Kindermärchen: Geschichten & Märchen für Kinder | Märchenstiftung

Märchen und Geschichten für Kinder 

Hier finden Sie einige Märchen und Kurzgeschichten für Kinder zum Vorlesen oder Erzählen.  Lassen Sie sich von unserem Märchenschatz inspirieren und entdecken Sie Geschichten, welche Sie und Ihre Kinder verzaubern werden. Die Märchen mit Stern * können in Schweizer Gebärdensprache angeschaut werden.  101 Kindermärchen und Anleitungen zum Vorlesen und Erzählen finden Sie unserem  Buch "Kindermärchen aus aller Welt" mit einem Vorwort des Hirnforschers Prof. Gerald Hüther.  

 

 


Die Geschichte von der weisen Eule 

Vor langer Zeit lebte tief im Wald eine Eule. Sie nistete in der mächtigen Krone einer Eiche und hörte gern zu, wenn die Tiere des Waldes von ihren Freuden und Leiden erzählten. Auch die Eule erzählte gern Geschichten, die der Wind und der Regen ihr von weit her mitgebracht hatten. Eines Tages jedoch beschloss sie, den tiefen Wald zu verlassen und auszuziehen, um neue Geschichten zu hören. Sie breitete ihre Schwingen aus und flog in die weite Welt. Mit ihren grossen Augen sah sie alles, alles hörte sie mit ihren scharfen Ohren, und alles bewahrte sie sorgsam in ihrem Gedächtnis. So vergingen die Jahre, und die Eule wurde älter und immer weiser. Da verspürte sie Sehnsucht nach ihrem Wald und der grossen Eiche und sie beschloss, heimzukehren. Viele Tage und Nächte flog sie, bis sie lautlos in der Krone der alten Eiche landete. Als die Tiere des Waldes hörten, dass die weise Eule zurückgekehrt sei, versammelten sie sich im Mondschein unter der Eiche und wollten die Märchen hören, die sie aus der weiten Welt mitgebracht hatte. Die Eule erzählte so wunderbare Dinge, dass niemand schlafen gehen wollte. Sie reihte ihre Märchen aneinander wie Perlen auf eine Schnur, und alle Tiere lauschten mit angehaltenem Atem. «Wie weise du bist, Frau Eule!», sagte ein Bär, nachdem die Eule geendet hatte. «Ich habe so viel gelernt von dir, da ist es doch zu schade, dass die Menschen deine Märchen nicht kennen.» Die weise Eule dachte lange über die Worte des Bären nach. Als sie fühlte, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, nahm sie ein dickes Buch und einen Federkiel. Sie schrieb und schrieb und schrieb, und als sie das letzte Märchen aufgeschrieben hatte, schloss sie ihre Augen für immer. Das dicke Buch jedoch war unter die Eiche gefallen, und dort fand ich es. Ich schlug es auf, und da stand geschrieben:
«Vor langer Zeit ...»

Märchen aus Tschechien, Fassung Djamila Jaenike, aus: Kindermärchen aus aller Welt  © Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 

Das kleine Häschen und der Ziegenbock

Einmal fand das kleine Häschen einen Kohlkopf. Es sagte: «Den nehme ich mit, das gibt eine gute Kohlsuppe.» Mit dem Kohl hoppelte es hop-pi-ty-hop zu seinem kleinen Haus. Doch die Tür war verschlossen, und es konnte nicht hinein. «Wer ist in meinem Häuschen?», fragte das Häschen. Eine laute Stimme antwortete: «Ich bin der grosse Ziegenbock, in deinem Haus bleibe ich, kommst du herein, so fresse ich dich!»
Erschrocken sass das kleine Häschen vor seinem Haus und war ganz unglücklich. Dann hoppelte es hop-pi-ty-hop zum Schwein und sagte: «O liebes Schwein, der gefährliche Ziegenbock ist in meinem Häuschen, und ich kann nicht hinein, denn er sagte: ‹Ich bin der grosse Ziegenbock, in deinem Haus bleibe ich, kommst du herein, so fresse ich dich!› Bitte hilf mir, liebes Schwein.»
Doch das Schwein schüttelte den Kopf und sagte: «Oink! Den Ziegenbock fürchte ich, er ist stärker als ich.»
Traurig hoppelte das Häschen hop-pi-ty-hop zur Kuh und sagte: «O liebe Kuh, der gefährliche Ziegenbock ist in meinem Häuschen, und ich kann nicht hinein, denn er sagte:‹Ich bin der grosse Ziegenbock, in deinem Haus bleibe ich, kommst du herein, so fresse ich dich!› Bitte, liebe Kuh, hilf mir!»
Doch die Kuh schüttelte den Kopf und sagte: «Muh! Den Ziegenbock fürchte ich, der ist stärker als ich.»
Traurig hoppelte das Häschen hop-pi-ty-hop zum Hund und sagte: «Lieber Hund, der gefährliche Ziegenbock ist in meinem Häuschen, und ich kann nicht hinein, denn er sagte:‹Ich bin der grosse Ziegenbock, in deinem Haus bleibe ich, kommst du herein, so fresse ich dich!› Bitte, lieber Hund, hilf mir!»
Doch der Hund schüttelte den Kopf und sagte: «Wuff! Den Ziegenbock fürchte ich, er ist stärker als ich.»
Traurig hoppelte das Häschen hop-pi-ty-hop davon. Es setzte sich unter einen Strauch und weinte. Da hörte es auf einmal eine Stimme, die sagte: «Summ, summ, warum weinst du so, kleines Häschen hoppeldiho?»
«Ach, liebe Biene, weisst du, ich fand einen Kohlkopf und wollte ihn kochen, doch als ich nach Hause kam, war die Tür verschlossen, und eine Stimme rief: ‹Ich bin der grosse Ziegenbock, in deinem Haus bleibe ich, kommst du herein, so fresse ich dich!› Niemand kann mir helfen, nicht das Schwein und nicht die Kuh, der Hund nicht und auch nicht du!», jammerte das Häschen und weinte wieder.
Die Biene aber sagte: «Zeige mir mal den Bock, ich will sehen, ob ich dir helfen kann.»
Da hoppelte das Häschen hop-pi-ty-hop, hop-pi-ty-hop zu seinem Häuschen, und die Biene flog über ihm. Als sie beim Häuschen ankamen, rief das Häschen: «Du böser Bock, komm heraus, das ist mein Haus!» Doch der Bock rief:«Ich bin der grosse Ziegenbock, in deinem Haus bleibe ich, kommst du herein, so fresse ich dich!»
Da flog die Biene in das Häuschen hinein und stach den Ziegenbock in die Nase, in die Ohren, in den Bauch und in das Schwänzchen, bis der Bock rief: «Au, au, au, meck, meck,ich geh ja schon weg!» Und er hüpfte in grossen Sprüngen aus dem Häuschen heraus.
Das Häschen freute sich und konnte endlich wieder in sein Häuschen hinein. Es bedankte sich bei der Biene, dann nahm es den Kohlkopf, kochte eine feine Suppe und ass alles, alles auf. Von diesem Tag an lebte das Häschen glücklich in seinem Häuschen, und der böse Bock kam nie mehr zurück.

