Märchen aus Sri Lanka | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Märchen aus Sri Lanka

Sri Lanka, früher Ceylon, ist ein Inselstaat im Indischen Ozean. Es war bereits in der Antike ein wichtiger Knotenpunkt für die Seefahrt und den Handel. Dies führte unter anderem dazu, dass Sri Lanka heute von ganz unterschiedlichen Ethnien und Religionen bewohnt ist. Von 1983 bis 2009 herrschte ein offener Bürgerkrieg zwischen tamilischen Separatisten und den vorherrschenden Singhalesen, und es kam zu bis heute ungeklärten Menschenrechtsverbrechen. Starke Repressionen gegen Minderheiten prägen den Alltag, ausserdem die Gefahr von Minen, Blindgängern und gewaltsamen Eskalationen der schwelenden Konflikte.

Märchen/ விசித்திரக் கதை:
Der dumme Radscha und der faule Berater
Die beiden Freunde
Die Schuld abschieben/ராஜாவின் தவறு

 

Der dumme Radscha und der faule Berater

In einem fernen Land herrschte einmal ein Radscha, der wollte immer Recht haben. Das ging soweit, dass er einmal zu seinen Beratern sprach: „Von jetzt an müsst ihr immer Ja sagen, sonst lasse ich euch töten!“ Der Radscha meinte es ernst, und so dauerte es nicht lange, und er hatte keinen einzigen Berater mehr. Die Menschen in diesem Land nannten den Radscha nur noch König Ja. Der Herrscher suchte verzweifelt nach neuen Beratern, doch niemand traute sich mehr in seine Nähe. In dem Land lebte aber ein Faulpelz, der sagte sich: „So schwierig kann es nicht sein, immer Ja zu sagen. Ich gehe in den Königspalast, sicher gibt es dort immer genug zu essen.“
​​​​​​Er liess sich zum Radscha bringen und verbeugte sich tief, zum Reden war er zu faul. «Gut, du sollst mein neuer Berater sein», rief der Radscha. «Was denkst du, werde ich noch reicher, wenn ich Gold aussäe?»
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz, wie es die Tradition verlangte.
«Gut, dann lass den Acker vorbereiten und die Saat ausbringen!»
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz und machte sich auf den Weg zum nächsten Dorf. Dort holte er sich Tamariskensamen. Dann liess er ein Feld vorbereiten, säte die Tamariskensamen aus und kehrte zum König zurück.
«Ist das Feld bereit?», wollte der König wissen.
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz.
«Dann nimm hier das Gold zur Aussaat!»
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz, lud die Säcke voller Goldmünzen auf einen Wagen und brachte sie in sein Haus, schlief eine Weile und kehrte dann in den Palast zurück.
Nach einigen Tagen rief der Radscha ihn zu sich. „Ist die Saat schon aufgegangen?“
«Ja, Mahipati», antwortete der Faulpelz.
«Gut, dann zeig mir, wie das Gold wächst.»
«Ja, Mahipati», antwortete der Faulpelz und fuhr mit dem Radscha zum Feld. Die jungen Keimlinge der Tamariske glänzten in der Sonne wie Gold und der Radscha freute sich. Auf dem Heimweg war es sehr heiss. Als sie an einem Fluss vorbeikamen, rief der Radscha: «Ich will im Fluss baden!»
«Ja, Mahipati», sagte der Faule und half dem König, die Kleider und den Goldschmuck abzulegen.
«Warte hier und geh nicht vom Fleck, bis ich zurückkomme!», befahl der Radscha.
«Ja, Mahipati», antwortete der Faulpelz und legte sich unter einen Baum. Der König sprang in das Wasser. Er hatte jedoch nicht gesehen, dass der Fluss eine starke Strömung hatte. «Hilfe, der Fluss zieht mich fort!», rief er.
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz, doch bis er sich erhoben hatte, war der König schon vom Fluss fortgetragen, niemand weiss, wohin.
Der Faule wartete und wartete, doch der Radscha kehrte nicht wieder zurück. Gegen Abend wurde ihm kalt. Da schlüpfte er in den Mantel des Königs, legte sich den Goldschmuck an und kehrte zum Palast zurück.
Seit jenem Tag regierte der Faulpelz das Land. Er sorgte dafür, dass es den Menschen im Land gut ging und vergass darüber sogar das Faulsein.

