussen spielte, zeigte sich am Gartengitter ein wohl gekleideter, vornehmer Herr, der das Kind bat, seine Mutter zu rufen. Dieses lief schnell ins Haus und kam mit seiner  guten Mutter zurück. Der Herr bat, man möge ihm öffnen, er habe ihr wichtige Mitteilungen zu machen. Aber sie erkannte die Stimme des Zauberers und ohne zu öffnen entschlüpfte sie ihm mit dem Kind.

Einen Monat später spielte das Kind wieder im Garten. Da näherte sich ihm mit freundlichen  Worten ein anderer Herr, der ihm drei Karamellen aus grünem Zucker gab, die Ricciolino genäschig sofort ass. Aber eine davon war vergiftet und bald darauf hörte man ein lautes Schmerzgeschrei. Die Verzweiflung der guten Mutter, die fürchtete, ihr Einziges zu verlieren, liess sie den Zauberer vergessen und der Gefahr ihm zu begegnen. Sie lief hinaus einen Arzt zu holen. Der Drache aber, welcher im Hinterhalt lag, ergriff sie unter den Armen und trug sie fort.

Zu Hause indessen wartete man auf Mutter und Arzt und keines erschien. Unterdessen verschlimmerte sich der Zustand des Kleinen immer mehr, bis die Grossmutter auf den Einfall kam, ihm auf die Schulter zu klopfen. Das Kind erbrach das Gift und war gerettet.

Es gingen Tage, Monate, Jahre vorbei und immer fragte Ricciolino nach der Mutter und die Grossmutter weinte, ohne zu antworten. Eines Tages jedoch erzählte sie dem Enkel, der nun schon ein Jüngling war, dass seine Mutter in der Gewalt eines Zauberers sei und dass es unmöglich sei, sie wieder zu erlangen.

Ricciolino wurde traurig, dann nachdenklich, zuletzt entschlossen. Nachdem er die Grossmutter geküsst hatte, sagte er, er wolle gehen die Mutter suchen.

Er lief und lief. Er wurde so müde, dass er sich an den Rand der Strasse setzte. Plötzlich erblickte er nahebei ein spriessendes Blümchen, das sagte:

„Wer anstatt zu laufen, sich sehnt nach weichen Betten,
der kommt zu spät, um seine Mutter zu retten."

Da stand er schnell auf und lief weiter. Eine alte Frau begegnete ihm. Die fragte ihn, wo er hin wolle. Er antwortete ihr, dass er seine Mutter dem Zauberer wieder wegnehmen wolle. Die Alte, die eine gute Fee war, gab ihm eine Nuss, ein Haselnüsschen und einen grossen Rubin und sagte zu ihm: „Nimm diesen Pfad zur Linken und lauf vorwärts, ohne dich jemals umzusehen, weder zurück, noch nach einer anderen Seite. Du wirst einen Fluss finden. Öffne die Nuss. Sie wird dir als Barke dienen und dich hinübertragen. Geh weiter auf dem Pfad. Bald aber wirst du ihn versperrt finden von Ameisen, die dich nicht vorbeilassen. Zerbrich die Haselnuss, sie werden da hineinschlüpfen und der Weg wird frei sein. Geh weiter und halte den Rubin fest in der Tasche. Nimm ihn nur heraus wenn nötig, denn die roten Strahlen dieses Steins haben die Kraft zu töten."

Ricciolino wollte der guten Alten danken, aber schon war sie verschwunden. Er nahm also den Pfad zur Linken mit einem Herzen voll Hoffnung, kam am Fluss an und überquerte ihn mit der Nussschale. Er fand die Ameisen und bannte sie in die Haselnuss, bis er endlich vor dem Palast des Zauberers ankam. An der Türe standen zwei Löwen als Wächter. Der Rubin warf sie wie ein Blitz nieder. Auf der Diele fand er zwei weisse Bären und die Strahlen des Rubins töteten sie. An der Türe des Saals lagen zwei Riesenschlangen mit unruhigen, zweigespaltenen Zungen, bereit zum Angriff. Die Macht des Rubins vernichtete sie. Er trat in den Saal ein.

Da sass auf einem hohen Sitz der Zauberer, der neugierig dem Eindringenden entgegenblickte, der so mutig vorwärts ging und der ihm zurief: „Böser, gib mir meine Mutter zurück, oder ich töte dich."

Der Zauberer begann heftig zu lachen und konnte nicht aufhören, weil dieser Knirps ihn ermorden wollte. Aber Ricciolino erhob den rötlichen Stein, der rote Strahlen wie Höllenflammen aussandte. Und der Zauberer fiel nieder und schlug mit dem Kopf auf den Marmorboden. Es gab eine schwere Schläfenwunde, aus der das rote Blut in Strömen floss. Das sah so aus wie die Strahlen des Rubins, die ihn getötet hatten.

Unter dem Sitz kam ein Eidechschen hervor und sagte mit zärtlicher Stimme: „Ricciolino, mein Sohn, zertritt mir den Schwanz." Aber er wollte dem schönen Eidechslein den Schwanz nicht zertreten. Doch dieses bestand darauf so sehr, als ob ihrer aller Heil davon abhinge. Da zertrat Ricciolino mit dem Fuss das dünne, dünne Schwänzchen. Plötzlich hatte er keine Eidechse mehr vor sich, sondern seine schöne Mutter, die weinte und lachte und ihn umarmte.

Dann gingen Mutter und Sohn durch den Palast und zertraten allen Tieren dort den Schwanz und sie wurden Menschen. Dann begaben sich alle in den Wald und hieben Bäume um, so alt wie Methusalem. Davon bauten sie sich ein grosses Floss, mit dem sie über den verzauberten Fluss fuhren. Dort trennten sie sich und jedes kehrte in seine Heimat zurück.

Glücklicher Ricciolino, du hast deine Mutter wieder gefunden! Wie viele würden, um sie wieder zu erlangen, noch grössere Unbequemlichkeiten und Gefahren, als du gehabt hast, auf sich nehmen, wenn ihnen dadurch die Macht gegeben wäre, für einen Augenblick die guten Augen einer verlorenen Mutter wiederzusehen.

 

Quelle: L. Clerici, Helene Christaller (Übers.), Märchen vom Lago Maggiore.
Nach mündlicher Überlieferung gesammelt von Luigi Clerici, Basel o. J.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch; typografisch leicht angepasst.