Wie ein Fischer sein Kind verkaufte - Zaubermärchen

Wie ein Fischer sein Kind verkaufte

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Zaubermärchen

Gianni trieb, wie schon sein verstorbener Vater, das Handwerk eines Fischers. Freilich hatte er beim Fischfang nie viel Glück gehabt, denn es waren nur wenige Fische, die er jeden Tag fing. Und doch hatte er eine sehr zahlreiche Familie. Fünfzehn Kinder nebst seiner Frau saßen hungrig am Tisch und verlangten nach Brot.

Wie schon oft, so saß er auch an einem schönen Maimorgen, um vier Uhr in aller Frühe, am Seeufer und warf sein braves Netz aus. Aber so oft er es auch zurückzog, so fand er nicht einmal den Schwanz eines Fisches darin. Die Turmuhr hatte bereits acht Uhr geschlagen, und die andern Fischer kehrten schon heimwärts, zufrieden mit ihrem guten Fang. Der unglückliche Gianni aber ließ sich's nicht verdrießen und fischte geduldig weiter. Allein, es wollte auch jetzt kein Fisch in sein Netz gehen. Schon war er in seiner Verzweiflung im Begriff, seine Sachen zusammenzupacken und heimzukehren, als vor ihm ein alter, aber vornehm gekleideter Mann erschien und ihn liebevoll anredete:
»Guter Mann, wie geht es mit dem Fischfang heute morgen?«
»Schlecht, sehr schlecht, mein Herr! Schon seit vier Uhr sitz ich hier und habe nichts, aber auch gar nichts gefangen, und meine Familie hat nichts zu essen.« »Nun gut, lieber Freund«, sagte der Unbekannte, »so will ich euer Glück machen. Aber unter einer Bedingung. Ihr müsst mir euer nächstes Söhnlein, das ihr bekommt, verkaufen, wenn es vierzehn Jahre alt geworden ist. Wollt ihr das annehmen?«
Der Fischer überlegte bei sich im Stillen, dass er und seine Frau bald fünfzig Jahre alt seien und doch keine Kinder mehr zu erwarten hätten. Deshalb gab er zur Antwort: »Ich bin damit einverstanden.«
»Gut so, dann setzt eure Unterschrift hierher«, sprach der Unbekannte und reichte ihm ein beschriebenes Papier. Der Fischer unterschrieb den Vertrag.
»Da nehmt, hier habt ihr dreihundert Franken«, fügte der Alte hinzu. »Und jetzt werft euer Netz noch einmal aus.«
Der Fischer gehorchte. »Jetzt zieht es zurück!«

Und, o welch Wunder! Der Fischer zog viele schöne Fische ans Ufer. Er fragte voll Erstaunen: »Aber wer seid ihr, mein Herr? Wohl gar ein Zauberer?« »Also«, versetzte der Unbekannte, »es bleibt abgemacht. Heute ist Anfang Mai. Nach fünfzehn Jahren am fünften Mai um acht Uhr morgens seid ihr hier an der gleichen Stelle mit eurem Sohn!«

Und kaum hatte er dies gesagt, war er verschwunden. Glückstrahlend kehrte der Fischer mit dem vielen Geld und den Fischen nach Hause zurück. Von diesem Tag an fing er immer Fische und konnte seine große Familie gut durchbringen.

Ein Jahr später schenkte ihnen Gott aber ein schönes Kind. Die Mutter wusste von dem Pakt, den ihr Mann mit dem geheimnisvollen Alten abgeschlossen hatte. Sie grämte sich darüber, wenn sie ihr Kindchen anschaute und rief aus: »Wenn heut über vierzehn Jahren das Kind noch am Leben ist, so wollen wir sicher diesen Schatz nicht hergeben, nicht wahr, mein lieber Mann!«

Dem Söhnlein gaben sie bei der Taufe den Namen Fortunino, der Glückliche. Es wurde rasch größer und war kräftig und schön. Mit sechs Jahren besuchte der Knabe die Dorfschule und wurde bald der Liebling des Lehrers. Er machte gute Fortschritte und war der Tüchtigste in der Schule. Aber so oft der Vater seinen Sohn anschaute, kamen ihm die Tränen, und er konnte nicht anders als weinen. Der Knabe erzählte dies seinem Lehrer und dieser sprach:
»Fortunino, du musst, koste es, was es wolle, von deinem Vater in Erfahrung bringen, warum er weint, so oft er dich ansieht. Du bist nun dreizehn Jahre alt, bist groß und stark, fast mehr als es deinem Alter entspricht.« Eines Tages waren Fortunino und sein Vater allein in der Küche. Und wieder fing der Vater, wie gewohnt, zu weinen an, und er weinte wie eine abgeschnittene Rebe. »Warum weinst du jedes Mal, wenn du mich siehst, Vater?« fragte das Kind mit liebevollen Worten. »Was für ein Geheimnis verbirgst du vor mir?« »Ach, ich weine, ich weine ... so ... so ... Ich weiß es selber nicht recht ... ich ...« »So sag es mir doch, Väterchen, sag es mir, ich bin doch jetzt dreizehn Jahre alt.«

Da beschloss der Vater, es ihm zu sagen und sprach: »So wisse, mein liebes Kind, dass ich dich verkauft habe. Es geht nicht mehr ganz ein Jahr, am fünften Mai, so muss ich dich ans Ufer des Sees führen. Dort wird sich um acht Uhr morgens, ein reicher alter Herr einfinden. Dann wirst du mich verlassen und mit ihm gehen müssen. Ich habe ein Schriftstück unterzeichnet. Verzeihe mir. Es war das Elend dran schuld, das mich trieb, dich zu verkaufen, noch ehe du auf der Welt warst. Verzeihe mir, verzeihe mir!« Und damit brach der unglückliche Vater in lautes Jammern aus. Fortunino blieb wie versteinert. Er brachte kein Wort heraus, kein Vorwurf kam über seine Lippen. Am folgenden Tag erzählte er den unerhörten Vorfall seinem Lehrer.

»Die Sache ist sehr ernst, um nicht zu sagen geheimnisvoll«, meinte der Lehrer. »Doch warte ... mir kommt ein Gedanke. Ich habe einen Bruder, der ist Pfarrer im Dorfe P. Vielleicht kann er dir aus dieser Verlegenheit helfen. Morgen gehst du zu ihm. Hier hast du Geld für die Reise. Mut braucht's hier freilich.«

Schon am Abend des nächsten Tages kehrte Fortunino wieder von seiner Reise zurück.
»Und nun«, rief ihm der Lehrer entgegen, »sag schnell, was bringst du mir für Neuigkeiten?«
»Euer trefflicher Bruder sendet euch viele herzliche Grüße. Was den Vertrag anbetrifft, den mein Vater und jener geheimnisvolle Alte abgeschlossen haben, so weiß er nicht, was er dazu sagen soll. Er glaubt, es sei der Teufel. Da sollte man vor allem wissen, wo er zu Hause ist.« »Das werden wir bald erfahren, Fortunino. Morgen in aller Frühe begibst du dich auf das Gebirge im Osten des Dorfes. Dort droben wohnen zwei Brüder von mir als Einsiedler. Der eine oder der andere wird dir aus dieser Notlage helfen.«

Also stieg Fortunino am anderen Tag hinauf ins Gebirge. Er wanderte und wanderte den ganzen Tag. Endlich gelangte er gegen Sonnenuntergang zur ersten Klause. Er klopfte an, und es öffnete ihm ein alter Einsiedler, der einen langen weißen Bart trug.

»Komm herein, schönes Kind. Was führt dich in so später Stunde zu mir?« Der Junge erzählte, was für einen Vertrag sein Vater mit einem geheimnisvollen Alten, der sicher niemand anders als der Teufel sei, abgeschlossen habe, und fragte den Waldbruder, ob er nicht wisse, in welchem Haus der Unhold wohne.

»Morgen wollen wir darüber nachdenken. Unterdessen nimm und iss dieses Stück Brot und trink von diesem Wasser, denn du wirst Hunger und Durst haben. Nachher legst du dich auf jenen Strohsack und schläfst bis morgen.«

Am andern Morgen versammelte der Eremit mit einem Pfiff seine tausend Tauben und befahl ihnen, durch die Welt zu fliegen, um das Haus des Teufels ausfindig zu machen. Aber nach drei Tagen kehrten die Bewohner der Lüfte wieder zurück, ohne etwas gefunden zu haben. »Höre, mein Kind!«, sprach der Büßer. »Zwei Stunden Weges von hier wohnt einer meiner Brüder, ein Zauberer, ein Magier, wie es keinen mächtigeren geben kann. Mach dich auf zu ihm, ich bin gewiss, dass er dich von dem Vertrag erretten kann, den dein Vater mit dem Satan geschlossen hat.«

Fortunino dankte und ging fort. Er wanderte und wanderte und klopfte schließlich an die Türe des Zauberers aller Zauberer. Als die Tür aufging, stand die Zauberin auf der Schwelle.

