Pflanzenmärchen - Kräutergeschichten | Mutabor Verlag | Märchenstiftung

Pflanzenmärchen – Blumenmärchen

Der Zauber der Blumen hat die Menschen seit jeher beschäftigt. Ob Rose oder Veilchen – unzählige Blumen spielen eine grosse Rolle in den Blumenmärchen dieser Welt. Es wird von Blumenfeen erzählt, von Königen, die die schönste Blume suchen und von in Blumen verzauberten Prinzessinnen.  Es gibt auch mythische Baumgeschichten, Märchen von Baumfeen, Zauberbäumen, Waldgeistern und Zauberfrüchten. Eine kleine Kostprobe finden Sie hier.


Bücher zum Thema 
herausgegeben von der Mutabor Märchenstiftung

Blumenmärchen aus aller Welt.
Erhältlich im Shop oder im Buchhandel:   ISBN 978-3-9523692-3-4

Baummärchen aus aller Welt
4. Auflage, Mehr als fünfzig Baummärchen. Bestellbar im Shop oder im Buchhandel: ISBN 978-3-9523692-5-8

Pflanzenmärchen aus aller Welt
Bestellbar im Shop oder im Buchhandel: 
ISBN 978-3-9523692-9-6

 

Die Schlüsselblumenfee

Als es auf der Welt noch Feen gab, besass die Schlüsselblume Zauberkraft. Wer sie im richtigen Augenblick pflückte, dem brachte sie Glück. Einst trieb ein Schäfer zu Frühlingsanfang seine Schafe auf die Weide. Als die Herde zu grasen begann, erblickte er nahe bei einem Felsen ein Büschel blühender Schlüsselblumen. Er pflückte die grösste und schönste und steckte sie an seinen Hut. Nach einer Weile wurde der Hut merkwürdig schwer. Der Schäfer setzte ihn ab und blieb wie angewurzelt stehen. Statt der Blüte trug er einen Schlüssel aus purem Gold hinter dem Hutrand. Als er den Schlüssel in die Hand nahm, erschien im selben Augenblick, wie vom Wind hergeweht, eine wunderschöne Fee. «Fürchte dich nicht», sagte sie. «Der Schlüssel wird dir Glück bringen. Lege ihn hier auf den Felsen. Der Stein wird sich auftun, und du wirst alle Schätze der Erde erblicken. Nimm davon, soviel du willst, doch gib acht, dass du das Beste nicht vergisst.»
Der Schäfer wusste nicht, ob er träumte oder wachte. Er trat zu dem Felsen, legte den Schlüssel darauf, und eine unterirdische Grotte öffnete sich, strahlend und glitzernd von Gold, Silber und Edelsteinen, dass ihm die Augen übergingen. Schnell breitete er seinen Kittel aus und packte von den Reichtümern darauf, soviel er tragen konnte. Dann warf er sich das Bündel über die Schulter und verliess die Grotte.
Aber das Wichtigste, den goldenen Schlüssel, liess er zurück. Seither erschliesst die Schlüsselblume die Schätze der Erde nicht mehr. Und auch die Feen, die sich den Menschen zeigten, wurden nicht mehr gesehen.

Märchen aus Deutschland, Mutabor Verlag, Blumenmärchen aus aller Welt

 

Die Zaubermistel

Dort wo der Berg Triglav seine drei Spitzen in den Himmel streckt, lebte einmal ein Hirt mit seiner Frau in einer ärmlichen, strohgedeckten Hütte. Im Sommer trieb er die Schafe auf die höher gelegenen Weiden und brachte sie am Abend wieder ins Tal. Einmal, da klopfte es am Abend an die Tür. Der Hirt öffnete, und draussen stand ein alter Mann. «Bitte, habt ihr ein Stück Brot für mich und einen Platz für die Nacht?» Der Hirt liess den Alten ein und bot ihm einen Platz am Herdfeuer an. Die Frau des Hirten brachte dem Mann eine Schüssel mit warmem Hirsebrei. Der Gast ass gierig alles auf, und dann sprach er: «Ich danke euch für eure Gastfreundschaft. Zum Dank will ich euch etwas zeigen.» Er schaute zum Berghang hoch, wo der Mond sein weisses Licht auf die Reste einer Burg warf. «Vor vielen hundert Jahren lebte ich dort auf der Burg meiner Väter. Ich war ein gefürchteter Raubritter. Ohne zu zaudern, überfiel ich die Kaufleute, die ihre Waren über den Berg brachten, und häufte grosse Schätze an. Doch dann wurde meine Burg angegriffen, und ich starb im Kampf. Alles war zerstört, und ich musste fortan als Geist am Triglav herumirren. Doch heute sind die dreihundert Jahre herum, und ich habe genug Busse getan. Weil ihr mich heute Abend aufgenommen habt, will ich euch einen Rat geben: Geht in den Wald und sucht die Eiche, an deren Stamm ein Christusbild hängt. Oben im Wipfel der Eiche wächst eine Zaubermistel. Nehmt sie und geht in der Nacht zur zwölften Stunde in die Burg. Mithilfe der Zaubermistel werdet ihr den Schatz heben.» Nach diesen Worten wurde der seltsame Gast immer heller und heller, bis der Geist verschwand. Der Hirt und seine Frau standen staunend am Feuer. Dann fassten sie sich an den Händen und beschlossen, sich am nächsten Tag auf die Suche nach der Zaubermistel zu machen. Am anderen Morgen wanderten sie in den Wald. Sie sahen viele Eichen, doch keine war die richtige. Nach vielen Stunden kamen sie zu einer Hütte. Sie klopften an, und ein altes Mütterchen öffnete die Tür. «Was wollt ihr hier in meinem Wald?», fragte sie grimmig. «Wir sind auf der Suche nach der Zaubermistel», sagten die beiden. «Aber wir können sie nirgendwo finden.» 
«Das ist schwer», sagte das Mütterchen etwas freundlicher. «Wandert weiter, immer Richtung Sonnenaufgang, dann kommt ihr zu der Eiche mit der Zaubermistel. Es ist schwer hinaufzuklettern und schwer, die Mistel zu pflücken. Doch sie leuchtet in grünem Schein, und die weissen Beeren glänzen wie Perlen. Wenn ihr die Zaubermistel gepflückt habt, so flieht, so schnell ihr könnt, und sprecht kein einziges Sterbenswörtchen, sonst ergeht es euch schlecht.» Der Hirt und seine Frau dankten dem alten Mütterchen und machten sich auf den Weg Richtung Sonnenaufgang. Nach langer, langer Wanderung fanden sie die Eiche mit dem Christusbild, und ganz oben im Wipfel der Eiche leuchtete ihnen die Zaubermistel entgegen. Mit Müh und Not schafften sie es, die Eiche hochzuklettern, und nur mit grosser Kraft konnten sie die Mistel schneiden und wieder vom Baum herunterklettern. Noch schwerer aber war es, kein Wort dabei zu sprechen. Dann flohen sie durch den Wald und kamen spät in der Nacht zu der Ruine der Burg. Wie von unsichtbarer Hand führte die Zaubermistel sie zu einer Tür, die in den Keller führte und von dort zu einem Gewölbe. Sie brauchten nicht lange zu graben, da stiessen sie auf eine eiserne Truhe, die war so schwer, dass sie sie kaum tragen konnten. Zu Hause angekommen öffneten sie das Schloss und sahen, dass die Truhe voller Gold und Silber war. Voller Freude tanzten die beiden in der Hütte herum. Sie teilten ihren Schatz mit denen, die genauso arm waren wie sie zuvor, und liessen eine Kapelle errichten, damit der Burggeist seine Ruhe fand. Noch heute erzählt man sich die Geschichte von der Zaubermistel, die den beiden das grosse Glück gebracht hat.

