Der Rotstrumpf

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Zwei Wurzelgräber übernachteten einst auf der Rautialp. Sie schlummerten schon eine Weile, als sie durch einen heftigen Lärm geweckt wurden. Die Schweine drängten zum Kober hinaus und stoben nach allen Richtungen davon. Der eine Kräutermann stieg vom Tril herunter, um vor der Hütte nachzusehen. Dort erblickte er im Mondschein einen gewaltigen Menschen. Der war ganz schwarz im Gesicht und trug rote Strümpfe. Entsetzt floh der Wurzelgräber wieder auf sein Lager. Aber mit dem Schlafen war’s aus, denn nach einer halben Stunde näherten sich schleppende Schritte. Durch eine Spalte in der Trilwand gewahrten die erschrockenen Übernächtler den Rotstrümpfigen, wie er in den Weller trat, ein mächtiges Feuer anfachte und regelrecht zu sennen anfing. Nach getaner Arbeit verliess er die Hütte, um nach einer halben Stunde wieder zu kommen und von Neuem zu beginnen. Erst gegen Tagesanbruch blieb er weg. Da wagten es die beiden Männer, herabzusteigen. Der Jüngere hatte genug erlebt und wanderte mit leerem Sacke talwärts, während der andere seinen Wurzeln nachging. Bis Mittag hatte er seinen Sack fast gefüllt. Er stellte ihn aufrecht an einen Stein und grub weiter. Als er sich umschaute, sah er den Sack am Boden liegen und alle Wurzeln waren zerstreut. Weit und breit aber war kein Mensch zu sehen. Der Gräber füllte den Sack neuerdings und band ihn diesmal zu. Doch kaum hatte er sich ein Stück weit entfernt, so sah er, wie der Rotstrumpf den Sack öffnete und ausleerte. Von Angst gepackt, floh der Alte zu den Hütten hinab, wo er den Sennen seine Erlebnisse erzählte. Diesen war dies nichts Neues, worüber sich der Wurzelgräber verwunderte. Wie machte er aber Augen, als unerwartet der Rotstrümpfige auftauchte, dem Senn winkte und mit ihm in die Hütte trat. Dort hantierten beide um die Wellgrube herum, bis der unheimliche Riese plötzlich verschwand, als sei er mit dem Rauch zum Fenster hinaus. Merkwürdigerweise wollte nachher der Senn von allem nichts wissen.

Ein junger Bauer, der von diesen Dingen gehört hatte, vermass sich, dem Rotstrumpf den Meister zeigen zu wollen. Mutterseelenallein wartete er auf dem Tril auf den Gespenstigen. Auf einmal spürte er wie eine eiskalte Masse erdrückend schwer auf ihn niederfiel, während ein stinkender Hauch das Tril erfüllte. Bis zum Morgen lag der Rotstrumpf — der war es nämlich auf dem Burschen, der mühsam nach Atem rang und beinahe erstickte. Nachdem der Alpgeist endlich die Hütte verlassen hatte, kehrte der junge Bauer wieder zu seinen Kameraden zurück. Aber das Abenteuer war ihm schlecht bekommen. Vom giftigen Hauch war sein Körper über und über mit blauer Geschwulst bedeckt, die wohl sechs Wochen anhielt. Als bleibendes Zeichen des ausgestandenen Schreckens standen dem Mann zeitlebens die Haare bolzgerade in die Höhe.

 

Quelle: K. Freuler, H. Thürer, Glarner Sagen, Glarus 1953
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch

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