Märchen aus Sri Lanka, Fassung Djamila Jaenike, nach: Elena Chmelova, Ceylonesische Märchen, 1988 Slovart/Dausien © Mutabor Märchenstiftung

 

Die beiden Freunde

Es zogen einst zwei Freunde gemeinsam durch die Welt. Der eine war gross und stark. Der andere war klein und schwach. Zusammen hatten sie schon viele Abenteuer erlebt. Der Grosse wollte nichts machen, ohne dass sein kleiner Freund dabei war. Der Kleine wiederum bewunderte seinen grossen Freund und tat alles, was dieser von ihm verlangte.  Eines Tages wollte der Grosse Rehe jagen. Der Kleine folgte ihm. Den ganzen Tag schlichen die beiden durch den Wald, doch sie fanden keine Spur eines Rehs. Als es dämmerte, wollten sie sich auf den Heimweg machen. In diesem Augenblick hörten sie aus dem Gebüsch ein gefährliches Brummen und Knurren. Da blieben sie still und lauschten. Der Kleine flüsterte: «Das ist bestimmt ein Bär. Lass uns schnell fortgehen. Bären sind gefährlich!» Aber der Grosse lachte nur: «Du hast Angst vor einem Bären? Du bist ein Feigling. Wir sind zu zweit. Statt eines Rehs könnten wir auch den Bären jagen und erlegen.» Der Grosse sprach so mutig, dass der Kleine seine Vorsicht ganz vergass und einverstanden war. «Gut, lass es uns versuchen. Wie wollen wir den Bären erlegen?»
«Geh du voraus, kleiner Freund. Erschrecke den Bären und lauf dann schnell davon. Ich werde mich verstecken und ihn dann aus dem Hinterhalt erlegen. Du musst keine Angst haben. Es kann gar nichts passieren.»
Weil ihm bisher noch nie etwas Schlimmes geschehen war, vertraute der Kleine dem Plan seines Freundes. Mit lauten Schritten und viel Lärm lief er durch den Wald. Als er merkte, dass der Bär im folgte, wurde er schneller. Er drehte sich kurz um und sah, dass der Bär riesig war und starke Pranken mit langen Krallen hatte. Da rannte der Kleine noch schneller zum Baum, hinter dem sich sein Freund versteckt hatte. «Sofort, komm raus und töte den Bären!»
Doch der Grosse hatte das wilde Tier schon von Weitem gesehen. Voller Angst war er weit hinauf auf den Baum geklettert. Von da oben rief er nun: «Ich bin hier. Komm hoch zu mir."
Doch der schwache, kleine Freund hatte nicht die Kraft, um hochzuklettern. Darum legte er sich auf den Boden, rollte sich zusammen und tat so, als wäre er bereits tot. Der mächtige Bär kam knurrend und schnaubend auf ihn zu und stupfte ihn mit seiner Schnauze an. Von oben musste der Grosse alles mit ansehen. Gleich würde der Bär seinen Freund auffressen. Doch da hörte er, wie der Bär plötzlich nicht mehr knurrte, sondern eigenartige Laute von sich gab. Der Kleine öffnete die Augen und nickte: "Jaja, ich habe dich verstanden Bär. Vielen Dank für deinen Rat.» Der Bär brummte, drehte sich um und verschwand im Wald. Der Grosse kletterte vorsichtig vom Baum und fragte: «Was war los? Was hat der Bär dir gesagt?» Der Kleine sah den Grossen ernst an und antwortete: «Er riet mir, dir nicht mehr blind zu folgen, sondern meinem eigenen Verstand zu vertrauen.» Diesen Rat beherzigte der Kleine von diesem Tag an und suchte sich seine Freude besser aus.

