Wehmütige und fröhliche Lieder - Novelle

Wehmütige und fröhliche Lieder

Land: Ukraine
Region:
Kategorie: Novelle

Einst lebte ein Mann, der hatte zehn Kinder. Die Frau war gestorben und das Land, das er bearbeitete war karg und klein. Und doch sang er mit den Kindern jeden Tag, um den Hunger zu vertreiben. Sie sangen fröhliche Lieder um den Tag zu begrüssen, wehmütige Weisen, um die Sehnsucht nach der Mutter zu stillen und ruhige Lieder um abends besser einschlafen zu können. Neben dem armen Mann wohnte ein Reicher. Dieser hörte jeden Tag den Gesang, er sah aber auch die Not und so ging er eines Tages zu dem Armen und sprach: „Zehn Kinder hast du und kaum etwas zu beissen. Gib mir ein Kind und du  bekommst von mir einen Beutel Gold.“ Der Arme rief seine Kinder zu sich und sprach: „Der Herr gibt uns einen Beutel Gold für eines von euch. Wer möchte dem Herrn in sein Haus folgen? Ihr bekommt dort genug zu essen und habt ein weiches Bett.“
„Keines von uns will gehen“, sprachen die Kinder und weinten. An jenem Abend hörte der Reiche traurige Klagelieder aus dem Nachbarhaus erklingen und konnte nicht schlafen.
Am nächsten Tag nahm er einen Beutel Gold und sprach:“ Hier habt ihr einen Beutel Gold. Dafür müsst ihr aufhören zu singen, denn euer Gesang lässt mich nicht schlafen!“ An diesem Tag hörte man keine Lieder erklingen, still und traurig war es im Haus der Armen, doch die Kinder konnten nicht schlafen. Da begann eines der Kinder so wehmütig zu singen, dass selbst dem Vater die Tränen kamen. Er packte den Beutel mit Gold, brachte ihn dem reichen Nachbar und sprach:“ Mit Hunger im Bauch und schwerer Arbeit können wir leben. Aber ohne Lieder kann unser Leben nicht sein!“ Mit diesen Worten gab er dem Reichen den Beutel Gold zurück. Von diesem Tag an, hörte man die Lieder im Haus des Armen wiedererklingen und wir singen sie noch heute.

Märchen aus der Ukraine, Fassung © Djamila Jaenike, nach: Das fliegende Schiff, Ukrainische Märchen, Kiew 1981

Aufgrund des aktuellen Krieges in der Ukraine sind nach UN-Angaben mehrere Millionen Menschen auf der Flucht vor der Gewalt.