Sankt Peter und der Mohr Pipette - Legende

Sankt Peter und der Mohr Pipette

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Legende

Zu der Zeit, wo der Hebe Gott bisweilen auf unsere armselige Erde herabstieg, lebte ein sehr frommer und demütiger Mann in stiller Zurückgezogenheit fast wie ein Waldbruder. Weil er eine dunkle Hautfarbe hatte und leidenschaftlich gern sein Pfeifchen rauchte, bekam er den Zunamen der «Mohr mit dem Pfeifchen». Er lebte in tiefster Armut, denn er hatte beinahe all seine Habe den Armen und Not-leidenden gegeben. Das hatte der liebe Gott wohl bemerkt, und er wollte eine so edle Handlungsweise nicht ohne Belohnung lassen. Er schickte daher seinen Lieblingsjünger Petrus zu ihm, um ihm mitzuteilen, dass er drei Wünsche tun dürfe.

Petrus begab sich also in die bescheidene Hütte des Mohren und sprach: «Der liebe Gott hat deine guten Werke gesehen und ist zufrieden mit dir. Er will dir darum drei Wünsche gewähren. Du Glücklicher unter den Sterblichen, wenn du diese schöne Gelegenheit benützest, das Richtige zu wählen!»

Pipetta dachte ein Weilchen darüber nach und erwiderte alsdann: «Ich will dir sagen, was ich mir wünsche: Zum ersten, dass meine Pfeife immer mit dem besten Tabak gefüllt sei. Zum zweiten, dass alles, was ich will, in meinen Sack hineinwandere und nicht eher wieder heraus kann, als ich es befehle. Zum dritten: dass alles, was in meinen Hut hineingeht, mir gehören soll und es mir niemand mehr wegnehmen kann.»

Als Petrus diese drei Wünsche vernahm, war er verwundert und gleichzeitig betrübt darüber. «Wie kannst du nur so etwas wünschen? Warum erbittest du nicht vom lieben Gott die höchste Gnade, die es für einen Christen geben kann, nämlich, dass deine Seele gerettet werde und du in den Himmel kommest?»

Der Mohr entgegnete: «Ei, da lass nur mich machen! Diese Gunst, in den Himmel zu kommen, die will ich mir nicht als besondere Gabe schenken lassen, sondern ich will sie mir durch einen recht christlichen Lebenswandel selbst verdienen.» Also ging Petrus wieder fort, überbrachte die Botschaft seinem Herrn, und dieser erfüllte dem Mann die drei Wünsche.

Von diesem Tag an war Pipetta glücklich. Er hörte nie auf zu rauchen. Sein Genueser Pfeifchen war immer mit Tabak gestopft, und zwar vom Besten, so dass er sogar nachts im Bett sich von seiner Pfeife kaum trennen konnte.

Ferner trug er fortan immer einen grossen, leeren Sack auf den Schultern. Eines Abends, als er im Wald war, begegnete er zwei Teufelchen, die umherirrten und dabei waren, arme Seelen zu fangen. Da sprach Pipetta: «Ich will, dass diese zwei Unholde auf der Stelle in meinen Sack schlüpfen!» Und die beiden Landstreicher mussten, ob sie wollten oder nicht, augenblicklich in den Sack kriechen und sich darin, ganz eng aneinander gepresst, zuschnüren lassen. Dann schnitt sich Pipetta mit seinem Messer einen dicken und knorrigen Stock aus Eichenholz zurecht und fing an, mit dem Knüppel unbarmherzig auf den Sack loszuschlagen. Die beiden Teufel heulten vor Schmerzen, aber es half ihnen nichts. Das Hagelwetter tobte weiter auf sie herab. Endlich schrien sie: «Lass uns heraus, und wir wollen sofort wieder in unsere Wohnungen zurückkehren!»

«Versprecht ihr mir, euch nie mehr auf dieser Welt unter den Leuten blicken zu lassen?» — «Wir versprechen es dir, nie mehr zu kommen.» — «Unter dieser Bedingung also macht, dass ihr fortkommt!» Und damit löste er den Sack auf, der da und dort grosse Blutflecken zeigte, und er sah, wie die beiden Bösewichter von Flammen und Rauch umhüllt, verschwanden.

So setzte Pipetta seine irdische Pilgerfahrt fort, und als er beinahe achtzig Jahre alt war, kam auch für ihn das letzte Stündlein. Er musste sterben und seine letzte Reise antreten in die andere Welt. Als er im Jenseits war, ging er geradewegs zu Petrus, weil er sicher glaubte, ins Paradies hineinzukommen. Aber Petrus empfing ihn am Himmelstor, erkannte ihn gleich wieder und erinnerte ihn daran, wie er ihn seinerzeit vergeblich ermahnt hatte, doch ja sich von Gott zuerst die Gnade zu erbitten, in den Himmel zu kommen. Darum sollten nun für ihn die Pforten zur ewigen Glückseligkeit für immer verschlossen bleiben. Auf diesen Bescheid hin stieg Pipetta hinab in die Hölle und klopfte dort ans Tor. Der Zufall wollte, dass ihm gerade eines der beiden Teufelchen öffnete, die er vor Zeiten im Sack verprügelt hatte. Aber kaum hatte es ihn erkannt, so stiess es ihn zurück: «Mach, dass du sogleich fortkommst von hier», schrie es ihn an, «hier hast du nichts zu suchen in unserm Haus!» Wie nun Pipetta sich auch aus der Hölle verjagt sah, stieg er wieder empor, kehrte zur Himmelspforte zurück und bat den Türhüter Petrus inständig, er möge ihn doch wenigstens einen Blick in den Himmel tun lassen. Da öffnete Petrus mitleidig das schwere und gediegene Himmelstor ein klein wenig. Flink wie der Blitz warf Pipetta seinen Hut in den Himmel hinein. Da sagte er: «Jetzt lass mich nur noch schnell hinein, um meinen Hut zu holen!» Da öffnete Petrus die Tür ganz, Pipetta hüpfte flugs hinein und stellte sich mit beiden Füssen auf seinen Hut. «Jetzt bin ich auf meinem Grund und Boden, und niemand kann mich von hier vertreiben!» sagte er triumphierend und vor Glück erstrahlend, dass er sich endlich ein sicheres Plätzchen im Himmel errungen hatte.

Die Legende erzählt noch, dass Petrus sich bald mit Pipetta versöhnte und Frieden mit ihm schloss. Und der Mohr musste ihm fortan helfen, die Tür zu hüten.

So kam\'s, dass Petrus und Pipetta, der Mohr, Noch heute bewachen das Himmelstor.

 

Am Kaminfeuer der Tessiner                                                              

Walter Keller                                                                                          

Hans Feuz Verlag Bern

 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.