Märchen aus Slowenien, Fassung Djamila Jaenike, © Mutabor Verlag, Pflanzenmärchen aus aller WeltRezept Mistel-Räuchermischung

 

Eiche und Steinpilz

Neben einem jungen Eichenbäumchen schoss ein Steinpilz aus der Erde. Schön rundlich und mit einer keck aufs Ohr geschobenen Mütze.
«Wie alt bist du, Freundchen? «fragte er den Eichenbaum.
«Ich werde bald fünf Jahre alt», antwortete das Bäumchen
«Ich fange grad erst zu wachsen an, bin aber schon fast so gross wie du. Was glaubst du, wie ich noch wachse! Rück beiseite, Freund, sonst reicht mir der Platz nicht aus.»
«Gedulde dich doch bitte noch drei Tage», sagte das Eichenbäumchen besorgt, «dann wollen wir weiter sehen.»
Es verging ein Tag, dann der zweite, der Steinpilz wuchs und wurde tatsächlich immer grösser. Das Bäumchen begann, sich ernstliche Sorgen zu machen. Aber am dritten Tag neigte sich der Steinpilz bedenklich der Erde zu.
«Bäumchen, stehst du noch?» fragte der Pilz.
«Jawohl», erwiderte die Eiche.
«Mich schwindelt, ich glaube, ich falle gleich um», klagte der Pilz.
Der Steinpilz wurde madig, faulte und vermoderte, die Eiche aber steht noch heute.

Märchen aus Litauen, aus: Baummärchen aus aller Welt, Mutabor Verlag

 

Wie die Königskerze ihren Namen bekam

Vor alter, alter Zeit zog ein christlicher König von England mit seinem Sohn als Pilger nach Rom. Dort wollte er an den Gräbern der Apostelfürsten beten und die Ruhestätte der heiligen Märtyrer, die Katakomben, besuchen. Nachdem er die Herrlichkeiten Roms bewundert hatte, wollte er mit seinem Sohn in die Katakomben hinuntersteigen. Ein frommer Mann sollte die beiden begleiten. Dieser aber war in Wahrheit ein schlimmer Mann, der schon viele Menschen ins Verderben gebracht hatte. Ahnungslos stieg der König mit seinem kleinen Sohn in das Labyrinth von Grabkammern und Gängen hinunter. Vor dem Eingang aber blühten goldgelbe Blumen an einem hohen Stängel, davon brach das Kind einen ab. Als sie in der Tiefe der Totenstadt angekommen und gebetet hatten, nahm der Führer das Licht und floh. Er liess die beiden allein im Dunkeln, wo sie den Ausweg niemals finden würden. Der König rief um Hilfe, doch nur ein böses Lachen erklang. Der Sohn weinte und der Vater erkannte, dass sie niemals wieder das Tageslicht sehen würden. Da fiel er auf die Knie und betete um Hilfe. Auf einmal schien es hell zu werden, als hätte jemand eine Kerze entzündet. Das Licht kam von der Blume, die das Kind immer noch in der Hand hielt. Es war ein schwacher Schein, doch er genügte, um ihnen den rechten Weg zum Tageslicht zu zeigen. So kamen der König und sein Sohn mit dem Leben davon. Die Blume mit dem hohen Stängel heisst seither Königskerze.

Märchen aus England, Fassung Djamila Jaenike, © Mutabor Verlag, Pflanzenmärchen aus aller WeltRezept Königskerzensirup

 


Das Zauberveilchen

Ein Hirtenjunge fand einmal ein besonders schönes Veilchen, das war viel grösser als alle, die er je gesehen hatte. Er pflückte die Blume vorsichtig, trug sie nach Hause und zeigte sie seinem Vater. Der Vater wunderte sich und sprach: «Heute Nacht erschien mir diese Blume im Traum und eine Stimme sagte mir, ich solle dreimal daran riechen.» Er hob die Blume an seine Nase, roch dreimal daran und auf einmal erschien ein kleines graues Männlein, das sprach: «Komm und folge mir!» Der erschrockene Junge wollte den Vater zurückhalten, doch dieser sagte: «Bleib du hier, hüte Haus und Tiere und warte auf mich.» Dann ging er mit dem grauen Männlein fort. Bald kamen sie zu einem alten Gemäuer, wo früher einmal eine Burg gestanden hatte. Unter der alten Mauer war ein Saal, darin sassen an einem Tisch zwölf kleine Erdleute und liessen es sich schmecken. Oben an der Wand aber hing eine Uhr. Das graue Männlein zeigte auf die Uhr und sagte: «Du sollst uns die Wanduhr wieder in Gang bringen. Sie ist heute Nacht stehen geblieben.» Der Mann sah, dass keines der Männlein gross genug war, um bis zur Uhr zu gelangen. Er stellte die Zeiger und stiess das Pendel an, das sogleich hin und her schwang. Als der Mann nach Hause kam, hörte er schon lautes Blöken, Muhen und Wiehern und als er nachschaute, sah er viele Schafe, Kühe und Pferde im Stall stehen. Das war der Dank der Erdleute gewesen. Das Veilchen aber war ganz golden geworden, und der Hirtenjunge hörte seitdem ein feines Ticken, wenn er sein Ohr auf die Erde legte.