Märchen aus England © Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 


Das Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen

Es war einmal eine Mutter, die hatte sieben hungrige Kinder. Da nahm sie Mehl, Milch, Butter, Eier, Zucker – etwas Salz nicht zu vergessen – und machte einen schönen, dicken, fetten Pfannkuchen. Der lag in der Pfanne und ging auf, dass es eine Freude war. Die Kinder standen alle ringsherum, und auch der alte Grossvater sah zu. 
Da sagte das erste Kind: «Ach, gib mir doch ein bisschen von dem Pfannkuchen, liebe Mutter.»
«Liebe, gute Mutter», sagte das zweite.
«Liebe, gute, schöne Mutter», sagte das dritte.
«Liebe, gute, schöne, beste Mutter», sagte das vierte.
«Liebe, gute, schöne, beste, süsse Mutter», sagte das fünfte.
«Liebe, gute, schöne, beste, süsse, einzige Mutter», sagte das sechste.
«Liebe, gute, schöne, beste, süsse, einzige, herzige Mutter», sagte das siebente.
Aber die Mutter sagte: «Wartet, bis er sich umgedreht hat.» Sie hätte aber sagen sollen: «Bis ich ihn umgedreht habe.» Als der Pfannkuchen hörte, dass er sich selbst umdrehen könne, dachte er: «Was? Zum Essen bin ich viel zu schade. Ich will mir lieber erst einmal die Welt ansehn und mich sofort umdrehn.» Damit machte der Pfannkuchen einen Sprung und sprang, kantapper, kantapper, aus der Pfanne heraus und zur Tür. Heissa! Die Mutter rannte mit der Pfanne und dem Kochlöffel hinter ihm her. Auch der alte Grossvater und die sieben Kinder liefen hinter ihr drein. Alle schrien: «Haltet ihn, haltet ihn!» Aber der Pfannkuchen lief, kantapper, kantapper, die Treppe hinunter und hinaus auf die Strasse. Da sass eine Miezekatze. Als sie den dicken, fetten Pfannkuchen sah, sagte sie: «Miau, miau, dicker, fetter Pfannkuchen, lass dich fressen, bitte, bitte!» Aber der Pfannkuchen sagte: «Was? Ich soll mich von dir, Katze-Miatze, fressen lassen? Hinter mir ist schon die Mutter geblieben, der Grossvater auch und der Kinder sieben. Und ich soll dir, Katze-Miatze, nicht entlaufen?»  Und er lief, kantapper, kantapper, immer weiter der Strasse entlang. Da kam ein Hahn. Der sagte: «Dicker, fetter Pfannkuchen, lass dich auffressen!»
«Was?», sagte der Pfannkuchen. «Ich soll mich von dir, Hahn-Krahdahn, fressen lassen? Hinter mir ist schon die Mutter geblieben, der Grossvater auch und der Kinder sieben und Katze-Miatze. Und ich soll dir, Hahn-Krahdahn, nicht entlaufen?» Und er lief, kantapper, kantapper, , immer weiter in die Welt hinein. Da kam eine Gans. Die sagte: «Gack, gack, gack, dicker, fetter Pfannkuchen, lass dich auffressen!»
«Was?», sagte der Pfannkuchen. «Ich soll mich von dir, Gans-Watschwanz, fressen lassen? Hinter mir ist schon die Mutter geblieben, der Grossvater auch und der Kinder sieben, Katze-Miatze, Hahn-Krahdahn. Und ich soll dir, Gans-Watschwanz, nicht entlaufen?» Und er lief, kantapper, kantapper immer schneller in die Welt hinein. Da kam eine Kuh. Die sagte: «Muh, muh, muh, dicker, fetter Pfannkuchen, lass dich auffressen!»
«Was?», sagte der Pfannkuchen wieder. «Ich soll mich von dir, Kuh-Muhmuh, fressen lassen? Hinter mir ist schon die Mutter geblieben, der Grossvater auch und der Kinder sieben, Katze-Miatze, Hahn-Krahdahn, Gans-Watschwanz. Und ich soll dir, Kuh-Muhmuh, nicht entlaufen?» Und er lief, kantapper, kantapper, immer schneller in die Welt hinein. Da kam ein Schwein, und das sagte: «Dicker, fetter Pfannkuchen, komm her, lass dich auffressen!»
«Was?», sagte der Pfannkuchen wieder. «Ich soll mich von dir, Schwein-Schwänzelein, fressen lassen? Hinter mir ist schon die Mutter geblieben, der Grossvater auch und der Kinder sieben, Katze-Miatze, Hahn-Krahdahn, Gans-Watschwanz, Kuh-Muhmuh. Und ich soll dir, Schwein-Schwänzelein, nicht entlaufen?» Und er lief, kantapper, kantapper, immer schneller in die Welt hinein. Da aber kam der Pfannkuchen an einen breiten Bach und der hatte keine Brücke. Er wusste nicht, wie er hinüberkommen sollte. Er lief immer, kantapper, kantapper, dem Wasser entlang. Das Schwein aber, das war ihm nachgegangen. Und als es zu dem Bach kam, da sprang es ins Wasser und schwamm auf dem Wasser. Der Pfannkuchen aber, der hatte Angst davor, nass zu werden. Das Schwein sagte: «Setz dich auf meinen Rücken, so will ich dich rübertragen!» Da sprang der Pfannkuchen auf den Rüssel des Schweins. «Nuf, uff!», sagte das Schwein und frass den dicken, fetten Pfannkuchen auf einen Happs.Und da der Pfannkuchen nicht weiter kam, das Märchen hier ein Ende nahm.

Märchen aus Norwegen, aus: Kindermärchen aus aller Welt  © Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 


Das Hirtenbüblein

Es war einmal ein Hirtenbübchen, das war wegen seiner weisen Antworten, die es auf alle Fragen gab, weit und breit berühmt.  Der König des Landes hörte auch davon, glaubte es nicht und ließ das Bübchen kommen. Da sprach er zu ihm: «Kannst du mir auf drei Fragen, die ich dir vorlegen will, Antwort geben, so will ich dich ansehen wie mein eigen Kind, und du sollst bei mir in meinem königlichen Schloss wohnen.» Sprach das Büblein: «Wie lauten die drei Fragen?» Der König sagte: «Die erste lautet: wie viel Tropfen Wasser sind in dem Weltmeer?» Das Hirtenbüblein antwortete: «Herr König, lasst alle Flüsse auf der Erde verstopfen, damit kein Tröpflein mehr daraus ins Meer läuft, das ich nicht erst gezählt habe, so will ich Euch sagen, wie viel Tropfen im Meere sind.» Sprach der König: «Die andere Frage lautet: wie viel Sterne stehen am Himmel?» 
Das Hirtenbübchen sagte: «Gebt mir einen grossen Bogen weisses Papier» und dann machte es mit der Feder so viel feine Punkte darauf, dass sie kaum zu sehen und fast gar nicht zu zählen waren und einem die Augen vergingen, wenn man darauf blickte. Darauf sprach es: «So viel Sterne stehen am Himmel, als hier Punkte auf dem Papier, zählt sie nur.» Aber niemand war dazu imstand. Sprach der König: «Die dritte Frage lautet: Wie viel Sekunden hat die Ewigkeit?» 
Da sagte das Hirtenbüblein: «In Hinterpommern liegt der Diamantberg, der hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hundert Jahr ein Vöglein und wetzt sein Schnäbelein daran, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde von der Ewigkeit vorbei.»
Sprach der König: «Du hast die drei Fragen aufgelöst wie ein Weiser und sollst fortan bei mir in meinem königlichen Schlosse wohnen, und ich will dich ansehen wie mein eigenes Kind.»

