Das Örkentier - Sage

Das Örkentier

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Dieses Thalgespenst herrscht in Oberhof und Wölfliswil bis gegen Wittnau hinab durchs ganze Thal, so weit das Oerkenbächlein es durchläuft, und macht sich in fast zahllosen Gestalten und Meldungen geltend. Es sind also auch die Berichte über seine wesentliche Art und Bedeutung sehr schwankend. Allgemein angenommen ist jedoch, dass sein bestimmter Wohnplatz der Oerken, und dass es selbst der Geist eines Ermordeten sei. Diesen letzteren aber macht man bald zu einem Wölfliswiler Bauern, den die Schweden fiengen, mit Mistjauche füllten, einem Rosse an den Schwanz banden und ihn so lange im Bache hin und her schleiften, bis er den Geist aufgab. Bald sieht man ganz umgekehrt in ihm einen Schweden, den die Bauern auf eine ähnliche martervolle Weise umgebracht haben sollen. Als nämlich die Schweden von den eroberten Städten Rheinfelden und Laufenburg her auch in diese kleinen Gebirgsthäler plündernd vordrangen, wurden ihrer viele, da sie nur in kleineren Haufen und ordnungslos umherstreiften, von den lauernden Jurabauern getötet. So lag hier am Wege neben dem Oerkenbache ein schwer verwundeter Schwede. Die Bauern sprangen auf ihn los und zerschlugen ihm noch die Glieder. Er bat um Schonung. Sterben müsse er doch, sagte er, aber trotz aller Qualen werde er nicht vor Sonnenuntergang sterben können. Man möge ihn also nicht weiter misshandeln. Allein darüber höhnten sie nur. Und als er unter ihren wiederholten Streichen noch immer lebte, banden sie ihn zuletzt an einen Pfahl unter das Wasser des seichten Bächleins. Auch damit war er nicht zu ertränken, sondern soll wirklich erst nach Sonnenuntergang verschieden sein.

Der Geist geht nun als Thier und als Mensch. Der alte Mahlknecht auf der Mühle zu Gipf, beim Dorfe Frick, traf auf dem Heimwege von Wittnau einst auf ein herrenloses Ross, das quer über die Strasse dastand. Er dachte gleich an das Oerkenthier und vorsichtig umgieng er daher das Ross, ohne ein Wort zu sprechen. Wenige Schritte weiter hatte es sich ihm schon wieder quer in den Weg gestellt, und abermals musste er es in gleicher Weise umgehen. So trieben beide ihr stilles Wettspiel miteinander, bis sie zu der bestimmten Wegstelle kamen, wo des Oerkenthieres Grenze ist. Hier musste es verschwinden und der besonnene Müllerknecht hatte gewonnen. Manchmal soll es ihm unsichtbar die Räder seiner Mühlfuhre gehemmt haben. Alsdann umgieng er dreimal den Wagen mit frischem Feuer. Er schlug sich nämlich sein Tabakfeuer an, und alsdann konnten die Rosse wieder vom Flecke.

Auch in Gestalt eines grossen Mannes erscheint der Geist und geht von einem Hunde begleitet den Oerken auf und ab. Dann stellt sich das Wasser hoch empor. Da besucht er besonders eine Scheune, welche sonst die Schwedenstallung gewesen sein soll, jetzt aber durch einen Neubau erweitert ist und dem Karli Waldmaier gehört. Und so oft er in diese Scheune will, vergisst er nie, vor dem Fenster des Wohnhauses vorbeigehend seine Verbeugung in die Stube hinein zu machen. Er ist überhaupt dem Hauseigenthümer freundlich gesinnt, nicht aber ebenso den andern Leuten. Wie oft auch der vormalige Bezirksrichter diesen Weg zu fahren hatte, so lange er allwöchentlich in die Gerichtssitzung nach Aarau hinüber musste, jedesmal musste er ausstsigen, sobald er an dieser Scheune vorbeikam. Sein Rösslein stellte sich hier bolzgerade. Dann wendete er das Chaischen um, verhielt dem Ross die Augen und führte so beides rückwärts die etlichen Schritte weiter.

In der Nähe der Scheune stand ehemals ein besonders alter Birnbaum, welcher Frühbirnen trug. Zwei freche Burschen erstiegen ihn einst des Nachts, um ihn zu leeren. Darüber kam ein Mann dazu von geringer Grösse mit einem breiten Hute, und beide Theile betrachteten sich schweigend. Mit einem Male aber wuchs der Mann immer höher und breiter auf, so dass er drängend zwischen die Aeste hinein reichte, auf denen sie sassen. Zugleich loderte von allen Seiten ein Feuer mit empor, dass die Obstdiebe eiligst entspringen mussten.

Ein andermal stand er als ein grosser Mann an der Bachbrücke im Dorfe. Er trug eine weisse Zipfelkappe und einen schwarzen langschwänzigen Rock. Eine vorübergehende Bäuerin grüsste ihn, erhielt aber keinen Dank. Kaum aber war sie ein halb hundert Gänge weit von ihm weg, so brach ein ganz entsetzliches Gewitter los.

E. L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 2, Aarau 1856

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.