Märchen aus Deutschland, Fassung Djamila Jaenike,  © Mutabor Verlag, Blumenmärchen aus aller Welt

 

Der Flachs

Weit oben im Norden liegt ein Land mit hohen Bergen, tiefen Schluchten und schattigen Tälern. Die Bergspitzen sind jahraus und jahrein mit Schnee und Eis bedeckt, die beim Sonnenaufgang und beim Untergang golden und purpurn glänzen. Vor langer, langer Zeit wohnte dort ein Hirte mit Frau und Kindern in einem einsamen Waldtal. Einmal, an einem schönen Sommertag, war er mit seiner Herde hinausgezogen und hütete sie oben in den Bergen. Tiefe Stille herrschte ringsumher, und wie der Hirte zu den Bergen hochschaute, da wünschte er sich, einmal zu den glänzenden Eisfeldern im ewigen Schnee hinaufzusteigen. Wie im Traum erhob er sich, wanderte immer weiter die Berge hoch, bis er auf einmal vor einer grossen Wand aus Eis stand. Kein Weg führte mehr weiter, und wie er da stand, entdeckte er auf einmal ein Tor, das kunstvoll verziert war. Als er näher trat, öffnete es sich und gab den Weg durch einen dunklen Gang frei. Vorsichtig trat der Hirte ein und ging den dunklen Gang weiter, bis er vor einem prächtigen Saal stand. Die Wände waren aus Kristall und Tausende von Lichtern leuchteten und gaben ihren Widerschein in den wunderbaren Raum. Mitten im Saal aber stand eine erhabene Frauengestalt in einem silberweissen Gewand und mit einer Krone aus Diamanten geschmückt. In der Hand trug sie einen Strauss himmelblauer Blumen. Liebliche Frauen, die mit den gleichen blauen Blumen geschmückt waren, umgaben die helle Frau und der Hirte sank ehrerbietig auf die Knie. Da wandte sich die Frau ihm zu und sprach: «Da du den Weg zu uns gefunden hast, ist es dir erlaubt, von allen Schätzen, die du hier schaust, das Schönste auszuwählen, sei es Gold oder Silber, Edelsteine oder Diamanten.» Der Hirte jedoch konnte seine Augen nicht von den blau leuchtenden Blumen abwenden und er sprach: «Erhabene Göttin, ich wünsche nichts anderes als die Blumen in deiner Hand.» Da zog ein Lächeln über das Gesicht der Göttin und sie sprach: «Du hast dir das Schönste und das Wertvollste erwählt. Nimm dir die Blumen, sie sollen ein Segen für die Menschen sein.» Mit diesen Worten gab sie ihm ein Säckchen, gefüllt mit tausenden kleinen Samen, um sie auf der Erde zu verstreuen. Kaum hielt der Hirte das wunderbare Geschenk in der Hand, als ein gewaltiger Donnerschlag erklang. Die Göttin und ihre Helferinnen, der Saal und alle Pracht waren verschwunden. Der Hirte stand wieder vor der mächtigen Eiswand und rieb sich die Augen, doch das Tor zum Palast der Göttin war verschwunden. Als hätte er geträumt, schaute er nun auf seine Hand. Doch das Geschenk war noch da und im Säckchen glänzten die Samen wie goldene Körnchen. Er stieg die Felsen hinab und als er endlich zur Weide kam, wo er seine Schafe gelassen hatte, fand er kein einziges Tier mehr. Er suchte lange Zeit vergeblich und machte sich schliesslich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, fand er seine Frau in Tränen, denn er war nicht einen Tag, sondern ein ganzes Jahr fort gewesen. Am nächsten Tag aber gingen sie hinter das Haus, um die Erde umzugraben. Gemeinsam streuten sie die Gabe der Göttin über der Erde aus. Und siehe da: Die Monde vergingen und nach und nach streckten sich die kleinen Sämlinge, wurden stark und gross und bald blühten Tausende von blauen Blumen. Der Hirte behütete die Pflanzen sorgsam, und als die Samenknospen reiften, erschien die Göttin in der Hütte des Hirten und lehrte sie den Nutzen des Leins. Sie zeigte ihnen auch das Spinnen und Weben und nicht lange darauf konnten sich der Hirte, seine Frau und die Kinder in wunderbares weisses Linnen kleiden. Die Frau des Hirten gab das Wissen weiter, und so kam der Flachs als eine göttliche Gabe zu den Menschen. Die Göttin Holle aber wacht darüber, dass ihr Geschenk geachtet und geehrt wird. In der Nacht besucht sie die Webstuben, und wo faule Mädchen gesponnen haben, verwirrt sie den Rocken, wo aber fleissig das Rädchen gedreht wurde, da spinnt sie selbst eine Spule voll und der Faden glänzt wie reines Gold.

Märchen aus Österreich, Fassung Djamila Jaenike, © Mutabor Verlag, Blumenmärchen aus aller Welt

 

Die Blumensamen

Es war einmal ein mächtiger König, der hatte drei Söhne, die waren ihm alle drei gleich lieb. Als der König immer älter wurde, plagte ihn die Frage seiner Nachfolge. Welcher der drei Söhne sollte ein- mal seinen Thron erben? Sie schienen ihm alle drei gleich stark und schlau. Bald konnte er nicht mehr ruhig schlafen, fand keine Antwort. So befragte er seine Wesire und Ratgeber. Doch kein Rat schien ihm richtig zu sein. Da hörte der König von einem Weisen. Er machte sich auf, diesen Mann zu besuchen und kehrte mit dessen Ratschlag heim. Der König rief nun seine drei Söhne zu sich und sprach: «Meine Söhne, ich werde eine Pilgerreise unternehmen und nie- mand weiss, wie lange es dauern wird, bis ich wieder zurückkehre. Ich gebe jedem von euch einen Beutel mit Blumensamen. Derjenige von euch, der die Samen am besten hütet, soll später mein Nachfolger sein.» Der König verliess das Schloss und der erste Sohn überlegte nicht lange, legte den Beutel mit Samen in eine eiserne Truhe, damit sie bis zur Rückkehr des Vaters gut verwahrt wären.
Der zweite Sohn aber dachte: «Was kann ich mit Blumensamen anfangen? Wenn ich sie wegschliesse, werden die Samen absterben. Am besten ist, wenn ich auf den Markt gehe und sie verkaufe. Sobald der Vater zurückkehrt, werde ich neue Samen besorgen.»
Der dritte Sohn nahm den Beutel, ging in den Garten und streute die Samen aus.
Die Pilgerfahrt des Königs dauerte drei Jahre. Als er heimkehrte, führte der älteste Sohn ihn zu der eisernen Truhe, um ihm die Samen zurückzugeben
Doch in den Jahren waren die Samen verfault und der Vater sprach: «Dies sind nicht die Samen, die ich dir anvertraute. Aus diesen Samen wird niemals wieder etwas erblühen.»
Der zweite Sohn eilte zum Markt und kaufte die gleiche Menge Samen, wie der Va- ter ihm gegeben hatte, kehrte ins Schloss zurück und überreichte sie dem Vater. Doch dieser sprach: «Du hast besser gehandelt als dein älterer Bruder, aber dies sind fremde Blumensamen und nicht die meinigen.»
Nun suchte der König den dritten Sohn und fand ihn im Garten.
Dort blühten Tausende von Blumen und der Jüngste war dabei, die reifen Samen einzusammeln und in den Beutel zu füllen und er rief: «Schaut, oh Vater, diese Blumen sind aus den Samen erblüht, die Ihr mir gegeben habt.»
Da stieg ein Lächeln im Gesicht des Königs auf und er sprach: «Du wirst mein Erbe sein, denn mit deiner Hilfe wird das Königreich wachsen und gedeihen.»

Parabel aus Indien, Fassung Djamila Jaenike © Mutabor Verlag, Blumenmärchen, 2014

 

Die Päonien

In dem kleinen Dorf Tsung, umgeben von einem herrlichen Blumengarten, stand das Haus des jungen Beamten Chang. Er hatte Haus und Garten und auch die Liebe zu den Blumen von seinen Eltern geerbt. Schon in seiner frühen Kindheit waren die Blumen seine Freunde und Begleiter gewesen. Und so war Changs Garten vor dem Haus voll herrlicher Blüten. Seine besondere Liebe gehörte der Päonie, deren Blüten in der warmen Frühlingssonne so herrlich leuchten und duften. Jedes Jahr wartete Chang sehnsüchtig auf ihr Blühen. Seit man ihm erzählt hatte, dass es in dem kleinen Städtchen Chao-Chou die allerschönsten Päonien zu sehen gab, wartete er nur noch auf eine Gelegenheit, dorthin zu reisen.  Endlich sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen. Eines Tages erteilte ihm sein Vorgesetzter den Auftrag, in einer dienstlichen Angelegenheit nach Chao-Chou zu reiten. Chang war darüber hoch erfreut, denn er dachte an die herrlichen Päonien, die es in Chao-Chou zu sehen gab. Aber noch waren die Tage kühl, und der Frühling war fern. Als der Beamte Chang in Chao-Chou ankam, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als nach den Päonien zu schauen. Zu seiner Enttäuschung sah er, dass sie wohl ihre grünen Blätter ausgestreckt hatten, die Blütenknospen aber noch klein und fest geschlossen waren. Vor dem Fenster seines Zimmers, das er gemietet hatte, lag ein kleiner Garten. Darin standen Päonienbüsche. So konnte Chang jederzeit nachsehen, ob die Knospen schon grösser wurden. Auch ein alter Maulbeerbaum stand in seinem Garten und breitete seine knorrigen Äste wie schützend über die Blumenbeete. Eines Morgens schaute Chang wieder aus dem Fenster. Da sah er, dass die Päonien nun schon dickere Knospen hatten. Eigentlich hätte Chang schon lang nach Tsung, seinem Heimatdorf, zurückkehren müssen, denn sein dienstlicher Auftrag war längst erledigt, und er hätte seinem Vorgesetzten darüber berichten müssen. Auch hatte Chang nur noch wenig Geld bei sich. «Nur noch ein paar Tage, dann werden die Päonien blühen, und dann will ich heimwärts reisen», sagte Chang und blieb. Da die Sonne nun schon kräftig schien und wärmte und Chang dringend Geld brauchte, kam er auf den Gedanken, seinen Winterpelz zu verkaufen. Das tat er auch, und jetzt konnte er wieder eine Zeitlang sorgenfrei leben. Aber als bald darauf seine Börse wieder leer war und die Päonien noch immer nicht blühten, musste er sich wieder etwas einfallen lassen. Diesmal verkaufte er sein Pferd. Die Summe, die er dafür erhielt, reichte für eine Weile. Aber eines Tages hatte er wieder die letzte Münze ausgegeben, und die Päonien wollten noch immer nicht blühen. Noch nie hatte der Frühling so lange gezögert, und Chang konnte sich nicht erinnern, dass die Päonien jemals so spät geblüht hatten. So verkaufte der Beamte Chang, während er auf die Päonienblüte wartete, mit der Zeit all sein Hab und Gut. Jetzt hatte Chang nicht einmal mehr das Geld für die Heimreise. Noch mehr aber erschreckte ihn der Gedanke an seinen Dienstherrn. Was würde der wohl von ihm denken und was wohl zu seinem langen Ausbleiben sagen? Wenn er nicht bereit war, ihm gnädig zu verzeihen, erwarteten ihn Kerker, Prügel und die Entlassung «Was soll ich jetzt tun?», klagte Chang. «Soll ich vielleicht betteln gehen?» Zu Fuss konnte er nicht heim, dazu war der Weg zu weit, auch wäre er höchstwahrscheinlich unterwegs Räubern in die Hände gefallen, denn die Gegend war unsicher. «Ich bin verloren», jammerte der ungetreue Beamte, der plötzlich klar erkannte, wohin ihn seine übergrosse Liebe zu den Päonien gebracht hatte. Nach einer schlaflosen Nacht ging er wieder frühmorgens in den Garten, um nach alter Gewohnheit die Päonien zu beobachten und nachzuschauen, ob sie wohl endlich blühen würden. Da sah er etwas höchst Ungewöhnliches: Mitten in den Päonienbüschen standen zwei vornehme junge Mädchen. Die eine der beiden Schwestern war in schneeweisse, die andere in rosenrote Seide gehüllt. Zugleich bemerkte er aber auch, dass über Nacht endlich die Päonien aufgeblüht waren. Prächtig leuchteten sie unter dem knorrigen Maulbeerbaum hervor, vom tiefsten Rosenrot bis zum hellsten Weiss. Über dem blühenden Garten spannte sich ein seidenblauer Himmel, wie er nur im Frühling so schön ist. Als Chang die Herrlichkeit erblickte, vergass er sogleich seine Sorgen, und er freute sich über alle Massen. Er verneigte sich grüssend vor den beiden Mädchen. Sie kamen ihm freundlich entgegen und begannnen mit ihm ein Gespräch. Auch sie freuten sich über die blühende Pracht der Päonien, von denen sie mindestens ebensoviel wussten wie Chang, der sie so sehr liebte. Wie sie in den Garten gekommen waren, konnte er von ihnen nicht erfahren. Sie plauderten fröhlich miteinander. Aber irgendwann erinnerte er sich an seinen Kummer, und er dachte mit Schrecken daran, was ihn zu Hause erwartete. «Was ist es, das dich so traurig macht?», fragten ihn die Mädchen, die gemerkt hatten, wie sich sein Gesicht verdüsterte. Da klagte ihnen Chang seine Not. «Ach, wie gerne würden wir helfen», sagten die beiden Mädchen voll Mitgefühl, und während sie noch zu überlegen schienen, brach das eine, wie in Gedanken, zwei junge Triebe von den Päonienstauden, und das andere sagte: «Wir wollen die Zweige in die Erde stecken, zur Erinnerung an diese gemeinsame Stunde im Garten.» Sie baten Chang, er möge ihnen im Schatten des Maulbeerbaumes zwei Pflanzlöcher graben, in die sie die Zweige stecken wollten. Als Chang dort die Erde lockerte, stiess er mit seiner Schaufel auf etwas Hartes, das klang, als wäre es aus Metall. Er bückte sich und sah in der Erde etwas glitzern. Er griff danach und hielt ein Goldstück in der Hand. An derselben Stelle fand er noch viele solcher Münzen, einen ganzen Schatz. Chang war starr vor Freude und Überraschung. Er fasste es nicht. Die Mädchen aber, die ihn so dastehen sahen, klatschten vor Vergnügen in die Hände, sie lachten hell heraus und freuten sich unbändig, wie Kinder über einen gelungenen Streich. Auch die Zweige des Maulbeerbaumes rauschten, obwohl kein Windhauch sie bewegte, als wollten sie dem fassungslosen Chang zu seinem unerwarteten Glück gratulieren. Als Chang endlich begriff, was geschehen war, und dass er nun aller Sorgen ledig war, kniete er nieder und wollte den beiden Mädchen überschwänglich danken. Aber als er aufsah, waren sie plötzlich nicht mehr da, sie waren verschwunden, als hätte der Erdboden sie verschluckt. Wo sie eben noch gestanden hatten, wuchsen jetzt zwei herrliche Päonienbüsche, die waren über und über bedeckt mit schneeweissen und rosenroten Blüten.

Märchen aus China, Mutabor Verlag, Blumenmärchen aus aller Welt