Die beiden Brüder, die Händler waren

Land: Schweiz
Kategorie: Zaubermärchen

Es waren einmal zwei Brüder, die waren Händler. Einer davon hatte einen Sohn. Als der Sohn erwachsen war, hiess der Vater ihn, mit seinem Onkel nach England zu gehen, um Waren aufzukaufen. Nach ihrer Ankunft in England kehrten sie in einer Wirtschaft ein, wohl um einen Schnaps zu trinken, dann gingen sie durch die Stadt und verloren einander. Der Bursche ging eine Strasse hinauf und sah, wie man einen Toten da hinunterschleifte. Er schaute zu, ging daran vorbei und kam von einer anderen Seite wieder dazu. Er schaute wieder hin, liess sie nochmals vorbeiziehen, ging anderswo hin und kam wieder dazu, zum dritten Mal. Da fragte er, warum sie diesen Menschen durch die Strasse schleiften. Sie antworteten, er habe Schulden. Er fragte, wie viele Schulden dieser Mann habe, und die andern sagten es ihm. Da fragte er, ob sich das nicht begleichen liesse. Doch, das gehe schon, antworteten die andern. Da nahm er das Geld hervor und bezahlte die Schulden des Toten, darauf begruben sie ihn.

Bald einmal fand er seinen Onkel wieder und erzählte ihm alles. Da schalt der Onkel ihn einen Trottel, aber jetzt war bezahlt und fertig, und er musste ohne Waren nach Hause zurück. Dort haben sie wohl andere Waren kommen lassen und ihm Vorwürfe gemacht, aber er konnte trotzdem weiter im Laden bleiben. Als der Vater wieder alle Waren verkauft hatte, liess er ihn nochmals mit dem Onkel gehen und schärfte ihm ein, er solle ja nicht wieder solche Dummheiten anstellen wie letztes Mal; er solle die Waren kaufen und mit dem Onkel zurückkommen. Sie reisten wieder ab und gelangten ins Land, wo Waren zu kaufen waren, und sie trennten sich wiederum.

Der Bursche kam in eine riesig grosse Unterkunft (in ein Hotel, oder wie du sagst). Dort hörte er zwei schöne Stimmen singen, ging hinauf und lauschte. Es waren zwei Mädchen, die sangen, und die waren hierher entführt worden. Der Bursche fragte, ob sie diese Mädchen nicht verkauften, darauf antworteten sie, ja, sie wollten sie verkaufen. Er kaufte sie, alle beide, und nahm sie mit. Als er den Onkel fand, sagte er ihm, er habe diese Mädchen gekauft. Der Onkel wusch ihm den Kopf, doch er konnte weiter nichts tun. Er nahm die Mädchen und kehrte mit dem Onkel nach Hause zurück. Daheim tobte sein Vater und wusste nicht, was anstellen mit solcher Ware. Es waren schöne Mädchen. Und sie kamen dann ordentlich miteinander aus, auch mit dem Vater. Da verliebte sich der Bursche in eine der beiden. Dabei traf es gerade die Rechte, die Gute; und es ging so weit, dass sie heirateten. Dann sagte er, jetzt gehe er noch Waren aufkaufen. Die Frau freute sich und sagte, sie wolle ihm eine Fahne herrichten. Sie verstand es, ordentlich zu sticken und stickte dann ihren Namen mit Buchstaben, die ein wenig glänzten auf die Fahne. Dann sagte sie, wenn sie ein Stück weit gereist seien, so dass er den Turm sehen könne, solle er die Fahne entrollen. Da machte er, was sie gesagt hatte. Sie wusste, dass ihr Vater mit seinem Fernrohr aus diesem Turm schauen würde. Der Vater war ein König, was ich noch sagen muss.

Es kam so, der König hielt Ausschau, sah die Fahne und las darauf den Namen seiner Tochter. Da liess er eine kleine Abteilung Militär aufstellen, um das Schiff mit allen Ehren zu empfangen. Sie trugen ihre Gewehre und schossen. Und er liess sich davon einen Schrecken einjagen (das kannst du verbessern, du bist gescheiter als ich). Die Soldaten empfingen ihn, als er an Land kam, mit Ehren, und sie führten ihn zum König, und der empfing ihn auch mit Ehren. Und wohin er gehe und was und wie, und der Bursche sagte, er gehe Waren aufkaufen, doch der König liess ihn nicht gehen, er sagte, er wolle schon Waren aufkaufen, und er kaufte fast ein Schiff voll. Dann machte der Bursche sich auf die Rückfahrt, und der König befahl ihm, mit seiner Tochter und mit der andern Frau, welche die Kammerjungfer sei, zurückzukommen. Und er kehrte froh heim, und der König schickte eine Ordonnanz mit, um sein Leben auf dem Hin- und Rückweg zu sichern.

Es ging alles so, wie es sein musste, und er wurde von der Frau empfangen. Die wusste schon, dass er zurückkehren würde, wie es sich gehört. Diesmal war dann der Vater zufrieden und wusch ihm nicht mehr den Kopf. Und sie machten sich bereit, auch die Frau, so rasch sie konnten, um wieder ins Land des Königs zu reisen. Und sie brachen auf und schifften sich ein. Unter den Soldaten war einer, der auch gern die Königstochter gehabt hätte. Es war ein Offizier. Sie gelangten ein Stück aufs Meer hinaus, dann kam der Drang zu pissen - der Bursche und jener Offizier befanden sich ganz allein auf Deck, und der stiess ihn ins Meer.

