Das Totenvolk von Ennenda

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Zur Zeit, da in den Ennendanern der Handels- und Unternehmensgeist erwachte, lebte dort ein alter Soldat, der jahrzehntelang dem Krieg nachgezogen war und dabei wohl viel Länder und Leute gesehen hatte darüber aber sauberledig geblieben war. Und da seine nächsten Verwandten auf dem Glarner Friedhof ruhten, die andern Mitbürger jedoch vor lauter Tischhandel und Wollengewirb keine Zeit oder keinen Sinn mehr für Waffenlatein hatten, sah man den müden Söldner oft einsam vor seinem Hause höckeln, dem verpönten Tabaktrinken (= Rauchen) frönen und gleich einem ausgedienten Kater in der Sonne träumen. Niemand konnte es ihm deshalb verargen, dass er an manchem Abend einen ehemaligen Dienstkameraden aufsuchte, mit ihm ein bescheidenes Trünklein tat, wobei sie die namhaftesten Bilder ihres Soldatenlebens immer wieder hervorholten und sie gemeinsam wie bunte Karten betrachteten.

Im Spätherbst 1660 war es, als unser Altlediger in dunkler Nacht von einem solchen feuchten Plauderstündchen heimkehrte, seiner vergangenen Heldenzeit nachsinnend, während die Füsse den vertrauten Weg von selbst fanden. Bei der alten Säge gewahrte er einen Lichtschein. War da etwa gar Feuer ausgebrochen? Nein, denn die Helle lag fahl und ruhig auf dem Fleck Erde, als leuchte der Mond durch ein Wolkenfenster herab. Dabei war doch heute Neumond! Gleichzeitig setzte ein Rauschen und Tosen ein wie von einem daher fahrenden Sturmwind, das verschlafene Murmeln des Sägebaches verschluckend. Darüber verwunderte sich der Soldat, stand stille und lauerte. Er mochte kein halbes Dutzend Atemzüge getan haben, so sah er einen Mann aus der Finsternis treten, der aufs Haar einer bekannten Persönlichkeit ähnelte. «Guten Abend, Herr ...», wollte er den Dunkeln begrüssen, «soso, seid Ihr auch noch auf den Beinen?» Aber die Rede blieb ihm im Halse stecken, und seine Zunge erstarrte - der nächtliche Wanderer schaute ihm so stark ins Gesicht, als wollte er ihn mit seinen Blicken an die Sägenwand nageln. Was aber hinter dem Schwarzen folgte das war auch für einen erprobten Soldaten, der das Fürchten in fremden Landen zurückgelassen hatte, des Guten zu viel. Zunächst erschienen gewisse Töchterlein aus bessern und weniger angesehenem Häusern, ihnen beigesellt ein junger Herr, der täglich an des Kriegers Haus vorbeiging und meistens ein freundliches Wort für den Alten bereithielt. Hierauf wandelte eine grosse Menge von allerlei Leuten vorüber, alte und junge, bekannte und unbekannte, Männlein und Weiblein. Die einen trugen ihre Schuhe, die andern die Strümpfe und ein Teil gar ihre Hosen in den Händen, obwohl die ersten Fröste bereits gefallen waren. Viele der merkwürdigen Gesellschaft sanken alle paar Schritte um, andere überpurzelten, so dass sie den übrigen kaum folgen konnten. Doch kein Laut entstieg den schattenhaften Gestalten. Nur das Rauschen fuhr in Wellen durch die Nacht. Am Schlusse des Geisterzuges trippelten zwei Personen, von denen die eine so klein und dürr war, dass man fast durch sie hindurchsehen oder doch ihre Rippen zählen konnte. Sie führte eine Sense in der Hand, während ihre Begleiterin einen Stallbesen geschultert hatte. Wie die beiden den lichterfüllten Kreis verlassen hatten, erlosch dieser, das Getöse riss ab — und alles war wie zuvor.

«Der sonst beherzte Soldat erschrak und resolviert sich gleichwohl, die Sach niemanden zuo offenbaren, bis er endtlich gleichsam wider seinen Willen gedrungen worden, soliches ze thun, also dass er, solang ers verschwigen, kein ruh hatte», berichtete Dekan Johannes Hegi in Glarus am 10. Januar 1661 dem bekannten Zürcher Theologieprofessor Joh. Heinrich Heidegger und schloss seinen Brief über das Totenvolk zu Ennenda mit den Worten: «Und stellend ihrer vil der sach glauben zuo, theils weilen dergleichen hiebevor wohl mehr im Land gesehen worden, theils weilen man den Soldaten hiebevor nie für einen unverhafften (unwahrhaften) mann gehalten. Gottes Gwalt walte über uns allen. Amen.»

 

Quelle: K. Freuler, H. Thürer, Glarner Sagen, Glarus 1953
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch

Diese Website nutzt Cookies und andere Technologien, um unser Angebot für Sie laufend zu verbessern und unsere Inhalte auf Ihre Bedürfnisse abzustimmen. Sie können jederzeit einstellen, welche Cookies Sie zulassen wollen. Durch das Schliessen dieser Anzeige werden Cookies aktiviert. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Cookie Einstellungen

Diese Cookies benötigen wir zwingend, damit die Seite korrekt funktioniert.

Diese Cookies  erhöhen das Nutzererlebnis. Beispielsweise indem getätige Spracheinstellungen gespeichert werden. Wenn Sie diese Cookies nicht zulassen, funktionieren einige dieser Dienste möglicherweise nicht einwandfrei.

Diese Webseite bietet möglicherweise Inhalte oder Funktionalitäten an, die von Drittanbietern eigenverantwortlich zur Verfügung gestellt werden. Diese Drittanbieter können eigene Cookies setzen, z.B. um die Nutzeraktivität zu verfolgen oder ihre Angebote zu personalisieren und zu optimieren.
Das können unter Anderem folgende Cookies sein:
_ga (Google Analytics)
_ga_JW67SKFLRG (Google Analytics)
NID (Google Maps)