Märchen der Brüder Grimm, aus: Kindermärchen aus aller Welt, Bild: Cristina Roters

 

Lone Boy und der alte Schecke

 

Vor langer Zeit lebte in der Prärie ein Junge. Seine Eltern waren gestorben und deshalb riefen ihn die anderen „Lone Boy“ – Einsamer Junge. Er war arm und zum Essen bekam er nur, was die anderen nicht mehr wollten. Wenn die Zeit der Büffeljagd kam, musste er zu Fuss hinter den Pferden hergehen, denn er besass kein Pferd. Einmal, als er wieder hinter den anderen herziehen musste, hörte er ein Wimmern. Er folgte dem Klang und entdeckte in einer kleinen Schlucht ein geschecktes altes Pferd. Es sah jämmerlich aus. Unter seinem dünnen Fell sah man die Rippen und die Mähne und der Schweif waren struppig, wie altes Gras. Er streichelte das alte Pferd und sprach: «Du armer Kerl, ich werde mich um dich kümmern.» Als er mit seinem alten Schecken zu den anderen kam, lachten sie ihn aus, noch nie hatten sie so ein klapperiges, altes Pferd gesehen. Doch Lone Boy gab dem Alten vom besten Gras zu fressen, er pflegte sein Fell, bis es wieder glänzte und kämmte ihm liebevoll die Mähne und den Schweif. Eines Tages entdeckten die Späher vom Stamm eine grosse Büffelherde. Eines der Tiere war etwas ganz Besonderes, denn es hatte ein geflecktes Fell. Der Häuptling wollte das Fell gerne haben und er rief: «Ich gebe demjenigen meine Tochter zur Frau, der mir das gefleckte Fell bringt!»
Da stürmten die besten Reiter auf ihren schnellsten Pferden davon. Lone Boy setzte sich auf sein klappriges Pferd und trottete ihnen hinterher. Die anderen lachten, doch Lone Boy konnte nur an das liebliche Gesicht der Häuptlingstochter denken. Als sie schon weit vom Stamm entfernt waren, blieb der alte Schecke auf einmal stehen und sprach: «Hör zu, mein Junge». Lone Boy blieb vor Schrecken fast das Herz stehen, doch der Schecke sprach weiter: « Ich weiss Dir guten Rat. Nimm von diesem kühlen Schlamm hier und reibe mich damit ein, von oben bis unten, damit bekomme ich Kraft aus der Erde.» Lone Boy tat, wie ihm der Schecke geraten hatte und als er fertig war, sagte das Pferd: «Lass uns auf das Zeichen der Jäger warten.» Kurz darauf hörte man ein Horn. Da schoss das alte Pferd wie ein Blitz davon. Bald überholte es die anderen Pferde und liess sie weit hinter sich. Bald sprang es wild in die Herde der Bisons hinein und Lone Boy spannte seinen Bogen. Er schoss und ein Pfeil traf eine alte Büffelkuh, der andere aber traf das gefleckte Kalb.
«Jetzt musst du lange nicht mehr hungern», sprach das alte Pferd und Lone Boy nahm die zwei Tiere an sich und der Schecke trug alles nach Hause als wäre es eine Leichtigkeit. Als Lone Boy zum Stamm kam, verteilte er das Fleisch an die Armen und Hungrigen. Dann nahm er das gefleckte Fell und ging zum Häuptling. Vor dem Eingang stand die Tochter des Häuptlings und lächelte ihn an. Doch der Häuptling wollte seine Tochter niemandem geben, der nur ein altes Pferd besass. «Nur einem Helden gebe ich meine Tochter zur Frau!» rief er. Traurig ging Lone Boy zu seinem Pferd zurück, tröstete ihn und sprach: «Sie werden schon sehen, was für ein Held du bist. Nimm das Fell zu dir und habe Geduld.» Kurze Zeit danach wurde der Stamm von feindlichen Kriegern angegriffen. Lone Boy schwang sich auf den alten Schecken und ritt mit den anderen aus, um das Dorf zu verteidigen. Der alte Schecke schüttelte seine Mähne und sprach: «Hör gut zu, was ich dir sage: Du darfst die Feinde nur viermal angreifen, kein einziges Mal mehr.»
Schon flogen die Pfeile und Lone Boy griff an. Viermal flogen seine Pfeile und er traf jedes Mal. Bald schon sahen die Krieger, wie mutig der Junge war, doch noch war der Angriff nicht zu Ende.  Viermal hatte ich Glück, sagte sich Lone Boy, so wird es auch ein weiteres Mal glücken. Doch kaum griff er zum fünften Mal an, als ein Pfeil sein altes Pferd traf. Kurz darauf endete die Schlacht und die Krieger seines Stammes feierten ihren Sieg, nur Lone Boy sass allein und traurig bei seinem Schecken und jammerte: «Weshalb habe ich nicht auf Dich gehört? Ich gäbe alles dafür, wenn du nur wieder leben könntest.» Seine Tränen fielen auf das gescheckte Fell des alten Pferdes und bald begann es zu regnen. Es regnete immer mehr. Ein Sturm kam auf und fegte über die Prärie. Lone Boy duckte sich und konnte den alten Schecken im Sturmregen kaum noch erkennen. Kaum war der Sturm vorüber, als der Körper des alten Pferdes auf einmal erzitterte. Dann schüttelte und streckte es sich und stand mit einem Mal wieder auf den Füssen.
«Du hast Glück gehabt», sprach es zu dem Jungen. «Hättest du nicht so ein gutes Herz, so wäre ich für immer verloren gewesen. Doch du hast mit den Armen geteilt und deine Taten waren stärker als dein Ungehorsam.» Das Pferd schlug mit seinem Schweif und stampfte mit dem Vorderhuf, dann sprach es: «Jetzt kommt die letzte Prüfung. Du musst zehn Nächte lang  warten, während ich hier auf diesem Hügel allein bleibe. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufgeht, darfst du zu mir kommen. Kommst du auch nur einmal zu früh, so wirst du alles verlieren.»
Mit bangem Herzen liess Lone Boy den alten Schecken allein zurück. Am nächsten Morgen wartete er, bis die Sonne aufgegangen war. Dann machte er sich auf zum Hügel. Doch der alte Schecke war nicht allein. An jedem Tag stand ein Pferd bei ihm. Erst ein graues, dann noch ein weisses, braunes oder goldschimmerndes, bis am zehnten Tag eine ganze Herde auf dem Hügel stand.  Der Schecke nickte mit dem Kopf und sagte: «Nun sollst du deinen verdienten Platz im Stamm einnehmen.»  Da ritt Lone Boy auf seinem Schecken ins Dorf und hinter ihm folgten die prächtigen Pferde. Die Sonne glänzte auf ihren Fellen, als er vor den Häuptling trat und um seine Tochter bat. Der Häuptling schaut auf den jungen Mann und erkannte, dass Lone Boy nicht nur das gefleckte Fell erjagt hatte, er war auch ein Held geworden mit einer herrlichen Herde von Pferden. So bekam Lone Boy die Häuptlingstochter zur Frau und sie lebten glücklich miteinander und das alte Pferd blieb ihr treuer Begleiter.

Märchen aus Nordamerika, aus: Kindermärchen aus aller Welt  © Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 


Wie Sommer- und Winter entstanden

Lang, lang ist es her, da herrschte grausame Kälte auf unserer Erde. Eine dicke Schneedecke lag auf dem Land. Alle Meere waren zugefroren. Es gab keine Sonne, und die Welt war in Dunkelheit gehüllt. Damals schliefen alle Tiere gemeinsam in einem grossen Jarange aus Walhaut. Gleich am Eingang brannte ein Feuer, in dessen Nähe der Fuchs schlief. Darum hat er noch heute ein braunes Fell. Endlich erwachte der Eisfuchs aus seinem Schlaf. Er rieb sich die Augen und rief: «Aufstehen! Hört einmal, mir hat geträumt, die Sonne sei zu uns gekommen. Sie will, dass es bei uns warm wird.» Da wachten augenblicklich alle Tiere auf.
«Und wann kommt die Sonne?», fragte das Ren.
«Das weiss ich nicht», sagte der Fuchs.
«Mir schien, der alte Eisbär hält sie im Himmel versteckt. Doch ich habe einen Plan. Wir müssen ein Loch in den Himmel machen und die Sonne befreien!»
​​​​​​Die Tiere berieten sich. Am Ende beschlossen sie, die Sonne auf die Erde zu holen. Aber sie konnten sich nicht einigen, wie das geschehen sollte. Da machte der Rabe Kurkyl einen klugen Vorschlag. «Hört, Brüder und Schwestern», sagte er. «Ich, der Rabe Kurkyl, werde ein Loch in den Himmel picken. Durch dieses Loch schlüpfen wir dann alle in den Himmel.»
Gesagt, getan.
Die Tiere machten sich auf und stiegen auf den höchsten Berg, der fast bis zum Himmel reichte. Der Rabe Kurkyl flog von hier zum Himmel und begann dort emsig ein Loch in den Himmel zu picken. Der Himmel war aber gefroren und so hart, dass der Rabe mit aller Kraft picken musste. Immer wieder wetzte er den Schnabel. Endlich war er fertig. Es war ein grosses Loch, das er gepickte hatte. Sogar der Wal kam hindurch. Als alle Tiere im Himmel waren, gingen sie die Sonne suchen. Es war nicht schwer, sie zu finden, denn sie strahlte gerade herrlich warm. Schon von Weitem sahen sie den Feuerball.
«Wie seid ihr in den Himmel gekommen?», fragte die Sonne.
«Ich habe mit meinem Schnabel ein Loch in den Himmel gepickt», sagte der Rabe Kurkyl. «Wir möchten, dass du auf unsere Erde scheinst und die Kälte und die Dunkelheit vertreibst.»
«Das wird nicht einfach sein», seufzte die Sonne. «Ich werde von einem alten Eisbären bewacht. Er ist gerade auf der Jagd. Wenn er aber zurückkommt und euch hier bei mir sieht, ist der Teufel los, das sage ich euch.»
«Nur keine Angst», lachte der Rabe. «Ehe der Eisbär kommt, sind wir schon auf und davon. Sollte er früher kommen, halte ich ihn auf. Und nun geht alle zu dem Himmelsloch! Ich warte hier auf ihn.»
Und die Tiere nahmen die Sonne in ihre Mitte und führten sie zu dem Loch. Es dauerte nicht lange, und der Eisbär kam. Er schleppte eine Beute mit. Als er den Raben erblickte, fragte er: «Was willst du hier?»
«Ich bin hierher geflogen, um dich zu warnen. Die Tiere wollen die Sonne stehlen.»
«Schnickschnack», brummte der Eisbär und kratzte sich mit der Tatze. «Wie wollen sie denn in den Himmel kommen, der ist doch gefroren und hart? Ausserdem würden sie die Sonne nicht finden. Nicht einmal ich kann im Augenblick sagen, wo sie steckt. Trotzdem ist es freundlich von dir, dass du mich gewarnt hast. Schau, was für eine gute Beute ich gemacht habe! Ein schöner Schafbock, nicht wahr? Wenn du schon einmal hier bist, dann halte mit! Ich lade dich zum Essen ein.»
Und die beiden machten sich heisshungrig über den Schafbock her. Als sie sich sattgegessen hatten, tranken sie Tee. Als sie mit dem Tee fertig waren, wurde der Eisbär plötzlich stutzig. «Wie bist du eigentlich in den Himmel gekommen?», fragte er.
«Ganz einfach», sagte der Rabe Kurkyl. «Ich habe ein Loch in den Himmel gepickt.»
«Ist das nicht gefährlich? Da könnten ja auch die Tiere in den Himmel hinein um die Sonne stehlen?»
«Schon möglich», lachte der Rabe, «doch ich habe dich ja gewarnt.»
Der dumme Eisbär erschrak und rief: «Schnell, führe mich zu dem Loch!»
Der Rabe Kurkyl führte den Eisbären zu dem Loch. Als sie ankamen, sahen sie gerade noch, wie die Sonne fröhlich auf die Erde sprang. Der Eisbär war überaus wütend, als die Sonne verschwunden war.
Kälte und Finsternis herrschten jetzt im Himmel. Der weisse Geselle wurde griesgrämig. Eines Tages beschloss er, zu der Sonne auf die Erde hinabzusteigen.
«Ich bin gekommen, um mir die Sonne zu holen», sagte er zu den Tieren.
«Wir geben sie dir nicht», sagte der Fuchs. Er zitterte vor Schreck.
«Ohne Sonne herrschten wieder Finsternis und Kälte auf der Erde.»
«Dafür ist es jetzt im Himmel dunkel und kalt», brummte der Eisbär.
Die Tiere berieten sich, wurden sich aber nicht einig. Da meldete sich der Rabe Kurkyl zu Wort. «Wir alle, Brüder und Schwestern, brauchen die Sonne, auch der Eisbär. Ich schlage vor, dass die Sonne den Sommer über bei uns bleibt. Die zweite Hälfte des Jahres soll sie im Himmel sein. Dann ist sowieso Winter, und viele Tiere halten den Winterschlaf. So ist es gerecht.»
Und so taten sie auch. Seit dieser Zeit dauert im fernen Osten der Tageinen ganzen Sommer und die Nacht einen ganzen Winter lang. Der Eisbär überlegte nicht lange und zog zu den anderen Tieren auf die Erde hinab. Im Winter, wenn die Sonne im Himmel war, hielt er seinen Winterschlaf. Da brauchte er die Sonne nicht. Im Sommer war die Sonne auf der Erde. Und da lief er ihr immer hinterher.

Märchen aus Sibirien, aus: Wintermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag , Bild: Cristina Roters

 
 

 

Gänseblume

Die vierblättrigen Kleeblätter sind ein wahres Zauberkraut. Sie schützen davor, in den Bann des Kleinen Volkes zu geraten, und verhelfen gleichzeitig dazu, die Unterirdischen zu sehen. Die Zaubersalbe, mit denen die Pixies ihren neugeborenen Kindern die Augenlider einreiben, soll aus zerdrückten vierblättrigen Kleeblättern zubereitet sein. Es gibt viele Geschichten über Menschen, denen, auf einem Wagen Heu oder Grünfutter sitzend, während der Heimfahrt plötzlich die Augen aufgingen. Sie sahen die Wiesen, Wälder und Felder plötzlich bevölkert mit unzähligen Kleinen Leuten; denn unter ihre Wagenladung Gras war ein vierblättriges Kleeblatt geraten.
Vor einiger Zeit lebte auf dem Bauernhof in West Buriens ein Bauer, der hatte eine wunderschöne weisse Kuh. Gänseblume hiess die Kuh, und sie hatte das ganze Jahr hindurch, von einem Kalb zum nächsten, ihr Euter voller Milch. Und diese Milch war die beste und fetteste weit und breit. Obwohl aber Gänseblumes Euter immer prall gefüllt war, gab sie doch nie mehr als fünf Liter Milch am Tag her. Mitten während des Melkens, wenn ihr Euter noch halb voll war, stellte Gänseblume ihre Ohren wie zum Horchen spitz nach vorn, muhte leise und hielt die Milch zurück. Und wer auch immer die Kuh melkte, musste dann unverrichteter Dinge und mit halbgefülltem Eimer abziehen. Eines Abends spät ging ein Mädchen, das auf dem Bauernhof aushalf, auf die Wiese, die Kühe zu melken. Damals aber trug man noch die Lasten auf dem Kopf, und der Milcheimer hatte scharfe Kanten. Das Mädchen rupfte sich nach vollbrachter Arbeit einen Bund Gras ab, legte ihn auf ihren Kopf und stellte auf dieses Polster den vollen Milchkübel. Als nun das Mädchen zum Weidezaun kam, hielt sie einen Moment an, um noch einmal nach Gänseblume zurückzuschauen. Es war dämmerig geworden. Die Stunde zwischen Tag und Nacht, doch gerade noch hell genug, um Gänseblume ganz deutlich zu sehen. Die Kuh stand unbeweglich still auf der grünen Wiese. Um sie herum schwärmten Hunderte von kleinen Männchen. Sie streichelten und kitzelten die Kuh, kraulten und liebkosten sie, und Gänseblume muhte sanft und zärtlich. Einer aus dem Kleinen Volk, er schien ein bisschen grösser zu sein, lag auf dem Rücken unter der Kuh. Das Mädchen erkannte sofort, dass es ein Pixie war, denn er hatte rotes Haar, das in Büscheln nach oben stand, und einen riesengrossen Mund. Der Pixie streckte seine Beine in die Luft, gerade unter das Euter der Kuh, und die anderen Kleinen kletterten der Reihe nach an seinen Beinen hinauf und melkten sich, auf den Zehenspitzen stehend, Gänseblumes Milch direkt in ihre Münder. Lange stand das Mädchen da am Zaun und schaute den Kleinen verwundert zu. Aber es wurde dunkel, und so drehte sie sich endlich um und ging nach Hause.
Hier müsste die Geschichte enden – aber das Mädchen wurde zu Hause von der Bäuerin mit «Wo warst du die ganze Zeit» und «Wo hast du dich rumgetrieben» empfangen. Und so erzählte sie mit grossen Augen der Bauersfrau ihr Erlebnis. «Papperlapapp», sagte die Frau und «Das glaub ich dir nicht». Sie nahm dem Mädchen aber das Bündel Gras vom Kopf und zupfte es beim Licht der Stalllaterne auseinander. Und da, unter Gräsern und Huflattichblättern, Hahnenfuss und Butterblumen, fand sie ein vierblättriges Kleeblatt. Das überzeugte die Bäuerin zwar, aber sie beliess es nicht dabei. Sie lief ins Dorf zu ihrer Mutter, die eine weise Hühnerfrau war. Dort holte sie sich Rat. Sie war nämlich eine sparsame Hausfrau und wollte die gute Milch nicht mit den Pixies teilen. Die weise Hühnerfrau warnte sie. «Ich weiss wohl ein Mittel, dass das ganze Kleine Volk vergrault. Es ist ein Absud aus Salz und Fisch. Diesen Geruch können sie nicht leiden. Ich fände es aber sehr unklug, die Unterirdischen zu vertreiben. Sie haben euch Glück gebracht und euer Vieh gedeihen lassen.» Nun, die sparsam denkende Bauersfrau kochte trotzdem einen Brei aus Stockfisch, Hering und Salz und rieb Gänseblumes Euter damit ein. Ja, das Mittel wirkte. Das Kleine Volk der Pixies floh vor dem Gestank. Gänseblume gab nun zwar ihre ganze Milch her, aber es war nicht ein Viertel von dem, was sie vorher hatte. Jeden Abend, wenn der Mond aufging, stand Gänseblume auf der Wiese und muhte jämmerlich nach ihren kleinen Freunden. Sie magerte schrecklich ab, und nach einigen Tagen war ihre Milch ganz versiegt. Ich weiss nicht, was aus Gänseblume wurde, aber auf dem Bauernhof wollte nichts mehr glücken, seit dem Tag, an dem die Frau das Kleine Volk verjagt hatte.

Märchen aus England, aus: Kindermärchen aus aller Welt  © Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 

 

Das Mädchen und die Wolkengeister

In den alten Zeiten lebte einmal ein Häuptling, der kannte nicht nur die Kunst des Kämpfens, sonder auch die Kraft der Heilkräuter und er konnte mit den Geistern reden. Am liebsten sprach er mit den Uwanami, den Wolkengeistern. Dieser Häuptling hatte vier Töchter. Drei waren fleissig, holten Wasser, mahlten Mais und flochten Körbe. Die jüngste aber träumte den ganzen Tag mit offenen Augen,  schaute die Blumen an und sprang den Schmetterlingen hinterher. Die grossen Schwestern ärgerten sich, dass die jüngste ihnen nicht half. Sie sagten: „Hilf uns Wasser tragen!“ oder „Komm,  trag die neuen Körbe nach Hause!“Aber als alles nichts half, da begannen sie zu schimpfen und sie schimpften von früh bis spät. Das Schimpfen der Schwestern störte die Jüngste beim Träumen und schliesslich hielt sie die bösen Stimmen nicht mehr aus und rannte zum Dorf hinaus, nur damit sie ihre Schwestern nicht mehr hören musste.   Kaum aber hatte sie das Dorf hinter sich gelassen, als auf einmal grosse Wolken am Himmel aufzogen und schwere Regentropfen auf die Erde fielen. Wie eine graue Wand kam der Regen daher und mitten in diesem Brausen tauchte auf einmal ein junger Mann auf. Er hielt Pfleil und Bogen in seinen Händen und war ganz in grau gekleidet. Er trat aus dem Regen hervor und fragte das Mädchen: „Was tust du hier so allein?“ Das Mädchen erzählte von seinen Schwestern und der Regenjüngling sprach: „Komm zu mir ins Wolkenhaus, dort wird dich niemand finden.“ Das Mädchen kletterte auf seinen Rücken, schloss die Augen und wie ein Wirbelwind wurde es an den Rand des Weltenmeeres getragen. Mitten drin stand ein Berg, dessen Gipfel in den Wolken verschwand. Dorthin führte der junge Mann das Mädchen und sprach: „Du bist nun im Land der Uwanami, der Wolkengeister. Die Frauen sind deine Mütter und Väter, die Kinder deine Schwestern und Brüder.“ Sie wurde von den Wolkengeistern willkommen geheissen, erhielt ein weisses Gewand und lernte alle Zauberformeln, die die Uwanami kennen, um das Wetter zu machen. Sie musste aber auch bei der Arbeit mithelfen, denn es gab hier genauso viel zu tun, wie unten auf der Erde. Auf der Erde machten sich der Vater und die Schwestern grosse Sorgen. „Hätten wir doch nicht so sehr geschimpft mit ihr!“ sagten die Schwestern und der Vater schickte Späher aus, um das Mädchen zu suchen, doch sie fanden sie nicht. Da rief der Vater den Habicht und bat ihn nach dem Märchen zu suchen und als dieser zurückkehrte sprach er: „Ich finde keine Spur deiner Tochter auf der Erde. Zauberwesen müssen sie entführt haben.“ Da sandte der Vater die Raben aus und diese flogen bis zum Rand des Weltenmeeres. Als das Mädchen sie sah, erkannte es die Raben als Boten von der Erde und es bekam grosse Sehnsucht nach seinen Schwestern und dem Vater. Doch die Raben konnten das Mädchen nicht nach Hause bringen, denn die grossen Wolken verbargen den Weg zur Erde.  Da rief der Vater die Schmetterlinge und sprach: „Ihr seid  die Lieblinge der Sonne, ihr werdet meiner Tochter helfen können.“ Mit ihren zarten Flügeln flogen die Schmetterlinge in das Land der Wolkengeister und die Sonne vertrieb die dichten Wolken und zeigte ihnen den Weg zum Mädchen. Es freute sich sehr und bat die Schmetterlinge, es wieder nach Hause zur bringen. Da kam der Regenjüngling auf das Mädchen zu und sprach: „Wenn du wirklich in deine Welt zurück möchtest, muss ich dir das Wissen um die Zaubersprüche nehmen, denn es kann nicht sein, dass ein Mensch auf der Erde die Geheimnisse der Wolkengeister kennt.“

„Nimm das Wissen fort“, sagte das Mädchen, „denn ich weiss jetzt, dass ich zu den Meinen gehöre.“ Der junge Mann strich mit seiner Hand sanft über die Augen des Mädchens. Danach breiteten die Schmetterlinge ihre Flügel aus und auf einem Teppich aus tausenden von Flüglen wurde das Mädchen zurück auf die Erde getragen. Der Vater und die Schwestern kamen, umarmten es und freuten sich! Von nun an half auch die Jüngste den Schwestern beim Arbeiten. Sie holte Wasser und sie flocht wunderschöne Körbe und verzierte sie mit bunten Mustern, bunt wie Schmetterlingsflügel.

Märchen der Zuni, Nordamerika, Fassung Djamila Jaenike, aus: Märchenkalender A4 © Mutabor Verlag,  Bild: Cristina

 


Zwei Hasen auf Reisen

Ein Schneeschuhhase und ein Wollschwanzhase waren Freunde. Sie lebten in einem kleinen Wald am Fluss und gingen gemeinsam auf Futtersuche. Schneeschuhhase hatte gehört, dass es im Norden so wunderbar sei und so beschloss er, eine Reise dorthin zu machen. Wollschwanzhase aber hatte gehört, dass es im Süden so schön warm sei und er wollte nach Süden reisen. «Wenn du im Süden bist», sagte Schneeschuhhase, «dann lass mich wissen, wie es dir dort ergeht.»
«Wenn du im Norden bist», sagte Wollschwanzhase, «dann lass mich wissen, wie es dir dort gefällt.»
Sie verabschiedeten sich und jeder zog seines Weges, der eine nach Norden, der andere nach Süden. Wie sie versprochen hatten, schickten sie einander Nachricht durch die Vögel, die im Frühling nach Norden fliegen und im Herbst nach Süden.
«Lieber Freund», so lautete die Botschaft vom Schneeschuhhasen, «ich bin sehr glücklich im Norden. Die Luft ist klar, die Föhrenknospen schmecken herrlich und im Winter kann man im Schnee herumspringen.» Der Wollschwanzhase liess durch die Vögel antworten: «Lieber Freund, es ist wunderbar im Süden. Es gibt saftige Kakteenfrüchte, es ist immer warm und man kann im Sand herumspringen.» Als Schneeschuhhase diese Nachricht hörte, bekam er Sehnsucht nach dem warmen Süden. Wollschwanzhase aber bekam Sehnsucht nach dem kalten Norden. Vielleicht war es ja doch schöner dort, wo der andere lebte? Bald machte sich der Schneeschuhhase auf nach Süden und der Wollschwanzhase wanderte nach Norden. Mitten auf dem Weg, in dem kleinen Wald am Fluss, trafen sie sich. «Oh, wie schön dich zu sehen!», sprach Schneeschuhhase. «Ich will sehen, ob es im Süden schöner ist als im Norden.»
«Und ich», sagte Wollschwanzhase, «wandere nach Norden, um zu sehen, ob es mir dort besser gefällt.»
So nahmen sie Abschied voneinander und beide wanderten, bis der eine im Norden, der andere im Süden angekommen war. Eine Zeitlang fanden sie es beide wunderbar. Schneeschuhhase sprang im Sand umher, knabberte an den Kakteenfrüchten und wärmte sich in der Sonne. Wollschwanzhase machte Purzelbäume im Schnee und war froh, dass es nicht so heiss war. Aber bald kamen die ersten Schneestürme und er sass frierend und zitternd im Schnee und wollte nichts lieber, als wieder nach Süden. Dem Schneeschuhhasen erging es nicht besser. Mit jedem Tag wurde es heisser, selbst im Schatten war es viel zu warm und er sehnte sich nur noch nach dem kühlen Norden. Schliesslich wanderten beide wieder zurück. Der Wollschwanzhase Richtung Süden, der Schneeschuhhase nach Norden. Mitten auf dem Weg, in dem kleinen Wald am Fluss, trafen sie sich. «Wie schön dich zu sehen!», sagte der Wollschwanz-hase. «Aber hör mal, für mich ist diese Kälte und der Schnee nichts, ich gehe lieber wieder in den Süden.» «Und mir gefällt die grosse Hitze nicht, ich will lieber wieder in den kühlen Norden», sagte der Schneeschuh-hase Beide machten sich wieder auf den Weg und als Schneeschuhhase im Norden angekommen war, knabberte er fröhlich an den Föhrenknospen und tollte im Schnee herum. Wollschwanzhase aber ging es besser, je wärmer es wurde, und glücklich knabberte er an den Kakteenfrüchten und legte sich in die warme Sonne. Sie schickten sich manchmal Grüsse über die Vögel, die von Norden nach Süden und zurück flogen, und manchmal im Traum spielte Schneeschuhhase im warmen Sand und Wollschwanzhase träumte von weissen Schneeflocken, aber mit dem anderen tauschen, das wünschten sie sich nicht mehr.

Märchen aus NordamerikaFassung Djamila Jaenike, © Mutabor Verlag, aus: Märchenkalender A4, Bild: Cristina Roters

 

 


Die Königstochter in der Flammenburg 

Es war einmal ein armer Mann, der hatte so viele Kinder wie Löcher in einem Sieb und alle Leute in seinem Dorfe schon als Paten gehabt. Als ihm nun wieder ein Sohn geboren wurde, setzte er sich an die Landstrasse, um den ersten besten zu bitten Pate zu sein. Da kam ihm ein alter Mann in einem grauen Mantel entgegen, den bat er, und dieser war einverstanden und ging mit zur Taufe. Als Taufgeschenk übergab der alte Mann dem Vater eine Kuh mit einem Kälbchen. Das war am gleichen Tag zur Welt gekommen wie der Knabe und hatte auf der Stirn einen goldenen Stern.
Der Knabe wurde älter und grösser und auch das Kälbchen wuchs, wurde zu einem grossen Stier und der Junge führte ihn jeden Tag auf die Bergwiese. Der Stier aber konnte sprechen, und wenn sie oben auf dem Berg waren, sprach der Stier: «Bleib hier und schlafe, ich will mir meine Weide selber suchen!» Kaum war der Knabe eingeschlafen, rannte der Stier wie der Blitz fort auf die grosse Himmelswiese und frass goldene Sternblumen. Als die Sonne unterging, eilte er zurück, weckte den Jungen, und dann gingen sie nach Hause. So geschah es jeden Tag, bis der Knabe zwanzig Jahre alt war.
Da sprach der Stier eines Tages zu ihm: «Jetzt setz dich zwischen meine Hörner, ich trage dich zum König. Verlange von ihm ein sieben Ellen langes eisernes Schwert und sage ihm, dass du seine Tochter erlösen willst.»
Bald waren sie bei der Burg angekommen. Der Knabe stieg ab, ging zum König und sagte, warum er gekommen sei. Dieser gab dem Hirtenknaben das verlangte Schwert gern. Aber er hatte keine grosse Hoffnung, seine Tochter jemals wiederzusehen. Schon viele mutige Jünglinge hatten vergeblich versucht, sie zu befreien, denn ein zwölfköpfiger Drache hatte sie entführt, und dieser wohnte weit weg, wohin niemand gelangen konnte. Erstens war auf dem Weg dorthin ein hohes, unüberwindbares Gebirge, zweitens ein weites und stürmisches Meer und drittens wohnte der Drache in einer Flammenburg. Wenn es nun auch jemandem gelungen wäre, über das Gebirge und das Meer zu kommen, so hätte er doch durch die mächtigen Flammen nicht hindurchdringen können, und wäre er glücklich durchgedrungen, so hätte ihn der Drache getötet.
Als der Junge das Schwert hatte, setzte er sich dem Stier zwischen die Hörner, und im Nu waren sie vor dem grossen Gebirge. «Jetzt müssen wir wieder umkehren», sagte er zum Stier, denn es schien ihm unmöglich hinüberzukommen. Der Stier aber sprach: «Warte einen Augenblick!», setzte den Jungen auf den Boden, und kaum war das geschehen, nahm er Anlauf und schob mit seinen gewaltigen Hörnern das ganze Gebirge auf die Seite.
Nun setzte der Stier den Jungen wieder zwischen die Hörner. Sie zogen weiter und kamen zum Meer. «Jetzt müssen wir umkehren!», sprach der Junge, «denn da kann niemand hinüber!»
«Warte einen Augenblick!», sprach der Stier, «und halte dich an meinen Hörnern fest.»
Er neigte den Kopf zum Wasser und soff und soff das ganze Meer, so dass sie trockenen Fusses wie auf einer Wiese weiterzogen.
Nun waren sie bald an der Flammenburg. Da kam ihnen schon von weitem eine solche Glut entgegen, dass der Junge es nicht mehr aushalten konnte. «Halte ein!», rief er dem Stier zu, «nicht weiter, sonst müssen wir verbrennen.» Der Stier aber lief ganz nahe hin und goss das Meer, das er getrunken hatte, in die Flammen, so dass sie gleich verlöschten und ein mächtiger Rauch entstand, der den ganzen Himmel verdunkelte. Da stürzte der zwölfköpfige Drache wütend aus den schwarzen Wolken hervor.
«Jetzt ist es an dir!», rief der Stier zum Jungen, «sieh zu, dass du dem Ungeheuer mit einem Mal alle Köpfe abschlägst!» Dieser nahm alle seine Kraft zusammen, fasste das gewaltige Schwert in beide Hände und versetzte dem Drachen einen so schnellen Schlag, dass alle Köpfe herunterflogen. Aber nun schlug und ringelte sich das Ungeheuer auf der Erde, dass sie erzitterte. Der Stier nahm den Drachenrumpf auf seine Hörner und schleuderte ihn so hoch hinauf zu den Wolken, bis keine Spur mehr davon zu sehen war.
Dann sprach er zum Jungen: «Mein Dienst ist nun zu Ende. Geh jetzt ins Schloss, da findest du die Königstochter und führe sie nach Hause zu ihrem Vater!» Damit rannte er fort auf die Himmelswiese, und der Junge sah ihn nicht mehr wieder. Er fand die Königstochter, und sie freute sich sehr, dass sie von dem schrecklichen Drachen erlöst war. Sie fuhren zu ihrem Vater, hielten Hochzeit, und es war eine grosse Freude im ganzen Königreich.

Märchen aus Siebenbürgen, aus Kindermärchen aus aller Welt© Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 


Die Heckentür

Es war einmal eine Frau, die hatte zwei Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen. Eines Tages ging sie auf die Reise und sagte zu den ihnen: «Hört, Kinder, ich reise fort und ihr bleibt allein daheim. Darum passt bloss gut auf die Heckentür auf.» Sie meinte damit, dass sie aufpassen sollten, dass sich kein Dieb durch die Heckentür reinschleiche.  Sie war schon eine Weile fort, da bekamen die beiden Langeweile, und der Bruder sagte zur Schwester: «Komm, wir wollen ein wenig hinaus in den Wald, und die Heckentür nehmen wir mit, dann ist es gut!» Da war sie zufrieden, und sie gingen hinaus in den Wald. Aber wie sie da herumliefen, verirrten sie sich und die Nacht überfiel sie, so dass sie wohl sahen, sie würden nicht mehr heimkommen, und vor Angst kletterten sie auf einen Eichbaum, um dort bis zum Morgen zu bleiben, damit sie nicht von den wilden Tieren zerrissen würden. Eine Zeitlang haben sie da gesessen, da kommen Diebe und schleppen einen Haufen Geld heran, den wollen sie zählen.  Da halten sich die Kleinen ganz still im Baum, damit sie nicht von den Männern bemerkt werden. Aber endlich kann sich der Bruder doch nicht mehr ruhig halten und er sagt zur Schwester. «Ich muss etwas Kleines machen.» «Na, so mach doch!». Da tut er’s, aber die Diebe zählen ihr Geld ruhig weiter und sagen: «Es ist ein wenig Regen, der fällt.» Wieder nach einer Weile sagt der Bruder zur Schwester: «Ich kann’s nicht länger halten, ich muss etwas Grosses machen.» «Na, dann mach doch!» Da tut er’s, aber die Diebe zählen ruhig weiter und sagen: «Es ist ein wenig Mist von den Vögeln, die im Baume sitzen.» Nun sitzen sie wieder lange still, da sagt auf einmal der Bruder: «Ich kann die Heckentür nicht mehr halten.» «So wirf sie hinab!» sagt die Schwester. Da wirft er sie hinab, und sie fällt mitten unter die Diebe, und die laufen eiligst davon und rufen: «Die Wolken fallen vom Himmel, die Wolken fallen vom Himmel!» Nun war es aber schon fast Morgen geworden, und da stiegen Bruder und Schwester hinab vom Baume und nahmen die Heckentür und das Geld, das die Diebe da gelassen hatten, dazu und kamen glücklich wieder nach Hause. Die Mutter ging ihnen entgegen und jammerte und schalt, dass sie nicht auf die Heckentür aufgepasst hätten und nun Diebe dagewesen wären und alles mitgenommen hätten. Die Kleinen aber erzählten alles, wie es ihnen im Walde ergangen war, und da war sie froh. Und von dem Geld kaufte sie neue Kleider und neues Gerät dazu, und es blieb noch so viel übrig, dass sie ihr Leben lang alle drei daran genug hatten.

Märchen aus Deutschland,  aus: Kindermärchen aus aller Welt© Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 

Die zwei Wiesenmäuse 

Vor langer Zeit lebten einmal zwei Mäuse auf einer Wiese. Die eine war sehr fleissig. Von früh bis spät sammelte sie Vorräte für den Winter. Sie grub Wurzeln aus, trug die Samen von Gräsern in ihre Höhle, holte Knollen und Früchte und füllte damit eine Vorratshöhle nach der anderen. Besorgt schaute sie jeden Tag zur Sonne hinauf und dachte: ‹Noch ist Sommer, aber bald kommt der Herbst.› Und als der Herbst kam, dachte sie: ‹Noch ist Herbst, aber bald kommt der kalte Winter.› Sie sammelte noch fleissiger, gönnte sich keine Ruhe, bis alle Vorratskammern gefüllt waren. Die andere Maus aber war faul. Sie stand erst auf, wenn die Sonne schon hoch am Himmel stand. Wenn sie aber erst einmal auf der Wiese stand, hatte sie Lust zu tanzen. Sie tanzte und sang und führte ein gutes Leben. Wenn die faule Maus an der fleissigen vorüber kam, rief sie ihr zu: «Komm, tanz und sing mit mir!» Doch die fleissige Wiesenmaus rief: «Ich habe keine Zeit! Ich muss Vorräte sammeln.» Die warmen Tage vergingen und es wurde kalt. Jetzt fing auch die faule Maus an, Vorräte zu sammeln, doch sie fand nur noch ein paar wenige Körner und Nüsse. Als es zu schneien begann, sass die fleissige Maus in ihrer Höhle. Wenn sie Hunger hatte, ging sie zu einer ihrer Vorratskammern und naschte von ihren Vorräten. Doch schon bald wurde ihr langweilig. ‹Wenn doch nur jemand zu Besuch kommen würde›, dachte sie, ‹dann könnten wir zusammen plaudern.› Zur gleichen Zeit hatte die andere Maus alle Vorräte aufgefressen. Sie sass da, hungerte und fror und wurde immer schwächer. Mit letzter Kraft ging sie zur Höhle der anderen Maus und sprach: «Bitte hilf mir. Ich bin so hungrig. Wenn ich nicht bald etwas zu essen bekomme, muss ich sterben.»
«Was ist denn mit deinen Vorräten?», fragte die andere Maus. «Hättest du so fleis-sig gesammelt wie ich, müsstest du jetzt nicht hungern!» «Du hast ja recht!», rief die faule Maus. «Doch im Sommer, da machte es so viel Freude zu tanzen und zu singen und ich habe vergessen, für den Winter zu sammeln.» Die fleissige Maus hatte keine Lust, ihre mühsam gesammelten Vorräte zu teilen und schickte die hungrige Maus fort. Kaum aber war diese gegangen, da sass sie wieder allein in ihrer Höhle und langweilte sich. Schnell sprang sie auf, hüpfte zur Höhle der anderen Maus und rief: «Komm! Ich teile mit dir meine Vorräte, aber du musst den ganzen Winter mit mir tanzen, singen und plaudern!» Und so sassen bald beide in der Höhle und assen Samen und Knollen und wenn sie satt waren, begann die eine Maus zu singen und zu tanzen und bald tanzte auch die andere Maus mit. Wenn du mir nicht glaubst, so geh hin und schau nach!