»O du armer Knabe«, rief sie aus, »weißt du denn nicht, dass der schreckliche Zauberer alle auffrisst, die ihm unter die Augen kommen? Weißt du nicht, dass, wer hier zu dieser Tür hineingeht, weder lebend noch tot hier wieder herauskommt?«

Sie hatte jedoch so großes Mitleid mit dem bildschönen Knaben, dass sie ihn eintreten ließ, ihm zu essen gab und ihn dann mit mütterlicher Fürsorge zu Bette brachte. Nach einer Weile kehrte der Zauberer mit großem Gepolter heim.

»Ich rieche Menschenfleisch!« rief er aus. »Du bist wohl närrisch«, erwiderte die Zauberin, »iss jetzt zu Nacht und schweig!«
»Nein, ich bin kein Narr. Willst du den Menschen holen, oder soll ich gehen?«

Da eilte die Zauberin zum schlafenden Kind, weckte es, führte den Knaben, der keinerlei Angst hatte, vor den Zauberer und bat ihn so lange und inständig, das hübsche Kind zu schonen, bis der böse Mann einwilligte. Ja, er streichelte sogar den Jungen. Fortunino erzählte ihm unerschrocken von dem Pakt zwischen seinem Vater und dem Teufel und bat ihn treuherzig, er möge ihn doch davon befreien. »Ich will es tun«, sagte er. Darauf befahl er seiner Frau, ein tüchtiges Feuer anzufachen und näherte sich hierauf mit dem Knaben dem großen Kamin. Er hatte ein altes Buch bei sich, dessen Pergamentdeckel über und über mit Flecken bedeckt war. Ferner schwang er in der Hand eine Rute aus Eisen, die er im Feuer zum Glühen brachte. Hierauf öffnete er sein Zauberbuch und rief mit donnernder Stimme einen Teufel herbei. Gleich darauf sauste einer durch den Kamin herab.»Bist du es«, sprach der Magier zu ihm, »bist du es, Unglücklicher, der diesen Knaben von einem Fischer gekauft hat, noch ehe der Kleine zur Welt kam?«
»Nein, ich war es nicht!«
»Dann fort mit dir!«

Und damit gab er ihm mit der glühenden Rute einen entsetzlichen Streich. Darauf rief er mit schauerlicher Stimme einen andern Teufel. Jetzt erschien einer, der war alt, sehr alt, verkrüppelt und hatte einen Buckel.
»Bist du es, der von einem Fischer diesen Knaben gekauft hat, noch ehe er geboren war?«
»Ja freilich«, grinste der abscheuliche Satan.
»Aha, du bist's also, du Verwünschter. Da nimm!«
Und der Zauberer fiel über ihn her und versetzte ihm so viele Rutenschläge, bis er halbtot zu Boden fiel.
»Wo ist das Schriftstück, auf dem der Vertrag unterschrieben wurde? Wenn du es mir nicht auf der Stelle gibst, so schlage ich dich tot.«

Jetzt zog der Teufel das Schriftstück hervor, und der Zauberer verbrannte es vor seinen Augen im Kaminfeuer. Darauf kehrte der Satan mit zerschlagenen Gliedern in die Hölle zurück.

Der Zauberer aber, der trotz seiner Grausamkeit doch ein gutes Herz hatte, schenkte dem Knaben Fortunino ein Säcklein voll Goldstücken und ließ ihn dann heimkehren.

Endlich kam der fünfte Mai. Der Fischer saß am Seeufer am selben Ort wie vor fünfzehn Jahren und fischte, und Fortunino stand dabei; aber es erschien niemand, der ihm das Kind verlangte, und so kehrten sie glücklich zur Mutter heim.


Aus: Walter Keller: Tessiner Märchen, Frauenfeld

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.