Fassung Anina Meile, nach: E. Schleberger, Märchen aus Sri Lanka, Köln 1982, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die Schuld abschieben

Es lebte einmal ein König. Sein Palast war prächtig und voller Kostbarkeiten. Eines Nachts drangen drei Diebe in den Palast ein. Sie füllten ihre Taschen mit Schmuck und Edelsteinen. Danach flohen sie. Doch die Wachen hörten das Getrampel und schnitten den Dieben den Weg ab. Am nächsten Morgen wurden sie vor den König gebracht und dieser fragte: «Habt ihr meinen Schatz gestohlen? Seid ihr schuldig oder nicht schuldig?»
Die Diebe antworteten: «Wir sind unschuldig, denn es war sehr leicht, in den Palast zu kommen. Als die Mauern gebaut wurden, hat der Maurer wohl keine gute Arbeit gemacht und mit dem Mörtel gespart. Darum ist der Maurer schuldig.» Das leuchtete dem König ein und er liess den Maurer zu sich bringen. «Hast du beim Bau meiner Palastmauern zu wenig Mörtel benutzt? Bist du schuldig oder nicht schuldig?»
"Ich bin unschuldig!" antwortete der Maurer. «Denn der Gehilfe, der den Kalk für den Mörtel gemischt hat, war unzuverlässig. Darum ist er schuldig.»
Nun liess der König den Gehilfen suchen und in den Palast führen. Er fragte ihn: «Hast Du den Kalk schlecht gemischt, als Du diesem Maurer beim Bau meiner Mauern geholfen hast? Bist Du schuldig oder nicht schuldig?»
"Ich bin unschuldig!" sagte der Gehilfe. Er erklärte: «Als ich nämlich daran war, den Kalk zu mischen, da spazierte ein wunderschönes Mädchen an mir vorbei. Sie war so schön, dass ich meine Arbeit vergass. Darum ist wohl das Mädchen schuldig.»
Auch das Mädchen wurde zum König gebracht. «Hast du den Gehilfen von seiner Arbeit abgelenkt, als er den Kalk für den Mörtel der Palastmauern mischen sollte? Bist du schuldig oder nicht schuldig?»
«Ich bin unschuldig!», flüsterte das Mädchen. «Eigentlich sollte ich an diesem Tag gar nicht an eurem Garten vorbeigehen. Doch der Goldschmied hat meinen Schmuck zu spät fertiggestellt und rief mich erst am Tag, als der Gehilfe den Kalk anmischte. Der Goldschmied ist also schuldig.» So wurde nun also der Goldschmied in den Palast gerufen. «Hast Du den Schmuck dieses schönen Mädchens zu spät fertiggestellt, sodass sie den Gehilfen meines Maurers ablenken konnte? Bist du schuldig oder nicht schuldig?»
«Ich bin unschuldig!» beteuerte auch der Goldschmied. Nun wurde der König ungeduldig. Wütend schrie er den Goldschmied an: «Wer trägt dann die Schuld, dass Diebe in meinen Palast eindringen konnten und mich beraubt haben? Der Schuldige soll durch die starken Stosszähne meines Elefanten an diesem Felsen zu Tode gedrückt werden!»
Daraufhin war es lange still. Schliesslich antwortete der Goldschmied: «Verehrter König, das Mädchen konnte den Schmuck nicht am vereinbarten Tag abholen, weil ihr den Befehl gegeben habt, euren Ring als Erstes fertigzustellen. Sagt, wer trägt nun die Schuld?»
Nun schwieg auch der König. Dann sprach der Goldschmied: «Es ist schade um die schönen Stosszähne, wenn der Elefant den Dieb am Felsen zerdrücken muss.»
Das fand auch der König und er liess er alle frei: Den Goldschmied, das Mädchen, den Gehilfen, den Maurer und zuletzt sogar die Diebe.

Fassung Anina Meile, nach: E. Schleberger, Märchen aus Sri Lanka, Köln 1982, © Mutabor Märchenstiftung

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