Der arme Schuhflicker - Zaubermärchen

Der arme Schuhflicker

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Zaubermärchen

Giovannino war ein armer, armer Schuhflicker im Tessin. Er lebte allein und hatte keine Familie. Ahle, Zwirn und Hammer waren seine Werkzeuge. Aber trotz seiner Armut sang er vom frühen Morgen bis zum Abend, und es war eine Freude, ihn zu hören. Er sang die alten Wiegenlieder, die sein seliges Mütterlein ihm einst an der Wiege gesungen hatte, um ihn einzuschläfern. Dann wieder waren es Liebeslieder oder Soldatenlieder aus der Kriegszeit. Dabei brachte Giovannino seine Triller und Triolen mit so leichter und unermüdlicher Kunst hervor, dass ein Singvogel nichts im Vergleich zu ihm war. Seine Fröhlichkeit war geradezu sprichwörtlich geworden. Ja, er litt nicht einmal darunter, allein zu sein.

In seine bescheidene Werkstatt kamen besonders an Regentagen oder wenn Schnee fiel, allerhand Leute, um ihm Gesellschaft zu leisten. Es waren die jungen Burschen und die Männer aus dem Dorf, ja es kam sogar der Herr Sindaco, der Bürgermeister, ein sehr gebildeter Mann, der ihn über die mannigfachen Dinge belehren konnte. Giovannino hatte auch immer viel Arbeit. Doch gab es selten neue Schuhe anzufertigen. Meistens waren es alte, die er zu flicken hatte. Die Kunden bezahlten seine Arbeit zum größten Teil mit Naturgaben statt mit Geld. Sie brachten ihm Luganeser Würste, Eier, Speck und Schinken oder Brot.

»Sind meine Schuhe gemacht?« fragte eines schönen Sommertages ein Ziegenhirte, der ihm ein Paar grobe Bergschuhe zum Sohlen gebracht hatte. »Seht, guter Giovannino, da habe ich Euch als Entgelt einen prächtigen Ziegenkäse hergebracht, der schön reif ist und zart, sag ich Euch, und saftig, dass Ihr eine Freude daran haben sollt.« Dem Schuhmacher lief schon beim Anblick das Wasser im Mund zusammen. Der Hirt hatte ihm den Käse auf ein großes Weinrebenblatt hingelegt, und das hübsche Alpkäschen verbreitete in der Werkstatt einen köstlichen Wohlgeruch. Bald aber hatten die zudringlichen und naschhaften Fliegen, die überall herumsurrten, den Käse gerochen und setzten sich in grosser Zahl darauf, um mit ihren kleinen Rüsseln an dieser Gottesgabe zu saugen. Als Giovannino bemerkte, wie der Käse ganz voller Fliegen war, nahm er in einem günstigen Augenblick den Schuh, an dem er gerade arbeitete, und schlug damit darauf. Dann zählte er die Fliegen, die er getötet hatte, eine nach der anderen. Es waren im Ganzen dreihundert. Das war sein erstes und furchtbares Abenteuer. Jetzt wurde er stolz und hochmütig und meinte, wunder was für ein Held er sei. Er verließ sein Schustertischchen, die Ahle, den Zwirn, den Hammer, das Pech und die rostigen Nägel und begab sich zum Bürgermeister des Dorfes. Der musste ihm auf eine schön gehobelte hölzerne Tafel mit großen Buchstaben diese erschreckenden Worte hinschreiben:

Johann der Starke bin ich genannt.
Dreihunderte mit einem Schlag
Schickte ich zum Tod hinab.

Diese Tafel ließ er sich am Rücken befestigen und machte sich damit auf den Weg, die Welt zu durchziehen. Er wanderte und wanderte, kam durch einsame und dunkle Wälder, durch tiefe Täler, über abschüssige Berge und endlose Ebenen. Kein Hindernis war imstande, ihn zu entmutigen oder aufzuhalten. War er nicht Giovannino der Starke? Hatte er nicht dreihundert aus dem Leben zum Tode hinüberbefördert? Und dies mit einem Schlag? Gewiss, er war ein Held und musste sein Glück versuchen. Und von seinem Schicksal geführt, gelangte er endlich zu einer Stadt. Dort fand er alle Wände der Häuser mit schwarzen Tüchern behängt zum Zeichen der Trauer. Die Bewohner waren still und betrübt, und überall hörte man Verwünschungen, Seufzer und Wehklagen. Giovannino fragte nach dem Grund dieser Trauer und bekam zur Antwort, in der Umgebung der Stadt hause ein ungeheurer Drache mit vierzig Beinen, sieben Köpfen und mit einem Kamm auf dem Kopf wie ein Hahn. Seine Augen glühten wie Feuer, und Flügel habe er wie eine Fledermaus, und dazu einen Schwanz wie eine Schlange. Dieses Ungetüm suche sich beinahe jeden Tag einen jungen Menschen als Beute aus, den es verschlinge. Und gerade an dem Tag, wo der Schuster ankam, traf es das Los, dass die Königstochter, die Prinzessin Aurora, am folgenden Morgen dem scheußlichen Drachen zum Opfer gebracht werden sollte. Da sie das schönste Mädchen war, das wie kein anderes all überall nur Taten der Barmherzigkeit und Liebe an seinem Volke verübte, weinten alle Leute am Hofe und in der Stadt. »Aber was vermag mir ein Drache mit sieben Köpfen und vierzig Beinen anzutun?« sprach Giovannino mit großer Verächtlichkeit.

»Ich habe dreihundert mit einem Schlag getötet!« Also begab er sich zum Schloss und stellte sich dem König vor. Er verneigte sich dreimal vor ihm, wie er es vor dem Bürgermeister seines Dorfes zu tun gewohnt war, und sprach alsdann zu ihm:

»Königliche Hoheit, ich habe vernommen, dass in der Umgebung der Stadt ein scheußlicher Drache hause mit vierzig Beinen, sieben Köpfen und mit Zacken wie ein Hahn darauf, und mit schrecklichen Augen wie Feuer, und dass er fast jeden Tag einen Menschen verzehre. Und gerade morgen soll Eure Tochter Aurora ihm zum Opfer gebracht werden. Nun aber lest, was hier auf meiner Tafel geschrieben steht.« Und damit kehrte er ihm den Rücken zu.

Johann der Starke bin ich genannt.
Dreihundert mit einem Schlag
Schickte ich zum Tod hinab.

»Wenn du mich also reich belohnen willst, so werde ich den Drachen töten und deine Tochter retten.« »Ich habe wenig Vertrauen und Hoffnung, dass dir dieses Wagestück gelingen werde«, entgegnete der König. »Viele andere haben es vor dir schon versucht, wurden aber von dem Ungetüm verschlungen. Immerhin, du kannst es ja probieren. Gelingt es dir, meine Tochter zu retten, so sollst du sie zur Frau bekommen, und nach meinem Tode kannst du mein Nachfolger werden auf dem Throne.« »Majestät«, antwortete Giovannino, »ich bin meiner Sache ganz gewiss, dass ich den Drachen töten werde. Gebt mir nur vierzig Reiter, die mit Armbrust und Pfeilen bewaffnet sind und im Treffen große Geschicklichkeit haben. Dann sieben Ritter, die mit Lanzen und scharf geschliffenen Schwertern ausgerüstet sind. Für mich brauche ich nur ein junges Schäfchen.«

Der König gewährte ihm, was er verlangte. Schon in aller Morgenfrühe, als kaum der Tag graute, machte sich Giovannino an der Spitze von siebenundvierzig bis an die Zähne bewaffneten Reitern auf den Weg, während er selbst ein ganz junges Schäfchen in den Armen hielt. Sie ritten gegen die Behausung des Drachens, fanden ihn aber nicht in seiner Höhle, sondern auf einer schönen Wiese, wo er mit seinen sieben schrecklichen Mäulern seinen unersättlichen Hunger zu stillen suchte. Sogar die aufgehende Sonne wurde bleich vor Schrecken, als sie dies scheußliche Ungetüm erblickte. Giovannino der Starke hatte keinerlei Angst. Er stellte seine siebenundvierzig Reiter zum Kampfe auf und warf dann auf ein verabredetes Zeichen das unschuldige Lämmchen einem der sieben Rachen ins offene Maul. Dann vernahm man nur ein kurzes Zermalmen von Knochen, und das Ungeheuer schloss einen Augenblick seine vierzehn feuerroten Augen vor Wonne, denn das zarte Fleisch schmeckte ihm besonders gut. Darauf hörte man ein Schwirren. Es waren die vierzig Pfeile, welche alle gleichzeitig abgeschossen wurden und wovon jeder ein Bein des Drachens traf. Zugleich richteten sich die sieben Lanzen gegen die Köpfe des Ungetüms, und jeder Stoß durchbohrte einen. Tödlich getroffen, stieß das Tier einen so lauten Schrei aus, dass die Häuser der Stadt erzitterten und den Leuten vor Schrecken beinahe das Blut in den Adern gefror. Dann krümmte und wand es sich grässlich, spie Rauch und Flammen aus den sieben Rachen und blieb schließlich unbeweglich und tot liegen. Jetzt erhoben Giovannino und die siebenundvierzig Reiter ein großes Jubelgeschrei, das man bis in die Häuser der Stadt hinüber hörte. Hierauf wurde auf Befehl Giovanninos das Ungeheuer in hundertundein Stücke zerteilt. Dann zog der tapfere Anführer mit seinen wackeren Kämpfern in einem langen Triumphzug in die Stadt zurück. Die schwarzen Tücher an den Mauern waren verschwunden, und stattdessen flatterten im Sonnenschein vor den Fenstern und auf den Dächern der Häuser Freudenfahnen, und auf den Gesichtern aller Leute konnte man eine große Befriedigung sehen. Die Hofkapelle des Königs ging Giovannino dem Starken und seinen tapferen Rittern zum Empfang entgegen. Er war der Held des Tages und empfing Ehren und Reichtümer. Auf der Stelle wurde er zum Prinzen ernannt und zum Bräutigam der wunderschönen Prinzessin Aurora ausgerufen. Die Hochzeit wurde mit großer Festlichkeit und außergewöhnlicher Pracht gefeiert. Aber die Prinzessin schien doch nicht zufrieden. Der König, der ihre Traurigkeit bemerkte, fragte sie:

»Aurora, bist du nicht glücklich? Was ist die Ursache deiner Betrübnis? Öffne deinem Vater das Herz!« »Vater, ich bin nicht glücklich mit meinem Mann. Wenn du wüsstest, was für einen Geruch, wie den eines Maultierfells, er an sich hat. Man kann nicht in seiner Nähe bleiben.«

»Meine Tochter, befiehl auf der Stelle den Dienern, dass sie ihm ein warmes und wohlriechendes Bad bereiten.« Also bekam Giovannino, der ehemalige Schuster, ein warmes und wohlriechendes Bad. Und so noch mehrere Tage nacheinander. Der üble Geruch verlor sich fast ganz. Aber auch dann noch konnte die Prinzessin ihre frühere Fröhlichkeit nicht wieder finden.

»Was hast du denn«, fragte der König eines Tages, »bist du noch immer nicht glücklich?«

»Lieber Vater, wenn du wüsstest, was für Schläge mein Gemahl im Traum auf meinem Rücken führt. Er scheint von Beruf ein Schuster zu sein, der einen Hammer in den Händen führt und fleißig Leder klopft. Und dann singt er, singt er immer. Ich kann dabei kein Auge schließen.« »Meine Tochter«, beruhigte sie der König mit väterlicher Milde: »Habe Geduld, lerne ihn ertragen und bedenke immer, dass er es war, der dir auf wunderbare Weise das Leben gerettet hat.«

»Ach, lieber Vater, lieber Vater, es ist besser zu sterben, als mit einem Mann zu leben, der von so verschiedener Natur ist.«

Giovannino der Starke, merkte bald, dass er nicht geliebt, sondern nur geduldet wurde. Das Leben eines Prinzen war nicht gemacht für ihn. Eines schönen Tages nahm er Abschied von seiner Frau, steckte das Geld, das er für die Befreiung der Königstochter erhalten hatte, zu sich und kehrte froh und glücklich wieder in sein bescheidenes Dorf zurück. Dort setzte er sich wieder an seinen Schustertisch und klopfte mit seinem Hammer wie früher das Leder. Er trällerte und sang voll Herzenslust seine Lieder aus der Jugendzeit, seine Liebeslieder und die aus dem Kriegsleben. Und in seine kleine Bude kehrten wie früher die jungen Leute, die Männer aus dem Dorf und der Bürgermeister ein, die leisteten ihm frohe Gesellschaft. Und wenn er seine geräuschvollen Abenteuer mit dem Drachen erzählte, so pflegte er gewöhnlich am Schluss das Sprüchlein beizufügen:

Wer sein Brot verdient mit eigener Hand,
ist zufriedener als mancher Fürst im Land.

 

Aus: Walter Keller: Tessiner Märchen, Frauenfeld o.J.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.