Die Römerjungfrau zu Augst, a - d - Sage

Die Römerjungfrau zu Augst, a - d

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

a) Wo heute das Feld Neunthürmen heisst, da stand zur Römerzeit das Amphitheater der grossen Rauracher-Stadt Augusta, und die frisch aufgeworfenen Erdhügel dort beweisen es, dass der reiche Eigentümer daselbst das Graben nach verschütteten Münzen und Waffen noch nicht aufgegeben habe. Auch hat der Aristorfer-Bote dort im Vorbeigehen einmal eine silberne Kette schimmern sehen und sie nachher in Basel um hohes Geld verkauft. Auf der andern Seite des Baches diente im Landgute Spitzmatt jüngst noch der sogenannte Thalweber Marti. Wirklich sah er einst mit eigenen Augen jene oft besprochene weisse Jungfer, die dort Kisten Goldes hütet. Sie winkte ihm im Vorübergehen und wusch sich dabei im nahen Ergolzbache die Hände wund, bis Blut heraus quoll; als er jedoch unerschrocken an sie trat, spie sie Feuer und Flammen. Aber auch der verstorbene Rathsherr von Giebenich konnte sie fast jedesmal erblicken, wenn er früh am Morgen nach Basel in den Grossen Rath fuhr.

b) Die Schlangenjungfrau zu Kaiser-Augst ist oben Mensch und unten Wurm; sie wohnt in einem Berge, dessen Eingang nur ein Unschuldiger findet; wenn er sie dreimal küsst, ist sie erlöst und der dort verborgene Schatz sein eigen.
In den römischen Trümmern des gegenüber liegenden Basel-Augst trifft man am Charfreitag zwei schwarze Geister, die den Neugierigen dort in der Irre umführen, bis ein weisser dritter dazu kommt und ihm wieder den Ausweg aus dem unterirdischen Gange zeigt.

c) Als die kaiserlichen Truppen 1814 im Frickthal lagen, hatten zwei Soldaten, die zu Magden im Quartier waren, von einem Tausendkünstler den Ort des Schatzes erfahren, so wie die Art und Weise, wie dieser zu heben sei. An einer Freitags-Mitternacht begaben sie sich mit Osterkerzen und andern geweihten Schutzmitteln in das Gewölbe und streuten behutsam Spreuer hinter sich her, um den Rückweg sicher wieder zu finden. Eine Eisenthüre öffnete sich auf ihr Anklopfen, und eine Jungfrau, die unten in einem Schlangenleib endigte, wies sie zu einer Truhe, von der zwei Hunde mit Feueraugen herabbellten. Der Deckel gieng auf und Beide konnten sich Geld nehmen, so viel sie mochten. Schon waren sie wieder vor der Höhle, als der eine der Soldaten gewahrte, dass er drinnen sein Seitengewehr hatte liegen lassen. Trotz der Vorstellungen des Kameraden gieng er sogleich zurück, um es zu holen, und ist nie wieder zum Vorschein gekommen.

d) Schneider Lienimann im Augster-Heidenloche.
Die bekandte und von vielen Historischreibern angezogene Histori eines einfeltigen stamlenden Schnyders von Basel, namens Leonhard, sonsten Lienimann genant, wollen wir allhier auch beyzusetzen uns nicht verdriessen lassen. Martinus del Rio, Majolus und Schottius melden von diesem, auss Johann Stumpffen Schweizercronik, dass derselbige umb das Jahr Christi 1520 zu Augst ob Basel in den daselbst sich befindenden gewelbten Gang under der Erden hienein und in demselbigen viel weiter, als jemahl einem Menschen müglich gewesen, fortgegangen. Da er dann von wunderlichen Dingen, die ihme begegnet, zu reden gewüst und gesagt: er habe ein geweyhet Wachsliecht angezündet und sey damit in die Höle hinein. Erstlich habe er eine eiserne Pforten angetroffen, und darnach auss einem Gewelb in das andere, endtlich durch etliche gar schöne lustig grünende Gärten gehen müssen. In der mitten sei ein herrlich und wohlgebawtes Schloss oder Fürstenhof gestanden, in welchem ein gar schöne Jungfraw mit menschlichem Leib biss under den Nabel gewesen, welche auf ihrem Haupte eine Kron von Gold getragen und ihre Haar fliegen lassen. Under dem Nabel habe sie wie eine grewliche Schlang aussgesehen, sie habe ihn bey der Hand genommen, zu einem eisernen Kasten geführt, auf welchem zween schwartze bellende Hunde gelegen, für welchen niemand zu den Kasten gehen dörffen; die Jungfraw aber habe dieselbigen also gestillet, dass er ohn alle hindernuss hinzu gehen können.

Nach diesem habe sie ein bundt Schlüssel, die sie am Halss getragen, abgenommen, den kassten auffgeschlossen, allerley guldene, silberne und andere Münzen darauss genommen, von welchen sie ihme auss sonderbarer Freygebigkeit ziemlich viel geschenkt, welche er auch mit sich aus der klufft gebracht, wie er dann dieselbigen gewiesen und sehen lassen. Die Jungfraw hat ihme gesagt, sie wäre auss königlichem Stamm gebohren und in ein solches ungehewr verflucht worden, sie hätte auch keine andere Hoffnung erlöset zu werden, als wenn sie von einem Jüngling, der seiner Jungfrawschaft halben unverlezet were, dreymahl geküsset wurde; alsdann wurde sie jhre vorige form vnd gestalt wiederumb erlangen; und wolte sie hingegen zur Dankbarkeit den ganzen selbiger Orten verborgenen Schaz dem, der sie erlösste, geben und überantworten. Er sagte auch, er hette die Jungfraw allbereit zweymahl geküsst, darüber sie sich beydemahl, für grosser Frewde und gefassten Hoffnung der Befreyung von dem über ihro schwebenden Fluch, mit so grewlichen geberden erzeigt, dass er sich geförchtet, sie wurde ihn lebendig zerreissen.

Entzwischen habe sich begeben, dass ihne etliche seiner Gespanen mit sich in ein Frawenhauss genommen, in deme er sich mit einem Weib solcher weise vertrabet, also nachgends den Eingang dieser Klufft nicht mehr finden, viel weniger in dieselbige wiederumb hinein kommen können: welches er zum offterenmahl mit weinen geklagt. Ist alles anders nichts, als ein lauteres Gespenst und Teufelsbetrug gewesen. Jedoch ist die auss dieser Klufft gebrachte und vielen Burgeren gewiesene Münz eine gnugsame Anzeigung, dass in denselbigen Gängen vnd Gewelben under der Erden grosse Schäze verborgen ligen, welche von den Geizteuflen besessen und verwahret werden.

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 250

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch