Lindegiger am Ruckfelde - Sage

Lindegiger am Ruckfelde

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Wer vom Städtchen Brugg nach Zurzach geht, trifft auf dem weiten Ruckfelde einen alten Lindenbaum an der Wegscheide, um dessen Stamm Ruhebänke gezimmert sind. Ueber ihn hat man eine Reihe Geschichten, in deren Erzählung die Leute der umliegenden Ortschaften sich so getreu bleiben, dass nicht ein Wörtchen dran zu ändern ist.

Im Dorfe Unter-Endingen lebte eine arme Familie Hauenstein. Unter ihrer Schaar von Kindern musste der älteste Bube, statt in die Schule, von Haus zu Haus das Brod betteln gehen. Später las er den Mist von den Strassen auf und verhandelte ihn karrenweise; dann gab ihm ein Krämer Schwefelhölzchen zum Verkauf, und während er diese in der Gegend umhertrug, stahl er zugleich den Juden von Ober-Endingen ihre Feldfrüchte und konnte sie unentdeckt auf die Wochenmärkte nach Brugg und Baden bringen.

Bei reiferen Jahren verlangte er von dem Gemeinderathe seines Dorfes einen kleinen Geldvorschuss und betrieb damit einen Nagelhandel. Endlich kam er zu einem alten Tanzgeiger im Siggenthal und bei diesem lernte er das Geigen dafür, dass er im Endinger Walde so viel Holz frevelte, als der Spielmann den Winter über ins Haus brauchte. Hier wurde er nun in kürzester Zeit ein ausgezeichneter Geiger, der bei allen Hochzeiten gesucht war. Namentlich zur Zeit der Zurzacher Messe, wenn die Kaufleute über das Ruckfeld zogen und ihre schweren Geldsäcke ein wenig unter der Linde abstellten, um Rast zu halten, war der junge Geiger bei der Hand, strich die Fidel hinter seinem eigenen Rücken, oder auf seinem Kopfe stehend und machte um ein paar Schillinge unglaubliche Kunststücke. So wanderte er mit dem Nagelsack auf der einen, und der Geige auf der andern Schulter herum, betrieb das eine, wenn das andere gerade nicht gieng, und hielt seine Batzen so gut zu Rathe, dass er bald ein kleines Heimwesen in Endingen pachten konnte. Als er nun gar nicht ungeschickt heiratete und der Frau dann noch eine Erbschaft zufloss, wählte man ihn zum Gemeindeweibel, und da die Leute hieraufhin Kredit gaben, kaufte er das Wirthshaus zu den drei Sternen, liess die Inschrift darauf setzen:
Lass Neider neiden, Hasser hassen,
Was Gott mir gönnt, muss man mir lassen —
und hiess jetzt der Weidwirth.

Nun erst schrieb er mit doppelter Kreide. Die Gäste, die sonst ihr Schöppchen urchig (pur) zu trinken gewohnt waren, bekamen jetzt nur gewässerten Wein aufgestellt. Die einen, die sein Wirthshaus nicht mehr besuchten, wusste er in Gemeindedingen zu verfolgen und zu bedrücken; und die andern, die schwachherzig genug waren, noch bei ihm einzukehren, machte er trunken, und wenn er dann mit ihnen Händelchen abgeschlossen hatte, die zu ihrem grössten Nachtheile ausfielen, hatte er stets einige erkaufte Zeugen an der Hand, welche ihm vor Gericht den Prozess gewinnen halfen.

Besonders hart war er gegen seine Dienstboten; er gönnte ihnen keine ruhige Minute. Frühmorgens um drei Uhr schon lag er ins Fenster und that, wie wenn er mit Vorübergehenden spräche. Da hiess es denn so laut, dass die Knechte nebenan in der Schlafkammer es hören mussten: „Ah, guete Tag, wo ane wennd-er? ehr sind au scho früjo; euse Lüt wennd nie ûf, me sott's alle Morge mit em Heulüecher (eiserner Heuhaken) ûssem Bett ûsse schlaike.“ Da meinten dann seine Leute, die kaum seit ein paar Stunden ins Bett gekommen waren, im Dorfe gehe man schon aufs Feld hinaus, und sprangen wie besessen aus den Federn.

Was meinst, Bub, fragte mich jedesmal mein Grossvater, wenn er auf diese Geschichte zu reden kam, he, wie lange wohl musste der Lindegîger wirthen, bis er den Kaufpreis des ganzen Anwesens wieder herausgeschlagen hatte? Gewiss auch seine zwanzig Jahre, sagte ich rathend. Wohl gar gleich ein halb hundert! rief dann der Alte spöttisch; nein, in drei Jahren war er keinen Batzen mehr schuldig.

Aber so schlecht gieng es eben damals noch bei der Obrigkeit her. Und wie denn heute noch der Reichste im Dorfe immer auch gleich Gemeinderath sein muss, so wurde unser Sternenwirth nicht nur dies, sondern endlich noch Ammann dazu und konnte jetzt mit seinem Gelde wuchern, das Armengut bestehlen und die Wittwen bedrücken, wie er wollte. Aber der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht, und das Leben hat auch noch keiner verlängern können. Seit der Sternenwirth das letztemal in den Keller hinabgegangen ist, hat man weder Weiss noch Schwarz mehr von diesem Säuberling erfahren; herauf ist er einmal nicht wieder gekommen, und so hiess es denn überall: „de Düfel heig e g'no.“

Von jetzt an aber sass sein Geist auf dem grossen Fass im Keller drunten und schrie um Mitternacht: „Drü Schöppli Wî und e Schoppe Wasser gend au ne Môss!“ Selbst die Nachtwächter hörten es, es soll wie das Gebrüll eines Stieres gelautet haben. Nun kam das Haus in Verruf und Niemand wollte da mehr zusprechen. Der älteste Sohn, der das Anwesen übernommen hatte, konnte sich keinem Weinfasse mehr im Keller nähern, ohne dass nicht der Spukgeist gerade drauf geritten hätte; ja alle Abende sah man ihn das Wasser büttenweise in den Keller schleppen. Der Sohn wollte ihm seine Wege verlegen und liess, um den Umbau der dabei nöthig wurde, etwas vor den Leuten zu verbergen, das Haus zuerst von aussen herunterputzen. Aber sogleich stürzte dabei der Maurer vom Gerüste. Als man ihn halbtodt in die Stube brachte und den Pfarrer mit dem Sterbsakramente hereinholte, fieng die alte Spieluhr im Zimmer, die schon seit Jahren nicht mehr gieng, wie unermüdlich an zu flöten, zu schnurren und zu walzen, und dann brach ein solches wildes Gelächter los, dass jedes Wort des Kranken und des Priesters unverstanden blieb.

So wollte es nun die Familie nicht länger haben und wandte sich in ihrer Noth an einen Pfarrer von Würenlingen, der an andern Orten schon einem gleichen Nebel abgeholfen hatte. Dieser räumte den ganzen Keller aus bis auf eine grosse mit Stroh umflochtene Branntweinflasche; er stellte sie in den letzten Winkel zurecht, behielt jedoch ihren Stöpsel wohlweislich noch in der Hand. Dann zündete er ein tüchtiges Feuer an und warf fleissig Weihrauch hinein. Das ward dem Gespenste widerlich, es hustete und stöhnte, es schimpfte endlich, je mehr der Qualm den ganzen Raum füllte; zuletzt kroch es ins letzte Eckchen und gutwillig in die dorten aufgestellte Flasche, die nun der Pfarrer behend verpfropfte. Jetzt meldete er den Verwandten das Gelingen, die indessen oben in der Stube versammelt gewesen waren. Sie gaben sich noch keineswegs damit zufrieden, so lange man die leidige Flasche drunten im Keller haben sollte; allein diese war weder mit Winden, noch mit Spannketten vom Platze zu bringen.

Der Pfarrer nahm noch einen Kapuziner von Baden zu Hilfe. Volle vierzehn Tage blieb dieser unten beim Gespenste, dann gelang es die Strohflasche vors Haus und auf einen Wagen zu schaffen. Aber auch jetzt schienen die Achsen unter der Teufelslast wie Halme zu brechen und die Rosse thaten keinen Ruck, bis man den Geist erst befragt hatte, wohin er gebracht sein wolle. Auf die Teufelskanzel, war seine Antwort. Dies ist ein Felsvorsprung am Bergzuge nördlich von Unter-Endingen. Hätte man das Richtschwert eines Henkers vorne auf den Wagen gelegt, so wäre gleich anfangs geholfen gewesen; nun führte man das Gefäss dorten hinaus und schleuderte es von der Teufelskanzel ins Schrännenloch. Mit grossem Gekrache versank die Flasche drunten in dem Bächlein, das der nahen Surbe zufliesst. Dafür soll nachher dem Würenlinger-Pfarrer, der den Geist zum Keller hinaus gebetet, übel mitgespielt worden sein.

Dieser hielt auf strenge Zucht in seinem Dorfe und eiferte besonders heftig gegen den Unfug der Nachtbuben, der damals noch stark im Schwange war. Seit der Banngeschichte nun war alle Nacht ein Höllenlärm rings um sein Pfarrhaus zu hören, das vereinzelt auf einem Hügel liegt; und wenn dann der Herr mit dem Sprachrohr hinunter rief und den vermeintlichen Nachtbuben Ruhe gebot, scholl ihm das frechste Hohngelächter entgegen. Auch in seinen weiteren Exorcismen in der Gemeinde war er nicht mehr glücklich. Bei einem Patienten geschah es ihm einmal, dass ihm der Teufel aus dem Krankenbette entgegen schrie: „Wart aber, wie schlimm wird es erst dir einmal ergehen!" Wirklich lebte der Pfarrer darnach nicht lange mehr, der fortwährende Verdruss brachte ihn um. Man redet davon, als habe man seine Leiche mit einer Schlinge um den Hals gefunden. Bei seiner Beerdigung soll eine Stimme gesagt haben: „Gell, i ha de au möge!“

Dem Lindegîger muss es ebenfalls nicht lange in seiner nassen Tiefe gefallen haben, denn schon seit Menschengedenken hat er seine bleibende Wohnung auf der Ruckfelder Linde. Am Stamme dieses Baumes ist in Manneshöhe ein mit kräftiger Rinde überwaletes Loch, welches von einem schon vor alter Zeit gekuppten Stammschoss herrührt; da drinnen wohnt er. Denn als einmal der Bannwart von Tegerfelden dieses gefährliche Loch verkeilen wollte, wurde ihm mit den Worten: “Gang du no, i chome doch ûss“ Zapfen und Axt an den Kopf geworfen. Oft auch sass er auf einem Lindenast, den erst in den letzten Jahren ein Sturm gebrochen hat, und je ärger dann im Winter die Schneeflocken über das Rückfeld stöberten, um so schöner und schärfer geigte er drauf los. Dann soll auch der Wipfel des Baumes zu leuchten begonnen haben, auf Aesten und Zweigen stellten sich Tische zurecht, alle mit Spielleuten besetzt, und er selber strich seine verzauberte Geige dazu, die ihm ein Tegerfelder Pfarrer einst geliehen haben soll.

Auch, sagt man, könne ihn nur ein Pfarrer dieser Gemeinde gänzlich erlösen, er müsse aber am Fronleichnamstage geboren sein. Da einst ein Tegerfelder-Bauer auf dem Heimwege von Würenlingen Nachts hier vorbeikam, fieng's im Baume so überaus lustig zu geigen an, dass mein guter Bauer augenblicklich dazu Hüpfen und forttanzen musste, bis er erschöpft und besinnungslos zu Boden sank. Man fand ihn des andern Tages in den Gebüschen am Fusse der Teufelskanzel, und von Stund an ist er der unübertrefflichste Tänzer im Lande gewesen.

Ein Luzerner Schweinehändler war mit einer Ladung Schweine eben auf dem Wege zur Zurzacher Messe, und wollte mit seinem Zweigespann bei sinkender Nacht gerade an der Linde vorüber. Hier aber sprang plötzlich ein zwergenhafter wüster Kerl aufs Handross und schleppte das ganze Fuhrwerk über alle Graben und Löcher querfeldein wie im Blitze nach Unter-Endingen zum Sternen. Beim Wirthshause angekommen, ist der wunderliche Reiter verschwunden, am Fuhrzeug war kein Riemchen zerbrochen, aber dem sprachlosen Schweinehändler blieb für diesmal nichts weiter übrig als im Hause des Lindengeigers zu übernachten. Der Geist ist durchaus harmlos, und Niemand, der seiner jemals ansichtig geworden, hat noch behauptet, dass man darüber Schaden verspürt oder einen geschwollenen Kopf bekommen hätte. Allein wer zur Mitternachtsstunde in sein Revier kommt, der muss, er mag nun nach Tegerfelden oder Zurzach wollen, stets nach Unter-Endingen und dorten im Sternen bei seinen Nachkommen übernachten.

Ganz natürlich sind diese schon längst reiche Leute; der Urgroßvater treibt ihnen ja die Kunden mit Ross und Wagen ins Haus, und so ist das Geschäft ein einträglicheres, als wenn ein einzelner Bauer in der Zechstube sitzt und über seinem Schöpplein Wein stundenlang Kalender macht.

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 306

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch