Das lodernde Gerippe - Sage

Das lodernde Gerippe

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Ein furchtloser und wahrheitsliebender Mann, der früher als Kolonist im Algerischen Sétif gewesen war, nachher wieder heimkehrte und bei seinen Enkeln im Lenzburger Amte lebte, hat als vierundsiebzigjähriger Greis in unsern Tagen folgendes erzählt.

„Als ich noch im Städtchen Lenzburg wohnte, mußte ich eines Nachmittags in Geschäften nach Egliswil hinüber. Nachdem die Sache zwischen mir und meinen dortigen Bekannten abgemacht war, tranken wir zusammen im Wirtshaus noch eine Flasche Wein, für eine zweite bedankte ich mich, denn schon fing es draußen an dunkel zu werden, und so sagte ich Adieu und machte mich auf den Heimmarsch. Ich hatte nun die Höhe des Egliswiler-Berges bereits erreicht, da bemerkte ich draußen in der Richtung meines Weges zwei hohe leuchtende Figuren. Sie standen unbeweglich seitwärts am Wege. Bald war ich ihnen ganz nahe und hatte da zwei menschliche Gerippe vor Augen, denen aus Brustkasten und Schädel Feuer herausloderte.

Es wandelte mich zwar augenblicklich ein entsetzliches Grauen an, aber ich bemusterte es; ich blieb stehen und redete sie an: „Wer seid ihr? was tut ihr hier?“

Keine Antwort folgte, kein Laut, kein Lüftchen rührte sich rings um die geräuschlosen flammenloderten Zwei, waldlos stehend, da hörte ich eine Stimme zu mir sagen:

„Sei fromm und geh deines Weges!“ 

Das tat ich denn auch auf der Stelle. 

„Aber was ist dir begegnet?" war das erste Wort meiner Frau, als ich daheim in meine Stube trat. Ich antwortete ihr mit einer ausweichenden Gegenfrage; denn wer schämt sich nicht, so unmöglich lautendes von sich selber zu erzählen.

Sie aber drang in mich, und ihr liebreiches, von Besorgnis; eingegebenes Wort zwang mir zuletzt denn doch mein Geständnis ab.

Ich teilte ihr den Vorfall mit, unter dem ausdrücklichen Befehl, es an niemanden weiter zu sagen. Allein schon am Morgen darauf war es dem ganzen Städtlein bekannt, und so kann ich es nun ohne Bedenken noch einmal erzählen.

(Seminarist Sam. Beyer von Mörikon.)

Quelle: E. L. Rochholz, Naturmythen. Neue Schweizer Sagen, Leipzig  1862.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch