Märchen aus Irak | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Märchen aus dem Irak

Mit Ausnahme einer kurzen Verschnaufpause zwischen 1988 und 1990 haben die Menschen im Irak seit Jahrzehnten keine Friedenszeiten mehr erlebt.  Andauernde Kämpfe zwischen der Armee und bewaffneten IS-Gruppen haben immer mehr Menschen im Irak zur Flucht gezwungen. Die humanitäre Krise im Land ist schlecht und Gewalttaten an der Tagesordnung. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sind aktuell mehr als 1,4 Millionen IrakerInnen auf der Flucht. 

Märchen:
Der nicht zu erwartende Reisende
Der Schatz
Die Weisheit des Lebens

 


Der nicht zu erwartende Reisende

In Basra lebte einmal ein Mann, der wollte sein Glück suchen. Er ging immer nach Norden, und so kam er bald in die Wüste. Der Weg war lang, es war heiss und sein Durst war gross. Vor ihm war Wüste, hinter ihm war Wüste und nirgendwo ein wenig Wasser. Da sah er auf einmal eine Staubwolke, und bald erkannte er einen Reiter, der ritt so schnell, wie ein Vogel durch die Luft fliegt. Er war so froh, einen Menschen zu sehen, dass er dem Reiter zurief und ihn herbei winkte. Der Reiter ritt auf ihn zu, und das Pferd hielt vor ihm. „Bitte, kannst du mich auf deinem Pferd mit nach Norden nehmen. Weisst du, ich bin auf der Suche nach dem Glück, aber rund um mich ist nur Wüste. Ich bin müde und durstig und habe keine Kraft mehr.“
„Gerne nehme ich dich mit“, sagte der Reiter. „Doch du musst wissen, ich bin der Tod.“
Als der Mann dies hörte, erschrak er. Er sprang auf, wich zurück und rief: „Der Tod? Nein, dann reite alleine weiter und lass mich in Ruhe!“
„Wie du willst. Aber denk daran, du hattest mich zu dir gerufen.“ Schon ritt er auf dem Pferd schnell wie ein Vogel davon, nur eine Staubwolke war noch zu sehen. Der Mann aber ging nun zitternd und durstig weiter durch die Wüste. Es gab keinen Schatten, und die Sonne brannte glühend heiss. Seine Schritte wurden langsamer, schwerer und kürzer, bis er gegen Abend erschöpft in den Sand fiel. Im letzten Licht der Sonne sah der Mann einen Reiter auf einem blitzschnellen Pferd, der näher kam. Doch er war zu schwach, um zu rufen, so hob er nur leise die Hand. Der Reiter hielt das Pferd an und kam zu ihm.Er legte ihm die Hand auf die Augen und sagte: „Komm, nun kannst du Frieden finden“. Und als er ihn auf das Pferd hob und mit ihm davonritt, schien es dem Mann, als wäre er nie glücklicher gewesen.

Fassung Djamila Jaenike, nach: C. Hassan. N. A. Mustafa, Aku Maku. 42 irakische Märchen, Hanau 2014, © Mutabor Märchenstiftung 

 


Der Schatz

In Badgad lebte einmal ein Mann, der war sehr reich. Doch das Unglück kam über ihn, und er verlor alles, was er besass. Der Kummer und die Sorgen bedrückten ihn sehr, denn es blieb ihm nichts anderes übrig, als am nächsten Tag betteln zu gehen. In der Nacht aber hatte er einen Traum. Ein Mann erschien ihm und sagte: «Geh nach Ägypten, dort wirst Du einen Schatz finden!"
Am nächsten Morgen machte sich der Mann sogleich auf nach Ägypten. Nach einer langen Reise kam er erschöpft und hungrig dort an. Doch einen armen Bettler wollte niemand einlassen und so suchte er sich in einer Moschee eine Ecke zum Schlafen.
Aber mitten in der Nacht kamen Diebe in die Moschee und wollten sich dort verstecken. Die Soldaten verfolgten sie, doch den einzigen, den sie fanden, war der schlafende Mann. Sie packten den Armen, schlugen auf ihn ein und riefen: «Woher kommst du?»
«Ich komme aus Bagdad, doch schlagt mich nicht mehr, ich bin unschuldig!»
«Aus Bagdad? Und was macht du dann hier in dieser Moschee?»
«Ich habe geträumt, dass ich hier einen Schatz finde.»
Da lachte der Soldat und sagte: «Was bist du nur für ein Dummkopf! Vor Jahren hatte ich auch einen Traum. Da kam eine Stimme die sagte: ›Geh in Badgad zu einem Haus mit einem grossen Maulbeerbaum davor, dort unter dem Baum wirst du einen Schatz finden.› Aber ich bin nicht so dumm wie du, ich bin hier geblieben und arbeite. Hier nimm diese paar Groschen und geh wieder nach Hause nach Bagdad.»
Der Arme nahm die Groschen und machte sich so schnell er konnte auf den Weg zurück nach Bagdad. Müde kam er zu seinem Haus, betrachtete zufrieden den prächtigen Maulbeerbaum, der davorstand. Dann griff er nach einem Spaten und begann zu graben. Es dauerte nicht lange, da kam ein grosser Schatz zum Vorschein, und der Mann lebte von nun an reich, zufrieden und glücklich bis an sein Lebensende.

Fassung Djamila Jaenike, nach: C. Hassan. N. A. Mustafa, Aku Maku. 42 irakische Märchen, Hanau 2014, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die Weisheit des Lebens

In einer Stadt am Ufer des Tigris trafen sich gern die Weisen und die Gelehrten aus der ganzen Welt, um jungen Menschen in ihrem Wissen zu unterweisen. Unter den Schülern war auch ein junger Mann, der besonders eifrig lernte. Einmal hörte er, wie ein Gelehrter Folgendes erzählte: „Ich habe einen Weisen getroffen, der alle Weisen in dieser Welt übertrifft, und doch lebt er ohne Ruhm in einer Schmiede und arbeitet dort, wie vor ihm sein Vater und sein Grossvater.“ Von nun an musste der junge Mann immer an den Weisen denken und so bat er seine Eltern: „Bitte, lasst mich ziehen und beim weisen Schmied lernen!“ Doch die Eltern wollten ihn nicht gehen lassen. „Du weisst doch schon so viel. Du bist gelehriger als alle anderen Schüler. Warte, bis du älter bist, bevor du auf die Reise gehst.“ Doch in dem jungen Mann brannte die Ungeduld, und so blieb er zwar zu Hause, doch er wurde krank und es ging ihm mit jedem Tag schlechter. Da liessen ihn die Eltern endlich ziehen.
Der junge Mann machte sich auf den Weg. Er wanderte siebzig Tage und siebzig Nächte. Dann kam er in die Stadt, wo der weiseste aller Weisen lebte.  Der junge Mann suchte die Schmiede und fand dort einen sehr alten Mann. Dieser schaute ihn an und fragte: „Was wünschst du?“
„Meister, ich möchte die Weisheit des Lebens lernen.“
Der Meister schwieg. Dann griff er nach dem Strang, der den Blasebalg der Schmiede aufzog und sagte: „Zieh den Strang!“
Der junge Mann gehorchte. Er zog am Strang, bis die Sonne unterging. Nachts schlief er in einer Ecke der Werkstatt und am folgenden Tag stand er auf und zog wieder am Strang. So vergingen einige Tage, Wochen, Monate, ein ganzes Jahr. Schliesslich waren zwei Jahre vergangen. Da wandte sich der junge Mann wieder an den Meister und bat: „Lehrt mich die Weisheit des Lebens!“
„Zieh den Strang!“, antwortete der Schmied, und so zog der junge Mann am Strang, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.
Als fünf Jahre um waren, ging der weise Schmied abends auf den jungen Mann zu und sagte: " Nun kannst du nach Hause zurückkehren. Die ganze Weisheit des Lebens ist in deiner Seele, denn ich habe dich Geduld gelehrt.“
Da verneigte sich der junge Mann tief vor seinem Meister, verliess die Schmiede und kehrt glücklich in sein Land zurück.

Fassung Djamila Jaenike, nach: R. und P. Soupault, Märchen aus fünf Kontinenten, Vevey 1968, © Mutabor Märchenstiftung 

 

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