Bergmännchen auf der Haglestä - Sage

Bergmännchen auf der Haglestä

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Haglestä ist der Name eines Juraberges im Frickthale nahe beim Dorfe Magden. An seinem Fusse ist eine Höhle, in welcher Bergmännchen wohnen. Noch vor hundert Jahren kamen sie Nachts den Bach herunter und machten den Leuten in der Alten Mühle ihren Besuch. Da brachten sie ihre Kunkeln mit und spannen um die Wette. Wenn es Mitternacht wurde, hörten sie auf und giengen heim; hatte man auch die Uhr gestellt, damit man den Schlag nicht hören sollte, so waren sie zur bestimmten Stunde sonst verschwunden. Besonders gegen die Kinder thaten sie freundlich und schenkten ihnen manchen Edelstein, den man noch lange nachher bewahrt oder um hohes Geld verkauft hat.

Ein armer Tauner (Taglöhner) arbeitete einst noch spät Abends auf dem Felde, wenige hundert Schritte vom Dorfe entfernt, da sah er ein Bergmännchen, schwebend wie ein Sommervogel, über die Höhe herunterkommen und sich bei ihm niederlassen. Es grüsste artig und suchte ihm eine Schürze voll Kohlen aufzunöthigen. Der Mann konnte nicht begreifen, was ihm das eitle Zeug nützen sollte und war schon viel zu arbeitsmüde, um sich darüber in einen Disput einzulassen. Endlich da das Bergmännchen mit Zureden nicht nachliess, nahm er ihm doch aus Gutmüthigkeit ein Köhlchen aus der Schürze und steckte es ein. Das Bergmännchen gieng nun weiter, sah aber nicht mehr so zufrieden drein, wie vorher. Als der Tauner am folgenden Morgen sich ankleidete, fühlte er noch das Kohlenstück in seiner Tasche stecken und wollte es herauswerfen; aber nun zog er ein eben so grosses Stück Gold aus dem Sack und verstand freilich jetzt die gestrige Dringlichkeit seines Wohlthäters. Gleichwohl ist er nachher ein reicher Mann geworden.

Erst vor einigen Jahrm ist ein hochbetagter Magdener-Bauer gestorben, von dem man weiss, dass er als vierzehnjähriger Knabe beim Holzfällen durch Zufall in jene Höhle auf der Haglestä gerieth und dorten mit Ramwähen, Butterschnitten und Kuchen aufs allerbeste bewirthet wurde. Nach ihm kam noch ein anderer Knabe in dasselbe Revier und immer war es ihm, als ob ihm da ein Geruch von Backwerk in die Nase steige. Gleich fand er auch einen Eierkuchen, der so breit wie der ganze Baumstamm war, auf dem er wie auf einem Teller hergerichtet lag. Aus Hunger riss der Bube den Fladen in zwei Stücke, und in dem Augenblick standen die Männchen vor ihm, nahmen ihn mit in ihre Höhle hinauf, zeigten ihm alle künstlichen Gewölbe und setzten ihm ganze Trachten der allerbesten Speisen vor. Weil er sehr ermüdet war, schlief er schnell bei ihnen ein. Am Morgen lag er zu Hause in seinem Kämmerlein, seine Waldaxt aber neben ihm im Bette, in einen gewaltigen Laib Brod geschlagen. Als er den Laib anschnitt, fiel eine solche Zahl Goldstücke heraus, dass er einer der vermöglichsten Männer im Dorfe geworden ist. So thaten die Zwerge mancherlei Gutes, bis sie die Neugier der Leute vertrieb. Denn die Müllerin wollte schon lange gerne wissen, ob diese Männchen Füsse hätten oder nicht, und hatte ihnen in der Spinnstube Asche unter Tisch und Bank gestreut. Sie merkten den Verrath und verschwanden unter dem Rufe:

Lauf, Küngi, lauf,
Die Welt ist falsch und taub!

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 277

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch