Der Lobiseileufel

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Blickte man einst vom westlichen Rande des Farisberges über den halbrunden Felsenkranz hinunter, sah man gerade unter sich, am Abhang des Bergkessels, ein großes Bauerngut. Hier wirtschaftete im behaglichen Wohlstände der Bauer des Lobiseis. Auf dem kräftigen Linsboden gediehen üppige Kräuter in reichster Fülle. Der Viehstand nahm zu wie keiner rings herum, und alljährlich boten schwerbeladene Obstbäume ihre köstlichen Früchte. Allein, anstatt zufrieden zu sein mit dem Segen des Herrn, öffnete der Lobiseier sein Herz dem Teufel der Habsucht und jagte in unersättlicher Gier nach zeitlichem Gut.

An einem Morgen war der Bauer allein zu Hause, mit der Zubereitung von Käse beschäftigt. Seine Hausgenossen arbeiteten draußen, teils auf den Matten, teils im Walde.

Da erschien ein fremder Metzger auf der Schwelle der Käseküche und fragte freundlich grüßend nach fettem Schlachtvieh. Bereitwillig führte ihn der Bauer in die gefüllten Ställe, um ein geeignetes Stück herauszufinden. Der Metzger trug eine schwere Geldkatze um den Leib, die bald die lüsternen Blicke des Bauern auf sich gezogen hat. Wie nun der Fremde sich niederbückt, um mit kundiger Hand die Weichen eines Rindes zu prüfen, da durchzuckt ein satanischer Gedanke die Seele des Lobiseiers: mit Blitzesschnelle erfaßt seine Faust einen nahestehenden Melkstuhl, und vom tödlichen Schlage getroffen sinkt der Metzger leblos nieder. Kein Schmerzenslaut entwand sich dem krampfhaft
geschlossenen Munde, kalt und verglast starrt das erloschene Auge des Opfers seinen Mörder an. Der hat nichts Eiligeres zu tun, als sich des Geldes zu bemächtigten und die Leiche beiseite zu schaffen.

In der darauf folgenden Nacht, es war eine finstere Neumondnacht, scharrte der Bauer den Körper des Fremdlings in der Nähe der Düngerstätte ein und verwischte sorgfältig jedes Merkmal, das den gräßlichen Mord hätte verraten können.

Viele Jahre waren seit der schwarzen Tat verflossen. Der Lobiseier war alt geworden, und längst wuchs Gras über der Grabstätte des Gemordeten. Niemand, selbst die Nächsten des Mörders nicht, hatten das schreckliche Verbrechen geahnt. Die dem Teufel verschriebene Seele des Bauern wurde durch die Untat gar nicht bedrückt, und da das Geld bald vertan war, blieb keine Veranlassung mehr, um die Erinnerung daran wach zu erhalten. Er selbst glaubte, ein Geständnis dereinst mit in das Grab nehmen zu können. Aber er sollte erfahren, daß gewöhnlich schon hienieden jede Schuld sich rächt und die Nemesis, wenn auch oft erst später, doch gewiß den Bösewicht erfaßt.

An einem schönen Sommertag stand die Sonne schon tief über den Jurahöhen und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Kalkfelsen vom Lobisei. Eben war der alte Bauer damit beschäftigt, um die Düngerstätte herum zu säubern und das Gras wegzumähen. Wie er über die Stelle mäht, wo er einst den Erschlagenen verscharrt, trifft seine Sense etwas Hartes. Der Bauer bückt sich nieder, will das Hindernis wegräumen. Aber kein Stein ist es, wie er glaubt, nein, aus dem klaffenden Boden grinst ihn hohläugig ein menschlicher Schädel an. — Die Sage meldet, daß der Schädel geblutet. — Zitternd steht der alte Sünder da, er allein weiß, wem der Schädel gehört. — Kalter Schauder überläuft ihn, die Furien der Hölle stürmen auf ihn ein, heulend will er die Stätte fliehen, an die ihn immer wieder ein geheimer Zauber von neuem festbannt. Durch das Wehklagen herbeigerufen, besammelten sich die Hausbewohner um den Mörder. Zähneklappernd zeigt er ihnen den fahlen, blutenden Schädel und erzählte, von namenloser Angst erfaßt, wie er von Gelddurst getrieben, vor vielen Jahren den fremden Metzger erschlagen. Entsetzt hörten die Leute die schreckliche, ihnen fast unglaubliche Geschichte. Todesschweiß hatte sich auf der Stirne des Lobiseiers gelagert, ein heftiges Fieber schüttelte krampfhaft seine Glieder. Man mußte ihn zu Bette bringen. Er wurde rasend, immer glaubend, den fürchterlichen Schädel, den Geist des Gemordeten vor sich zu sehen. Der alte Bauer überlebte den Tag nicht mehr, winselnd, sich krümmend wie ein Wurm, hauchte er nach wenigen Stunden die mordbefleckte Seele aus.

Nun mußte der Geist des erschlagenen Metzgers hienieden wandern, bis die ihm vorbestimmte Lebenszeit erreicht war. In stiller Mitternacht ertönten im
nahen Forst vom Lobisei die Todesseufzer des Gemordeten mit dem Klageruf des Uhus.

Anders aber verhielt es sich mit dem Geist des Mörders. Dieser mußte in gewissen Nächten durch die Wälder und über die Felsen vom Lobisei rennen, grausige Töne von sich gebend. In der Dunkelheit faßte er oft sturmwindartig den harmlosen Wanderer und stieß ihn mit Hohngelächter in die kalte Flut des Baches. Dann wieder lagerte er sich in Gestalt eines gräulichen Untiers mitten auf der Straße oder durchirrte die Ställe des Bauernhauses und würgte das schönste Rind. Beim Mondenschein haben die Gebüsche am Wege und die krüp- pelnden Kiefern an den Felsen geisterhafte, zwerggestaltige Schatten geworfen. Dabei brachte der Wind in den Wipfeln von Tannen und Buchen sonderbare Töne hervor, bald wie der Wehruf eines Sterbenden, bald wie Hohngelächter der Hölle. Schaurig war es einst, in nächtlicher Stunde das Lobisei zu durchwandern, und ein unwillkürliches Grauen veranlaßte die Leute, ihre Schritte rasch zu verlängern,

Die beiden Geister trafen oft in Gestalt feuriger Kugeln aufeinander, und dann entspann sich ein Kampf, daß die Funken weit herumsprühten. Manchmal, wenn das Ding zu arg wurde, ließen die Besitzer des Lobiseihofes die Kapuziner kommen, die dann gegen ein fettes Kalb, Käse oder eine Balle Anken den Geist des Mörders in einen Stock, in eine Wand oder anderswo festbannten. Aber der Lobiseiteufel wußte immer wieder von Zeit zu Zeit auszubrechen und sein Unwesen von neuem zu beginnen.

Anmerkung: J. B. Scherr veröffentlichte diese Sage im «Solothurner Volkskalender» 1856 auf S. 33/34. Der Originaltext wurde von Hans Haefeli, Lehrer in Baisthal, entgegenkommenderweise mit einer zeitgenössischen Darstellung zur Verfügung gestellt.

Aus: H. Deubelbeiss, Sagen und Erzählungen aus Balsthal. Jurablätter. Monatsschrift für Heimat- und Volkskunde, Band 24, 1962.  Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch


 

Diese Website nutzt Cookies und andere Technologien, um unser Angebot für Sie laufend zu verbessern und unsere Inhalte auf Ihre Bedürfnisse abzustimmen. Sie können jederzeit einstellen, welche Cookies Sie zulassen wollen. Durch das Schliessen dieser Anzeige werden Cookies aktiviert. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Cookie Einstellungen

Diese Cookies benötigen wir zwingend, damit die Seite korrekt funktioniert.

Diese Cookies  erhöhen das Nutzererlebnis. Beispielsweise indem getätige Spracheinstellungen gespeichert werden. Wenn Sie diese Cookies nicht zulassen, funktionieren einige dieser Dienste möglicherweise nicht einwandfrei.

Diese Webseite bietet möglicherweise Inhalte oder Funktionalitäten an, die von Drittanbietern eigenverantwortlich zur Verfügung gestellt werden. Diese Drittanbieter können eigene Cookies setzen, z.B. um die Nutzeraktivität zu verfolgen oder ihre Angebote zu personalisieren und zu optimieren.
Das können unter Anderem folgende Cookies sein:
_ga (Google Analytics)
_ga_JW67SKFLRG (Google Analytics)
NID (Google Maps)