Im Meer schwamm ein Fisch daher, der verschlang den Burschen und brachte ihn in eine Wüste, und er wusste nicht, was tun. Er war eine Zeitlang da, lebte von allerlei Früchten und machte sich viele Gedanken.

Eines Tages, als es schön warm war und er seine Preiselbeeren ass, hörte er eine Stimme, die ihn beim Namen, Michel, rief. Und er schaute um sich und sah nichts; er blieb noch ein wenig, da rief jene Stimme von neuem, da sah er immer noch nichts. Zum dritten Mal kam es wieder und rief seinen Namen, da sah er einen Fuchs, und er fragte: «Ja, rufst du, Fuchs?» und der antwortete: «Ja». Der Fuchs rief ihn zu sich. Er ging dann zu ihm, und sie kamen ins Gespräch. Der Fuchs fragte: «Würdest du gerne nach Hause gehen?» und er sagte «ja». Da fuhr der Fuchs fort: «Morgen hält deine Frau Hochzeit.» Der andere habe früher Hochzeit halten wollen, doch die Frau habe nicht gewollt, sie habe ein Jahr lang um ihren Mann trauern wollen. Damit sei der andere einverstanden gewesen. Der Fuchs stellte die Bedingung, wenn der Bursche das teilen wolle, was er in einem Jahr zusammengebracht habe, so wolle er ihn nach Hause bringen. Der Mann willigte ein. Dann sagte der Fuchs, er solle sich auf seinen Rücken setzen wie auf ein Pferd; dann lief er in Sprüngen davon und gelangte vor den Königspalast, wo die Hochzeit für den folgenden Tag vorbereitet wurde. Nun sagte der Fuchs zu ihm: «Jetzt gehst du hinein und sagst, sie sollten dir irgendeine Arbeit geben, wie Holz oder Wasser in die Küche hinauftragen, dann lässt du dir etwas zu essen geben.» Und er machte das. Er trug ein bisschen Holz und Wasser hinauf, und die Frauen gaben ihm ein wenig zu essen. Die Braut ging manchmal in die Küche hinüber. Sie hatten vor, Rahm zu schlagen (stehend, mit einem Stab zum Schlagen des Rahms). Doch dies bereitete ihm Mühe. Da sagte dieser Nichtsnutz, sie sollten ihn das Butterfass schwingen lassen. Also liessen sie ihn buttern. Da begann er zu schwitzen, und er hob so eine Hand und fuhr mit einem Tüchlein durchs Haar. Und die Braut war gerade in der Küche, und sie sah an ihm das Mal, wie es ihr Michel hatte; da rannte sie rasch zum Vater und rief: «Vater, das ist mein Michel.» Und der Vater kam und fragte, wie er heisse, und sie merkten, dass es stimmte. Der König ging ins Zimmer, wo sie versammelt waren und sagte dann, sie müssten helfen und ihn beraten, er habe ein Urteil zu fällen. Es sei auf dem Meer ein Schiff gefahren, da habe einer einen andern ins Wasser gestossen, um ein Schaf zu bekommen, und er allein wisse kaum, wie er den verurteilen solle. Jetzt meinte der Bräutigam, da wolle man schon helfen. Der verdiene es, dass man ihn mit Pferden in vier Stücke reissen lasse. Da sagte der König: «Nun denn, das bist du; du hast den Mann meiner Tochter ins Wasser geschubst, um sie zu bekommen, und jetzt hast du dich selber verurteilt.» Und er liess gleich vier Pferde holen, um ihn in Stücke zu reissen. Dies geschah, und die Hochzeit ging von neuem weiter mit unserm Michel, und das Fest nahm einen flotten Verlauf. Unterdessen kam der Tag, wo mit dem Fuchs zu teilen war. Inzwischen hatten sie ein Büblein bekommen. Da hörte er es an die Tür klopfen, gerade als er mit dem Kind in der Kammer auf dem Sofa lag. Er sagte: «Herein.» Da stand der Fuchs und befahl, heute wolle er teilen, und der Mann stand auf, kam mit einem schönen Haufen Geld zurück und legte es auf den Tisch, doch der Fuchs erwiderte, das sei keineswegs alles, was es zu teilen gebe. Der Mann holte noch ein wenig Geld, doch wieder sagte der Fuchs, das sei nicht alles, was sie zusammengebracht hätten. Er zeigte auf die Wiege und sagte, auch das hätten sie zusammengebracht. Und der Mann hob den Buben aus dem Bett, breitete das Deckbett über den Tisch, legte ihn rücklings auf das Deckbett, ergriff das Schwert und sagte zum Fuchs, er solle kommen, dann teile er. «Schneide das Kind nicht entzwei, ich will keine Teilung, ich bin jener Tote, und du hast mich schon in England ausgezahlt, und du warst tief in der Wüste drin und kamst nicht weg, und ich habe das gesehen, und ich habe dir geholfen, und du hast mir damals geholfen, so dass sie meinen Leib ruhen lassen mussten. Wir wollen das eine für das andere gelten lassen, und ich sage dir lebe wohl», und ging fort.

(Schams)

 

Quelle: Die drei Hunde, Rätoromanische Märchen aus dem Engadin, Oberhalbstein und Schams. Caspar Decurtins/Ursula Brunold-Bigler/Kuno Widmer, Desertina Verlag, Chur 2020. © Ursula Brunold-Bigler.  

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.

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