Märchen aus Nordamerika, Lakota, Fassung Djamila Jaenike, aus:  Kindermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 

Die Geschichte vom König 

Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die war so traurig, dass sie niemals lachte. Darüber war der König sehr betrübt. So liess er eines Tages ausrufen: «Wer meine Tochter zum Lachen bringen kann, darf sie heiraten.» Davon hörte auch der Sohn von armen Leuten und er bat seinen Vater so lange, bis er ihn ziehen liess. Da lief nun der junge Mann in die Welt hinaus und begegnete einem alten Mütterchen, das fragte: «Wohin des Weges, junger Mann?»
«Ich will zum Schloss ziehen und die Königstochter zum Lachen bringen!», sagt der Jüngling. «Da du so ehrlich zu mir gewesen bist, will ich dir einen Rat geben!», sagt die Alte. «Wenn du noch ein Stück weitergehst, so wird ein schöner Vogel auf deine linke Schulter fliegen. Behalte ihn immer bei dir, so wird er dir helfen!» Der junge Mann bedankte sich für den Rat, bei sich jedoch dachte er: ‹Ach, was die Alten immer so schwatzen, das kann nicht alles wahr sein.› Doch nicht lange darauf flog auf einmal ein grosser, wunderschöner Vogel auf und setzte sich auf seine linke Schulter. Der junge Mann geht nun weiter und kommt zu einer Wirtschaft. Die Gäste staunen, als sie den prächtigen Vogel sehen. «Was willst du für den Vogel haben?», fragen sie. Doch der Junge schüttelt nur den Kopf. Da bietet einer hundert Franken, einer zweihundert und schliesslich sogar einer dreihundert Franken, aber er gibt den Vogel nicht her. Da zwinkert der Wirt seinen Gästen zu und sagt leise: «Wartet nur, wenn er den Vogel für dieses Geld nicht geben will, so stehle ich ihn heute Nacht und verkaufe ihn euch morgen.» Der Bursche geht in sein Zimmer, legt sich ins Bett und nimmt den Vogel zu sich. Um Mitternacht schleicht sich tatsächlich der Wirt in den Unterhosen ins Zimmer und will den Vogel nehmen. Doch kaum hat er den Flügel des Vogels berührt, da bleibt er an ihm hängen. Die Wirtin wundert sich, warum ihr Mann gar nicht zurück ins Bett kommt. Nur mit Nachthemd und Betthaube bekleidet schleicht sie ins Zimmer, um nach dem Rechten zu sehen und will ihren Mann von dem Vogel wegziehen. Aber oje! Jetzt bleibt sie auch noch hängen! Vor Schreck schreit sie auf, und die Magd, die gleich nebenan schläft, steht auf und geht ebenfalls ins Zimmer von dem Jungen. Aber kaum will sie die Wirtin wegziehen, bleibt auch sie hängen. Alles Jammern hilft nichts und so stehen sie die ganze Nacht da, und als der Junge am nächsten Morgen aufsteht und seinen Vogel auf die Schultern setzt, müssen die drei, die an ihm hängen, mit ihm gehen. Wie sie durch das Dorf gehen, schaut soeben der Pfarrer aus dem Fenster. Als er diesen seltsamen Zug in Unterhosen und Nachthemd sieht, da springt er aus dem Haus, um die drei zurückzuhalten, doch auch er bleibt kleben. Sie kommen am Backhaus vorbei und die Bäckerin ist dabei, das Brot aus dem Ofen zu ziehen. Sie will den Pfarrer am Ärmel festhalten; doch was geschieht: Auch sie bleibt hängen! So kommen sie zum Schloss und der König führt sie schnurstracks ins Zimmer seiner Tochter. Als die Prinzessin diesen seltsamen Zug sieht, da beginnt sie zu lachen. Sie lacht und lacht und kann kaum noch aufhören. So bekam der junge Bursche die Königstochter zur Frau. Alle aber, die an dem Vogel hingen, konnten wieder nach Hause gehen, der Bursche aber wurde später ein guter und gerechter König.

Märchen aus der Schweiz, Fassung Djamila Jaenike, aus: Kindermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 

Stiefelchen 

Es war einmal eine wunderschöne Prinzessin. Sie hatte nur einen Fehler. Sie log immerzu. Ihr Vater, der König, war schon ganz verzweifelt. So beschlossen er und die Königin, der Prinzessin auch Lügen aufzutischen. «Sie wird uns nicht glauben, sich ärgern und rufen: Das ist nicht wahr. Und dann wird sie geheilt sein.» Also erzählten die Königin und der König und alle Leute im Schloss die tollsten Lügengeschichten. Aber nie sagte die Prinzessin: «Das ist nicht wahr!» Der König liess deshalb im ganzen Land verkünden, dass die jungen Männer aufs Schloss kommen und Lügengeschichten erzählen sollen, und wer seine Tochter dazu brächte, dass sie sagt: «Das ist nicht wahr», der sollte sie zur Frau haben. Die jungen Männer kamen von überall her und gaben sich redlich Mühe, der Prinzessin die gewünschten Worte zu entlocken. Aber keiner schaffte es.Im Reich lebte aber ein hübscher Schustersohn, den alle nur Stiefelchen nannten. Dieser kam nun eines Tages zum Schloss und wurde zur Prinzessin geführt. «Einen schönen Tag», grüsste die Prinzessin, «obwohl ich nicht sagen kann, dass der Tag schön angefangen hat. Es waren schon drei Männer hier und alle haben mir langweilige Geschichten erzählt. Wenn das so weitergeht, mache ich Urlaub auf dem Mond. Mein Vater hat dort ein Haus gebaut, das ist so gross, dass ich eine Woche brauche, wenn ich durch alle Zimmer gehen will.» 
«Das Haus, das mein Vater auf der Sonne gebaut hat, ist noch viel grösser. Bis ich durch alle Zimmer gegangen bin, brauche ich ein ganzes Jahr», entgegnete Stiefelchen. «Schön und gut», meinte die Prinzessin, «einen so riesigen Ochsen wie mein Vater hat deiner bestimmt nicht. Unser Ochse hat einen so grossen Kopf, dass zwischen seinen Hörnern ein Heuwagen Platz hat.»
«Das ist noch gar nichts gegen den Ochsen meines Vaters. Zwischen seine Hörner kann man eine ganze Scheune stellen.»
«Ja, ja», sagte die Prinzessin, «aber was sagst du zu dem Apfelbaum, den ich im Garten meines Vaters gepflanzt habe? Er trägt Äpfel so gross wie Wagenräder.»
«Das ist noch gar nichts gegen den Apfelbaum, den ich gestern früh im Garten meines Vaters pflanzte. Am Abend war er schon so hoch wie der Kirchturm. Ich wollte die Äpfel pflücken und kletterte hinauf. Der Baum wuchs weiter und weiter, bis an die Wolken und noch viel höher. Da kam der Wind und trug mich fort, dreimal um die Erde. Dann liess er mich fallen, ich fiel und fiel und landete in einem Fuchsloch und dort hast du, Prinzessin, gesessen und meine Stiefel geflickt!»
«Das ist nicht wahr!», rief die Prinzessin. So bekam Stiefelchen sie zur Braut und das halbe Königreich dazu. Zum Lügen hatte die Prinzessin jetzt nicht mehr so viel Zeit. Nur einmal in der Woche dachten sich Stiefelchen und seine Frau die allertollsten Lügengeschichten aus.

Märchen aus Schweden , aus: Kindermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag, Bild: Cristina Roters

 


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Produziert vom Verein zur Förderung der Gebärdensprache bei Kindern in Zusammenarbeit mit der Mutabor Märchenstiftung